Kizomba und Singen – ganz im Hier und Jetzt

Warum ich Kizomba liebe und was das mit Singen zu tun hat

 

 

„Tanze, weil du fühlst und denkst und weinst und liebst“.

Dies Zitat von Lori Eickman passt sehr gut zu beidem: Singen und Kizomba tanzen, aber es bezieht sich eigentlich auf das Schreiben.

Und das Schreiben dieses Blog Artikels wurde durch die Sympatexterin Judith Peters hervorgekitzelt, bei der ich eine großartige Woche zum  Thema Bloggen hinter mir habe. Ich war sofort fasziniert von ihrer Art, denn sie verbindet das Schreiben mit Leidenschaft. Etwas, was sich auch in mir immer wieder Bahn bricht, wenn ich singe, tanze oder eben auch schreibe.

Die Aufgabe war, innerhalb einer Woche unter dem Oberthema: „Warum ich … liebe“ einen Blog-Artikel zu schreiben.

Und anstatt dass mir gleich das Singen, das Autonome Nervensystem, die Atmung, die Stütze oder was auch immer einfiel, wollte ein Tanz getanzt werden. Auf dem Papier – naja, oder jedenfalls so ähnlich wie auf Papier.

Und auch nicht irgendein Tanz oder das Tanzen allgemein, nein Kizomba musste es sein.

 

Rosen, roter Tanzrock, schwarze Tanzschuhe mit Strass, Schuhsohlen Bürste
Etwas, was ich schon immer haben wollte: einen roten Rock und strassbesetzte Tanzschuhe

Wie das mit mir und dem Kizomba begann

„Kannst du Kizomba tanzen? Nein. Möchtest du es lernen? Ja.“ (Tanzparty Dialog)

Ich habe keine Ahnung, warum ich Ja sagte. Denn ich kannte kaum den Namen des Tanzes, geschweige denn auch nur einen einzigen Schritt. Die Frage zielte auch nicht darauf ab, gemeinsam einen Tanzkurs für Kizomba zu machen, sondern die Frage katapultierte mich in den Keller meiner Tanzschule, wo ich mitten auf der Tanzfläche stand und einen Tanz tanzte, den ich überhaupt nicht kannte.

Ich vertraute der Versicherung des Tänzers, es sei ganz einfach. Und so stand ich dort und ließ mich führen. Was blieb mir denn auch anderes übrig? Ich schloss die Augen, vertraute mich dem an, was ich fühlte. Führen und Fühlen unterscheiden sich nur durch einen Buchstaben und so verschmolz beides in diesem ersten Tanz.

Und damit begann eine Liebesgeschichte zwischen mir und … nein, nicht was ihr vielleicht denkt – zwischen mir und dem Kizomba. Ich sage noch heute gern manchmal zu meinem Tanzpartner: „ich danke dir von Herzen, dass du mich damals in diesen Keller entführt hast, um mit mir Kizomba zu tanzen, obwohl du wusstest, dass ich keinen einzigen Schritt konnte.“

 

Denn ich liebe genau diesen besonderen Tanz,
  • weil er mir erlaubt, ja mich förmlich drängt, ganz im Hier und Jetzt zu sein,
  • weil ich raus aus meinem Kopf und voll und ganz rein ins Spüren komme,
  • weil er mir mitten in der Corona-Zeit einen Körperkontakt erlaubt, der zutiefst nährend und heilend ist,
  • weil er einen intensiven Kontakt zwischen mir und meinem Inneren herstellt,
  • weil ich mich in diesem Tanz als Frau erleben und ausdrücken kann,
  • weil die Musik mitreißend und berührend ist.

Wie geht Kizomba tanzen?

Ja, WIE ist die wichtigste Frage für mich. Es ist ein sehr sinnlicher Paartanz. Die Oberkörper der Partner sind oft sehr eng miteinander verbunden und er hat ein bisschen Ähnlichkeiten mit dem Tango Argentino, den ich in Buenos Aires kennen gelernt hatte. Aber die Emotion und vor allem die Musik sind sehr unterschiedlich.

Kizomba besteht aus verschiedenen Grundschritten. Figuren gibt es im Vergleich zu anderen Tänzen keine oder kaum. Und er spielt sich eher innerhalb des Paares ab und geht nicht so sehr nach außen wie beispielsweise Salsa. Es geht eher um den Energie- und Emotionsfluss zwischen den beiden Partnern, wenn beide es erlauben und sich dem Fluss anvertrauen. Aber auch spektakuläre und rhythmische Figuren sind möglich.

Durch das Fehlen von typischen wiederholbaren Schrittfiguren ist er für beide Partner nicht ganz leicht zu tanzen. Der Mann führt auf Einzelschrittebene und hat dazu in der Regel einen Arm und seinen Oberkörper zur Verfügung. Zudem können die Schritte in ihrem Tempo  variiert werden. Das entsteht, wenn es gut läuft, aus der Inspiration durch die Musik. Ein sicheres Gefühl für Rhythmus und Musikalität sind die Voraussetzungen, denn am Ende sollten 8 Zählzeiten herauskommen, egal mit welchen Schritten und in welcher Geschwindigkeit sie gefüllt werden. Für manche Tänzer fühlt sich das am Anfang eher wie Mathematik an, habe ich mir sagen lassen. Aber glücklicherweise hört man irgendwann auf zu zählen und verlässt sich mehr und mehr auf das eigene Gespür und vor allem auf die Musik und den Körper.

Schön und frei wird es, wenn wir neben unserem Können, einen wirklich musikalischen Tanzpartner haben, sonst wird das sich Führen lassen fast zur Unmöglichkeit. Und das besonders, wenn man wie ich von Beruf Musikerin ist. Genialerweise hatte ich das unverschämte Glück, gleich am ersten Abend, in meinem ersten Tanz jemandem zu begegnen, der all das in den Tanz hinein geben konnte. Auch wenn ich es zu dem Zeitpunkt noch gar nicht merkte, weil ich viel zu sehr beschäftigt war, zu erfühlen, was ich machen sollte.

 

Lektion 1 im Kizomba: nicht denken

Ein Kizomba Lehrer sagte einmal: die erste Lektion für die Frau: bitte Kopf ausstellen. Auf mich selbst bezogen kann ich nur sagen: immer wenn ich denke, ich wüsste, was als nächstes kommt, welcher Schritt, welche Geschwindigkeit, ist eine Täuschung nicht ausgeschlossen. 😉 Und wer mich kennt weiß: das ist eine riesengroße Herausforderung für einen Menschen wie mich. Eine Frau, die alles durchdenken, alles diskutieren, alles verstehen und absichern, die den Kopf immer oben behalten möchte.

Aber hier geht es nicht um den Kopf, sondern, wenn wir mal beim Körper bleiben möchten, hier geