Was ist los mit Richtig und Falsch?

Richtig und Falsch in unserem Leben

Ich bin noch ganz beseelt und inspiriert durch das Wochenende, was hinter mir liegt und möchte ein wenig davon in diesem Blog Artikel teilen.

Der Workshop ging um innere Eigenarbeit. Und die Frage, die immer wieder auftauchte, lautete: Wie gehen wir mit uns und anderen um?“

Und öfter schrieb ich in meine Notizen: unbedingt im Blog darüber schreiben. 

Denn obwohl es mit Gesangsunterricht auf der äußeren Ebene gar nichts zu tun hatte, war in mir die ganze Zeit das Gefühl, dass es eigentlich um alles in unserem Leben geht, also auch um die Art und Weise, wie wir unterrichten.

Dort ging es um die Art und Weise, wie wir es immer wieder schaffen, uns selbst oder andere falsch zu machen. Vielleicht sind es am Anfang unseres Lebens oft die anderen gewesen, die Eltern gewesen, die uns falsch gemacht haben, aber heute sind wir es selber.

 

Nein, bitte nicht schon wieder dieser Teufelskreis

Und dann geht er los, der Teufelskreis. Erst machen wir uns selber falsch, das fühlt sich so schrecklich an, also machen wir die anderen falsch. Das scheint ein bisschen besser, denn dann haben wir jemanden, auf den wir alles schieben können. 

Und dann dreht es sich rund herum wie ein Karussell: Mal hängen wir in unseren eigenen Selbstzweifeln und wir denken so etwas wie, 

  • wir seien unbegabt,
  • wir seien faul, 
  • wir seien zu dumm, 
  • wir hätten es nicht besser verdient … 

Was sind deine favorisierten Sätze, die du dir mehr oder weniger laut, mehr oder weniger aufdringlich um die Ohren haust?

Und schwupps, Kehrtwendung, dann sind es die anderen. Auch da kennst du sie auch sicher, die Beschuldigungen:

  • was die anderen dir angetan haben,
  • was sie immer wieder tun, 
  • wie sie dich behandeln, 
  • das hast du sicherlich nicht verdient, 
  • sie sind alle herzlos, 
  • sie haben keine Ohren, 
  • sie haben keinen Geschmack, 
  • sie haben keine Ahnung, 
  • haben sie denn noch nie davon gehört, dass man es so macht und nicht anders … 

Setze auch hier gern all die Sätze, Vorurteile und Beschwerden ein, die du von dir kennst.

Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich könnte mehrere Seiten füllen mit beiden Arten von Sätzen. Was habe ich mich in meinem Leben schon mit Selbstzweifeln und Selbsthass gequält. 

Und wie oft habe ich andere für meinen Kummer verantwortlich gemacht und sie teils böse beschimpft, laut und leise.

 

Und nun kommt Richtig und Falsch im Gesangsunterricht

Habe ich das Bild abschreckend genug gezeichnet? Ist dir schon leicht schlecht oder mulmig? Mir ja, ich würde damit jetzt lieber aufhören und schauen, ob es Alternativen gibt, und wie diese denn aussehen könnten.

Aber vorher möchte ich doch noch einmal eine Situation zeichnen, die noch nicht wirklich schön ist. 

Denn es ging mir ja um die Frage nach Richtig und Falsch. Wenn ich also das Richtige finden möchte, muss ich doch wissen, was Falsch ist, oder? Denn wenn wir die Gegensatz-Paare nicht finden, funktioniert das Ganze doch nicht.

Also woher kennen wir das im Gesangsunterricht? 

Stellen wir uns eine Situation vor: der neue Schüler steht vor uns, wir geben eine Übung am Klavier vor und er singt falsch und unmusikalisch. Ein hartes Urteil, aber so empfinden wir es vielleicht.

Aber sagt dieses Urteil wirklich etwas aus? Und wenn ja, über wen und über was?

Können wir daraus eine Lösung ableiten? Worauf eigentlich bezieht sich denn falsch? 

Dass die Frequenz, die das Klavier erzeugt nicht die gleiche ist, die wir bei unserem Schüler zu hören meinen? Und wenn wir diese Frage mit JA beantworten, was hat es uns genutzt? 

Wissen wir jetzt, was wir tun können?

 

Tonhöhe

Wir könnten jetzt auf die gefühlt objektive, sachliche Seite gehen und sagen: er trifft die Töne nicht. Ja, das könnte stimmen – oder nicht? Welche Töne trifft er denn nicht? Na, die, die auf dem Notenblatt stehen, die, die ich ihm vorgespielt habe.

Okay – und weiter geht es mit unserer Analyse: wieso macht er das eigentlich?

Nun können wir alles Mögliche ausprobieren und vermuten. Vielleicht hat er keine Orientierung, denn wir brauchen schließlich eine Orientierung, wenn wir hoch und tief unterscheiden wollen. 

Wie bekommen wir die beim Singen? Da liegt keine Tastatur vor uns, auf die wir schauen können. Was ist mit seinem Körperempfinden? Kann er Klänge in seinem Körper zuordnen? Kann er eine Beziehung zwischen sich und den Vibrationen herstellen, den Vibrationsbewegungen, die im Körper beim Singen entstehen, egal in welcher Tonhöhe er singt?

 

Rhythmus

Aber vielleicht war es auch eher der Rhythmus, der uns gestört hat, irgendetwas an dem, wie er gesungen hat scheint unrhythmisch zu sein. Die Jazzer unter uns würden sofort sagen: das groovt nicht. 

Aber was ist denn Rhythmus, was ist denn Groove? Woher bekommen wir unsere Rhythmen, wie fühlen wir sie? Fühlen oder zählen wir sie? Jetzt mal ganz ehrlich: kennt ihr jemanden, der anfangen konnte zu grooven, weil ihr ihm die geswingten Achtel vorgezählt habt? Habt ihr bei dem Versuch nicht euren Körper mitbewegt? Wie habt ihr euch dabei körperlich gefühlt?

Rhythmus entsteht auch aus unserem Körper. Unsere Körperrhythmen sind der Blutdruck und vor allem der Herzschlag. Deshalb ist es auch bei Aufregung viel schwerer, das „richtige“ Tempo zu finden, denn das Tempo, woran wir uns orientieren, reagiert natürlich auf Emotionen, die in einem Konzert, einer Prüfungssituation völlig anders sind als zu Hause beim üben.

Auch das ist ein Riesenthema, wie wir damit umgehen.

 

Hören

Und nun kommt das Ohr.

„Ja, hört er denn nicht, dass er falsch singt? Das muss man doch merken!“

Nein, muss man nicht.

Denn die Antwort auf die Frage ist auch da vielschichtig. Wie ist denn sein Gehör in Bezug auf Tonhöhen? Welche Erfahrungen bringt er mit? Kann er überhaupt die unterschiedliche Frequenzmischung, die ein Klavier hat auf seine Stimme übertragen? Das ist nämlich eine Leistung, die wir als jahrelange Gesangspädagog:innen gar nicht mehr nachvollziehen können.

Und wie ist seine Erfahrung in Bezug auf die verschiedenen Frequenzen? Hat er das jemals in seinem Leben schon so zugeordnet? Wie viel hat er denn in seiner Kindheit gesungen? Wie viel und welchen Gesang hat er in seinem Leben sonst gehört? Wie reagiert er auf Stimmen? Welche emotionalen Verbindungen hat genau dieser unser neuer Schüler zu verschiedenen Frequenzen in den Sprechstimmen anderer Menschen? Wen hat er in seiner Kindheit sprechen und singen gehört?

 

Und jetzt kommen wir …

Und spätestens hier bemerkt man, dass Richtig und Falsch viel zu grobe Kategorien sind, die nichts über das aussagen, wer unser Schüler wirklich ist und woher all dies, was wir hören und bewerten wirklich kommt. Wir stecken ihn womöglich in einen Kasten unserer eigenen Gedanken und Bewertungen. Und wie viel Mühe geben wir uns, die Ursache heraus zu finden?

Und vielleicht konfrontiert uns genau dieser Schüler mit unserem eigenen Nicht-Wissen, unserer Hilflosigkeit, wenn wir nicht weiter wissen? Und ist das nicht genau wie im richtigen Leben?

Wie oft wissen wir nicht weiter? Und vielleicht gehören wir zu denen, die sich nicht mehr so hilflos fühlen, wenn die anderen schuld sein können. Dieser Schüler eben, der einfach falsch singt und unmusikalisch ist. Das tut uns leid für ihn, aber es gibt ja noch andere schöne Hobbys, vielleicht muss ja auch nicht jeder singen können.

 

 

Und immer noch seid ihr dran, die Lesenden … wer sollte es auch sonst sein?

Der Schüler geht vielleicht und kommt nie wieder, aber euch kann ich leider noch nicht vom Haken lassen und möchte mit euch gemeinsam fragen: 

Warum tun wir das mit unseren Schülern? Warum benutzen wir die Begriffe „richtig“ und „falsch“ immer noch? Entweder indem wir sie aussprechen oder indem wir sie ganz heimlich und manchmal unbemerkt denken?

Und es ist gut, uns selbst zu fragen: Wie haben denn wir gelernt mit unserer Hilflosigkeit umzugehen? Was haben wir über Hilflosigkeit gelernt? Als wir ganz klein waren, als wir dann in die Schule kamen, als wir unsere Ausbildungen gemacht haben? Durften wir um Hilfe fragen? Haben wir Hilfe bekommen? Und nicht zuletzt: haben wir überhaupt gelernt, nach Hilfe zu fragen?

Oder wurden wir als dumm hingestellt, wurden wir mit unserem Nicht-Wissen falsch gemacht? Wurden wir ignoriert, wurden wir beschämt, wurden wir lächerlich gemacht?

Vielleicht hat uns unser Lehrer im Gesangsunterricht immer nachgeäfft, wenn wir die Töne wieder nicht so gesungen haben, wie er es gern von uns wollte. Ich habe diese Situation mehr als einmal in meiner Laufbahn erlebt und ich musste oft die Tränen zurück halten, weil ich mich so bloßgestellt und dumm fühlte bis ich endlich artikulieren und sagen konnte: „Ich möchte so nicht behandelt werden. Bitte unterlassen Sie es, mich nachzuahmen. Das hilft mir nicht.“

 

Welche Art von Suchender bin denn ich?

Und wie gehen wir dann später damit um, wenn wir selber zu Lehrerinnen und Lehrern geworden sind?

Suche ich schon fast mein Leben lang nach der richtigen Technik, damit ich meine Hilflosigkeit endlich los werde? Mache ich eine Fort- und Ausbildung nach der anderen? Bin ich dann als Lehrerin richtig, wenn meine Schüler endlich richtig singen lernen?

Mit der Hilflosigkeit ist das eine spannende Sache. Sie fühlt sich nicht gut an, ich glaube, das werden wir alle bestätigen. 

Und wir wären nicht diese unglaublich schlauen und anspassungsfähigen Wesen, die wir nun einmal sind, wenn wir nicht Mittel und Wege gefunden hätten, uns gegen dies so unangenehme Gefühl mehr oder weniger erfolgreich zu wehren.

So etwas nennen wir dann unter Umständen 

Kompensation. 

Und da gibt es bei Hilflosigkeit zwei Möglichkeiten: Wir gehen in die Rebellion, dann neigen wir dazu, andere falsch zu machen oder wir kollabieren innerlich, was bedeutet, dass wir uns selbst falsch machen.

Mit diesem Thema sind wir mit uns selbst als Lehrer:innen konfrontiert, aber natürlich auch bei unseren Schüler:innen. 

Wie reagieren sie denn auf unseren input? Rebellieren sie und erklären uns, was wir richtig und falsch in ihren Augen machen? Oder fühlen sie sich schnell ganz schlecht und erzählen uns, was für Versager sie bisher waren?

 

Vorsicht Falle

Und dann kommen wieder wir mit unseren Reaktionen: tappen wir als Lehrer:innen in die Falle, indem wir anfangen uns vor den rebellierenden Schüler:innen zu rechtfertigen und argumentieren ohne Ende? 

Oder klopfen wir uns auf die Schulter und finden, dass dieser arme sich als Versager fühlende Schüler endlich bei uns die Rettung gefunden hat, wir die bessseren Lehrer:innen sind und den Schüler am Ende retten können?

Leider geraten wir über kurz oder lang mit beiden Verhaltensweise in eine Sackgasse, das jedenfalls ist meine Erfahrung. Irgendwann kommt der Schüler, der uns zeigt, dass wir „falsch“ liegen. 

Denn wir können niemanden retten und wir können niemanden überzeugen. Dazu  braucht es unsere Offenheit zu bemerken, wo unsere Schüler:innen wirklich sind und es braucht die Offenheit des Schülers, sich mit sich auseinander zu setzen. Erst dann können wir unseren Kontakt und den Unterricht wirklich gestalten.

 

Wie gehen wir in der Rabine-Methode damit um?

Das ist etwas, was ich seit vielen Jahren in der Methodik der Rabine-Methode lerne und mittlerweile lehre und was immer wieder große Achtsamkeit braucht.

Wie schleicht sich dies Denken in Polaritäten immer und immer wieder ein?

Wir arbeiten mit Empfindungen und mit einer oft so bezeichneten Fragepädagogik. 

Wir fragen nach Empfindungen. Und die werden leider auch allzu schnell wieder in falsch oder richtig eingeteilt. Sind sie an der falschen oder der richtigen Stelle wahrgenommen worden?

Habe ich überhaupt etwas wahrgenommen? Ist es richtig, wenn ich nichts wahrgenommen haben oder ist es falsch? 

Aber jetzt mal ehrlich: kann eine Empfindung falsch sein? Kann das nicht vorhanden sein einer Empfindung falsch sein? Kann jemand das Falsche wahrnehmen?

Darauf würde ich mit einem klaren NEIN antworten. Das, was ich empfinde ist immer richtig und zwar in dem Sinn wie unser Lehrer Eugen Rabine so gern sagte: „Das Singen ist das Ergebnis eines komplexen physiologisch-neurologisch-psychologischen Vorgangs und was heraus kommt ist immer richtig.“

 

Hast du schon mitgezählt, wie oft ich das Wort „RICHTIG“ verwendet habe? 😉

Und wenn wir jetzt einfach mal das Wort „richtig“ streichen, obwohl es viel besser zu klingen scheint als das Wort „falsch“, was würden wir stattdessen sagen? Oder würden wir wieder mit einer Frage um die Ecke kommen?

Ist das endlich die lang ersehnte Lösung? Immer und immer wieder Fragen zu stellen?

 

Fragen über Fragen

Wenn wir den Schüler immer nur fragen, wie soll er denn da etwas lernen? Müssen wir ihm nicht irgendwann sagen, wie er es richtig machen soll? Oder es ihm wenigstens vorsingen, damit er weiß, wie er richtig klingen soll? Zum Thema Vorsingen können wir einen Extra Blog Artikel schreiben, denn das hat viele Facetten.

Lassen wir das also mal im Moment außen vor und kommen zurück zu den vielen Fragen.

Können wir es für möglich halten, dass wir auch durch Fragen unsere Schüler leiten können? Natürlich neben dem, dass wir auch manchmal Anweisungen geben, wenn wir sie bitten, eine bestimmte Körperübung auszuführen oder eine Stimmübung zu singen. 

Und wieder seid zuerst ihr dran; ihr, die hier lesenden Pädagog:innen, denn eure Schüler:innen lesen wahrscheinlich gerade nicht hier im Blog mit 😉

Wenn wir mit einer Frage-Pädagogik arbeiten, wie erleben wir unsere Schüler:innen dabei? Haben wir das Gefühl, dass sie antworten, als befänden sie sich in einer Prüfung? Merkt man ihnen an, dass sie versuchen, die richtige Antwort zu geben? Sind sie verunsichert? Sind unsere SchülerInnen vielleicht konditioniert, dass sie auf eine Frage die richtige Antwort geben müssen?

Oder gehen sie auch da eher in die Richtung unseres jetzt schon so bekannten Rebellen und sagen Sachen wie: was fragst du mich so viel? Sag mir doch einfach wie es geht, du bist doch schließlich die Lehrerin! 

Und wie ist es mit uns selbst? Wollen wir die richtige Antwort hören? Wissen wir genau, was wir hören wollen und sind verunsichert oder verärgert, wenn mal wieder eine kryptische Antwort kommt, mit der wir nicht gerechnet haben oder mit der wir nichts anfangen können?

Können wir in Ruhe nachfragen und uns offen die Antwort anhören? Oder beginnen wir, suggestive Fragen zu stellen, damit endlich die richtige Antwort kommt?

 

Gedanken-Fluss

Und weiter geht es mit Fragen an euch: Wenn all die Fragen in diesem Blog auftauchen und ihr bemerkt, dass ihr euch vielleicht noch nicht mit all dem beschäftigt habt, wie geht es euch dabei, das zu lesen? 

Findet ihr es spannend, werdet ihr neugierig, euch damit zu beschäftigen?

Werdet ihr rebellisch und denkt sinngemäß: was für ein Schwachsinn, das weiß ich doch längst, das mache ich doch längst, meine Art, es zu tun ist ohnehin viel effektiver, mein Güte, so viele Worte um nichts … setzt gern ein, was immer eure Gedanken und Reaktionen sind.

Oder denkt ihr: ach du Sch…, was habe ich bisher alles falsch gemacht, meine armen Schüler, kein Wunder, dass es nicht richtig vorwärts geht. Ich muss dringend die Experten fragen, denn ich weiß es einfach nicht. Ich werde es nie lernen … und setzt auch hier gern ein, was euch sonst noch so an Gedanken oder Gefühlen gekommen ist.

Oft wechseln sich die beiden Gedankenrichtungen auch ab. Erst kollabiere ich, mache mich selbst schlecht, fühle, wie mein Selbstvertrauen in den Keller geht. Aber das ist irgendwann nicht mehr auszuhalten, also gehe ich zum Angriff über: was denken die sich eigentlich, mich zu belehren?? Ich weiß selbst ganz gut wie es geht. Schließlich singen meine Schüler auf den Bühnen dieser Welt, da muss es doch gut sein, was ich mache. Ich lass mir von denen gar nichts einreden … Und so weiter uns so fort.

 

Können wir mit dem gehen, was ist?

Was wenn wir das einfach abschalten könnten, wenn wir nicht entweder uns oder die anderen richtig und falsch machen müssten? Wie könnte das aussehen? Und bitte – jetzt nicht gleich wieder nach dem richtigen Weg suchen 😉

Können wir uns selbst erlauben, nicht perfekt zu sein, auch wenn wir Geld für unsere Gesangsstunden bekommen und die Schüler:innen zu Recht etwas von uns erwarten?

Aber was erwarten sie denn? Bestimmt nicht, dass wir perfekt sind, oder? Sie möchten ernst genommen werden, sie möchten gehört werden, sie möchten Anregungen bekommen, sie möchten auf ihrem Weg, ihrem ganz eigenen, individuellen Weg kompetent begleitet werden.

Und vielleicht stimmst du mir zu, dass Kompetenz nicht bedeutet, immer sofort zu wissen, was zu tun ist und alles richtig zu machen.

Und nur für den Fall, dass du dich als Leser:in jetzt völlig falsch fühlst

  • weil du es bisher anders gemacht hast,
  • weil du es ganz anders siehst, 
  • weil du das alles Humbug findest, was ich hier schreibe, 
  • weil dir der Erfolg doch recht gibt, denn deine Schüler sind alle toll, 
  • weil du denkst, dass du es nie packst, so tolle Fragen zu stellen, wie ich in diesem Blog, 
  • weil du mich reichlich überheblich findest, obwohl du mich nicht kennst … 

möchte ich dich fragen: 

  • ist es nicht spannend, wie unterschiedlich man Dinge wahrnehmen kann,
  • wie viele Bilder auftauchen, wenn man etwas liest, 
  • wie interessant es sein kann, sich mit sich selbst auseinander zu setzen und dann wieder zu schauen, wie man danach die Welt und die anderen Menschen wahrnimmt?

Und ich stelle jetzt mal eine gewagte These auf: Trotzdem große Teile des Artikels aus Fragen bestanden, hast du etwas für dich mitnehmen können, oder? Du hast dir neue Gedanken gemacht, du hast bekannte Gedanken wieder gefunden und dich bestätigt gefühlt. Du hast dich mit dir selbst auseinander gesetzt und du hast dir selbst Fragen gestellt. Kann das sein?

 

Und ich bitte dich ganz zum Schluss, mir eins zu glauben:

Ich gehe immer davon aus, dass jede Lehrerin, jeder Lehrer, jeder Schüler, jede Schülerin immer ihr Bestes gibt. Das Beste, was in dieser Situation, im Hier und Jetzt möglich ist, nicht mehr und nicht weniger und damit können wir in Kontakt kommen.

 

Denn Kontakt ist für mich persönlich das entscheidende Element, was Verbindung unter uns Menschen möglich macht.

Seien wir Gesangslehrer:innen oder Liebende oder einfach Menschen.

Bin ich aufrecht, bin ich aufgerichtet, bin ich aufrichtig?

Die Aufrichtung und die Körperhaltung beim Singen – eine Gretchenfrage

 

aufrechtes Erdmännchen
Dieses Erdmännchen ist wirklich sehr aufrecht 😉

Immer wieder fragen mich Schüler:innen im Unterricht: Wie es denn mit der Aufrichtung beim Singen? Das ist wohl neben der „Stütze“ eine der Gretchen-Fragen, wenn wir über das Singen sprechen.

Man soll doch gerade stehen. Aber wenn man gerade steht, dann wird man irgendwann vielleicht unbeweglich. Und wenn man locker stehen möchte, wenn man versucht, möglichst entspannt zu stehen, fühlt man sich oft nicht so wohl in den wirklich anspruchsvollen Gesangsparts. Das gilt für Oper und Rock-Pop gleichermaßen.

Wir können uns dieser Frage von verschiedenen Seiten annähern.

Auf der körperlichen Ebene scheint es zwei gegensätzliche Richtungen zu geben, die sich aus unterschiedlichen Vorstellungsbildern speisen, aus denen zwei Fragen entstehen:

Ziehe ich mich nach oben an dem berühmten Marionetten-Faden?

Oder schiebe ich mich nach oben, mit Hilfe des Bodens, der mich trägt als Unterstützung, der Schwerkraft entgegen?

Und dann schwebt da auch noch der Begriff der Entspannung und der Lockerheit im Raum herum. Was machen wir damit? Wer entspannt sich wie und wie fühlt sich Lockerheit eigentlich an? Sind das Begriffe, die wir mit etwas Physiologischem in Verbindung bringen können oder sprechen wir eigentlich von einem ganz subtilen, wunderbaren, wichtigen emotionalen Empfinden?

Ich finde die Antwort auf diese Frage sehr entscheidend, denn sie bestimmt darüber, wie wir über die körperlichen Vorgänge beim aufrichten denken, welche Körperübungen wir anwenden, welche Vorstellungsbilder, welche Klangbilder wir nutzen? Sowohl in Bezug auf uns als Sänger:innen als auch als Gesangspädagog:innen.

Und wohlgemerkt, wir sprechen über das Singen, denn es ist wichtig, dass wir wissen, welches Anwendungsziel wir verfolgen. Für die Yogamatte gilt etwas Anderes als für die Aikido-Matte oder eben als das Singen. In Bezug dazu ändert sich die Art, wie wir unseren Körper und auch unsere Atmung einsetzen.

 

Einladung zu einer Übung:

Ich lade dich ein, eine Übung auszuprobieren.

Ich habe sie auch in unserem E-Book über das Konzept geschildert.

Da wir nach bestimmten Prinzipien arbeiten, bitte ich dich eine Vorher-Nachher-Situation zu schaffen, die du vergleichen kannst.

Vorher: stehe in deiner gewohnten Haltung und nimm dich dabei wahr, so wie du jetzt bist, bevor du mit dem Singen starten würdest.

Dann fange an zu singen. Wie fühlt sich das Singen für dich an?

Wie mühelos geht es?

Nimm gern weitere Dinge wahr, die dir sonst beim Singen wichtig sind und auf die du achtest.

 

Nachher: Wenn du einen Eindruck von dir im Singen und deiner Stimme bekommen hast, fange an, dich auf die Fußballen zu schieben und mache ein paar Schritte auf den Fußballen durch den Raum.

Nimm wahr, wie sich dein Körper dabei anfühlt.

Vielleicht spürst du mehr Tonus?

Vielleicht scheint mehr Energie durch den Körper zu fließen?

Dann komme wieder ins Stehen und nimm wahr, wie sich das Stehen jetzt anfühlt. Gibt es auch mehr Tonus im Stehen?

Wie fühlt sich die Haltung an?

Wie ist die Bewegungsbereitschaft?

Dann komme nochmal in dieses Gehen auf den Fußballen, komme danach wieder ins Stehen und starte mit dem Singen.

Hat sich etwas verändert?

Wie nimmst du dich wahr?

Vielleicht ist das Singen müheloser, vielleicht ist es lauter?

Vielleicht ist der Klang anders?

Und nimm auch Dinge wahr, auf die du sonst beim Singen achtest. Hat sich da etwas verändert?

Wenn du magst, experimentiere damit: wie ist es im gehen auf den Fußballen zu atmen und zu singen? Wie ist es, erst auf den Fußballen zu gehen, dann ins Stehen zu kommen und zu singen?

Was ändert sich mit dieser Übung ganz grundlegend in der Körperwahrnehmung für dich?

Was ändert sich im Atmen und Singen?

Wie fühlt sich das Singen an?

Wie reagiert deine Stimme darauf?

 

Wodurch ändern sich Körpertonus und Körperhaltung?

Unser Körpertonus und unsere Körperhaltung verändern die Atmung, die beim Singen eine entscheidende Rolle spielt. Wenn wir diese Übung machen, wird durch die Muskel- und Faszienkette des Beines, unseren großen Po-Muskel, den Gluteus maximus Energie bis zur Lendenwirbelsäule geleitet. Dort setzen die hinteren Teile des Zwerchfells an (die pars lumbales). Das Zwerchfell ist unser Hauptatemmuskel, der wiederum großen Einfluss auf die Rippen und damit auf die Lungen ausübt.

Wenn wir uns erlauben, groß einzuatmen geht das Zwerchfell nicht nur nach unten, wie wir es oft hören und vielleicht gelernt haben, sondern es schiebt auch die Rippen auseinander, so dass unsere Lunge ganz anders Platz für die Einatmung bekommt.

Und da die Rippen hinten mit kleinen Gelenken mit unserer Wirbelsäule verbunden sind, ist die Körperhaltung und Aufrichtung ein entscheidender Faktor, ob die Rippen beweglich sind, beweglich sein können. Und ohne Rippenbeweglichkeit ist die Erweiterung der Lungen erschwert.

Wir haben also eine Menge an Zusammenhängen – und das war noch nicht alles 😉

Denn wenn es gut läuft geht die Aufrichtung weiter durch die Brustwirbelsäule zur Halswirbelsäule. Und direkt vor der Halswirbelsäule liegt auch schon unser Vokaltrakt, der Ort an dem alle Töne, die wir produzieren verstärkt werden.

Dort brauchen wir Raum und Raum braucht Tonus.

Auf diese Weise können wir das Prinzip uns gegen die Schwerkraft hoch zu schieben und dabei Tonus aufzubauen nutzen, um mehr Klang zu erzeugen. Dann geht Aufrichtung mehr von der inneren Muskel- und Faszienkette aus, die für die Feinregulation zuständig ist.

 

Was passiert, wenn wir versuchen, uns innerhalb der Aufrichtung hoch zu ziehen?

Wenn wir uns hingegen versuchen selber hochzuziehen, was schon rein faktisch nicht möglich ist, gehen wir über die großen äußeren Muskeln. Sie sind auch da für unsere Aufrichtung, aber sie sind eher grobmotorisch und vor allem versuchen wir sie mit den kleinen Muskeln des Kopfes zu halten, denn den versuchen wir ja die ganze Zeit irgendwie nach oben zu bringen. Und gleichzeitig ziehen wir die Energie aus unseren Beinen mehr nach oben. Das Stehen auf dem Boden, das Wahrnehmen des Bodens als eine Stütze für uns wird nicht mehr genutzt. Das bringt eine große Unsicherheit in die Stabilität, denn wir versuchen uns an etwas zu orientieren, was keine Stabilität bieten kann. Wir kämpfen die ganze Zeit unbewusst mit der Schwerkraft bzw. gegen die Schwerkraft an.

So bringen wir eine große Spannung gerade in den Bereich, wo unsere Stimme entsteht, die auf diese Weise angewendet eher kontraproduktiv ist. Denn wir müssen dabei auch unsere Halsmuskeln leicht anspannen. Und die großen, groben Muskeln, die an der Aufrichtung mitarbeiten ermüden viel schneller, wenn sie nicht von innen unterstützt werden.

 

Der Boden als Unterstützung

Wenn wir mit unseren Schüler:innen arbeiten, dass sie den Boden als Unterstützung wahrnehmen können, gegen den sie sich aktiv nach oben schieben können, dann können wir immer wieder beobachten, wie ihre Präsenz stark zunimmt.

Die Stimmen werden dabei kraftvoller, die Leistungsfähigkeit der Stimme steigt enorm, aber auch die Ausdrucksfähigkeit und auch die Modulationsfähigkeit für den Stimmausdruck nehmen deutlich zu.

Hinzu kommen noch die psychischen Aspekte. Auf diese Art müssen wir nicht unseren Kopf oben behalten, sondern können körperlich erleben, wie der Boden uns wirklich trägt, wie er uns unterstützt. Das vermittelt uns das Gefühl der Sicherheit und Souveränitat, was gerade für die Bühne entscheidend ist.

 

Unser Körper ist aufrecht, der stimmliche Ausdruck ist aufrichtig. Was brauchen wir mehr?

 

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Vertragen sich das EINFACHE und das KOMPLEXE?

Wie sollte sie denn sein, die perfekte Methode?

Hände mit einem Schild, Puzzleteile, die von fünf Menschen zusammen gefügt werden

So einfach, dass man sie durch höchstens drei Youtube Videos verstehen kann?

So kompliziert, dass man trotz jahrelangem Studium immer noch das Gefühl hast, eigentlich nur an der Oberfläche gekratzt zu haben?

Ihr merkt schon, ich polarisiere ein wenig. Und wer uns gut kennt, hat vielleicht auch gleich schon ein Bild wen oder was wir meinen, an welche Methoden wir dabei vielleicht gedacht haben.

Und um ganz ehrlich zu sein. Ich muss gar nicht so weit schauen und andere Methoden heran ziehen, sondern ich kann innerhalb unserer eigenen Methode bleiben. Denn ich habe dabei beide Zustände erleben dürfen oder manchmal hätte ich vielleicht gesagt: erleiden müssen.

Neue Besen kehren besser – stimmt

Als ich in den späten 80ern bei meiner gefühlt 10. Gesangslehrerin landete, war das Singen für mich mittlerweile zur Schwerstarbeit geworden und es war klar: diese Lehrerin „probiere ich noch aus“ und damit gebe ich meiner Stimme noch eine letzte Chance. Und wenn das nichts wird, dann höre ich auf mit Singen und mache etwas Anderes. Es gibt ja auch andere schöne Berufe auf der Welt.

Da ich hier einen Blog schreibe, nun seit mehr als 30 Jahren Gesangslehrerin bin, könnt ihr euch denken, wie die Geschichte ausging. Ich blieb lange bei dieser Lehrerin und sie war sowohl dafür verantwortlich, dass ich wieder singen lernte als auch dafür, dass ich das funktionale Stimmtraining nach Eugen Rabine kennenlernte.

Auch sie hatte diese Methode neu entdeckt und probierte in einer Stunde mit mir zwei Körperübungen aus. Bisher hatte ich brav an meinem Klavier gestanden und mich bis auf den kleinen Ausflug in die Welt der Seidentücher (siehe Blog) auch nicht wirklich viel bewegt beim Singen. Außer natürlich, es war szenisch vorgesehen.

Und da geschah etwas sehr Einfaches und zugleich sehr Beeindruckendes: ich hob zu einer Einatmung meine beiden Arme bis auf Schulterebene zur Seite, ließ sie dort und sang einen Quintlauf auf- und abwärts auf dem Vokal /u/. Ich war so erstaunt, wie sich meine Stimme anhören und anfühlen konnte. Auf einmal war alles viel leichter und es klang in meinen Ohren auch viel schöner.

Noch in der gleichen Stunde machten wir eine Übung in der tiefen Lage, in der Bruststimme. Ich sang eine Terz auf dem Vokal /a/, ging allerdings diesmal zu einer Einatmung in die Hocke und sang in der Hocke. Und was soll ich sagen? Meine Bruststimme klang viel kräftiger, viel dunkler als sonst und auch sie war deutlich leichter als ich es von mir kannte.

Es war also ganz einfach. Nur zwei Übungen, eine für die Kopf- und eine für die Bruststimme und alles war viel leichter. So kann man es machen. Einen Bauchladen mit tollen Übungen und schon ist alles super.

Aber ich wollte mehr, wollte mehr wissen. Wieso funktionierte das? Funktioniert das immer und bei allen gleich? Überhaupt, woher hast du das? Wer hat dir das denn gezeigt?

Mein „Lehr- und Wanderjahre“…

Und so fing ich an, eine Ausbildung am Rabine-Institut zu machen, um zu lernen, wie die Zusammenhänge zwischen Körper und Stimme genau sind, und wie ich das bei mir und meinen Schüler:innen gezielt nutzen kann.

Nach vierjähriger Ausbildung landete ich dann in Zustand zwei: Ich hatte das Gefühl, innerhalb des Kehlkopfes existierten so viele Muskeln, dass ich sie mein Lebtag nicht lernen würde. Und ob ich das alles wirklich einmal ganz durchdrungen haben würde, wagte ich zu dem Zeitpunkt ernsthaft zu bezweifeln.

Aber die Methode faszinierte mich, ich blieb dran, ich nahm weiter Unterricht, irgendwann bei Eugen Rabine persönlich. Ich hospitierte in weiteren Ausbildungsgruppen.

Und irgendwann fing ich an, Fragen zu haben. Das war für ein toller Moment, denn ich wusste auf einmal: wenn ich Fragen habe, dann bin ich ein sehr großes Stück weiter.

Auch das ist etwas, was wir unseren Gesangslehrer:innen in der Ausbildung immer wieder sagen: freu dich, wenn du Fragen hast, je mehr desto besser, denn es zeigt, dass du schon sehr viel verstanden hast.

Dann kam der nächste Schritt für mich: Supervisorin zu werden. Das bedeutete zu lernen, wie ich andere Lernende in kleinen Arbeitsgruppen unterstützen könnte. Ich hospitierte viel und lernte noch viel mehr. Und immer hatte ich noch das Gefühl, eigentlich weiß ich noch viel zu wenig.

Aber ich hatte immer mehr Fragen: und Fragen haben bedeutete wohl, dass ich auch immer mehr verstanden hatte.

Aber am größten war die Frage, ob ich überhaupt gut genug sei. Ich strampelte mich ab, ich hörte jeden Morgen Aufnahmen von Vorträgen und Gruppensingen meines Lehrers ab, suchte in Anatomiebüchern nach den entsprechenden Bildern, häufte Wissen an und lernte gleichzeitig meine Liebe zu anatomischen Bildern kennen. Das war ein wunderschöner Effekt, mit dem ich gar nicht gerechnet hatte und der mir heute immer wieder zugute kommt. Ich habe eine große Auswahl an anatomischen Bildern und ich kann Menschen Begeisterung für Anatomie vermitteln.

Die Supervisions-Ausbildung war irgendwann auch abgeschlossen, nun hatte ich ein weiteres Zertifikat.

In dieser Zeit lag auch der Grundstein für das Institut Voice Experience.

Denn auch Ulla war in der Supervisoren-Gruppe und wir tauschten uns viel darüber aus, wie man diese Erkenntnisse in die Popularmusik übertragen könne. Ich war ein großer Fan von Popularmusik, die ich in meiner Jugend – natürlich gleichberechtigt neben meiner Opernbegeisterung – hörte, meinen Lieblingsbands zujubelte und nächtelang nach ohrenbetäubender Musik durchtanzte.

Und immer noch beschlich mich das Gefühl, ich wüsste zu wenig. Wer bin ich denn, anderen zu sagen, wie es geht?

Bald hatte ich mein zweites Supervisoren Zertifikat. Und gleichzeitig wurde für Ulla und mich immer klarer, dass wir auch Gesangslehrer:innnen ausbilden wollten. Die Nachfrage wurde größer und größer und wir hatten Lust dazu. Gleichzeitig zog sich unser Lehrer Eugen Rabine langsam aber sicher am Rabine-Institut aus der Ausbildung zurück und wir übernahmen mit vier Kollegen die Arbeit.

Nun wurde es richtig „hart“. Als ich anfing, die grundlegenden Dinge selber zu vermitteln, kamen mir wieder ein Haufen Fragen. Hatte Eugen überhaupt recht? Wo steht das denn? Stimmt das wirklich? Macht das in der Popularmusik überhaupt Sinn?

Wir diskutierten viel, hörten viel, probierten aus und nicht zuletzt bekamen wir Feedback in unseren Ausbildungsgruppen. Und das war wunderbar. Denn hier konnten wir merken, wie viel sich im Unterrichten unserer Schüler:innen positiv veränderte.

Und sie alle saßen am Anfang da und sagten teilweise die gleichen Sätze wie ich: das verstehe ich nicht. Das ist viel zu kompliziert. Ich glaube, das raff ich nie. Ich bin wahrscheinlich viel zu blöd …

Und gleichzeitig waren sie so begeistert, wenn sie in den Gruppensingen durch die Übungen auf einmal Dinge in ihrer Stimme entdeckten, die sie nicht kannten, die sie sich schon immer gewünscht hatten. Es schien ganz einfach: nimm die Arme oder die Beine oder die Finger, mache eine bestimmte Körperübung und schon flutscht es.

Der Spagat – eine lebenslange Übung

Ich habe über die Jahre gelernt, mit diesem Spagat zu leben. Ja, es ist komplex. Die Stimme verstehen zu wollen ist ein großes Unterfangen, es gibt so viele Informationen, es gibt viele Erkenntnisse, neue wie alte. Und manchmal raucht mir auch heute noch der Kopf. Aber es ist gleichzeitig so faszinierend. Und je älter ich werde desto mehr weiß ich, dass das Leben kein Rezeptbuch mit wenigen Seiten ist.

Und je mehr ich weiß und je mehr Erfahrungen ich mit meinen Schüler:innen machen darf, im Einzelunterricht und in der Ausbildung desto klarer wird, dass es beides braucht: Die Komplexität des Wissens, das wir brauchen, um mit jedem individuell arbeiten zu können, denn ich meine Schüler:innen nicht mit dem Ausprobieren von Übungen einfach abspeisen und gleichzeitig braucht es die Klarheit und Einfachheit, wenn man einen Blick und ein Ohr entwickelt hat, so dass wir wissen, was jetzt dran ist.

So würde ich heute nach über 30 Jahren Erfahrung mit der Rabine-Methode sagen: ja sie ist komplex, sie ist stellenweise kompliziert. Aber je mehr man sie durchdrungen hat, desto einfacher wird das Unterrichten und singen.

Für mich ist es ein wenig so wie mit dem Singen: als immer mehr Leute nach Konzerten zu mir sagten, ich hätte eine so natürliche Stimme, es würde klingen, als ob das alles ganz leicht wäre, da wusste ich: ich hab was richtig gemacht – endlich – denn wenn die Stimme, die Technik stimmt, sich stimmig anfühlt, dann ist es für uns leicht und komplex gleichzeitig. Und was draußen ankommt hat immer die Empfindung von Mühelosigkeit, Selbstverständlichkeit, Wissen ohne zu viel Wissenschaftlichkeit und vor allem:

es macht großen Spaß und man lernt mit Freude weiter und weiter. Nicht weil man ständig an sich zweifelt, ob man überhaupt gut genug ist, sondern weil es zu einem tiefen Bedürfnis geworden ist, weil die Neugier so groß ist, all die neuen tollen Dinge, die es noch in der Welt der Stimme gibt, zu erforschen und zu erleben.

Dann sind sie endlich wieder vereint, die beiden scheinbaren Gegensätze EINFACH und KOMPLEX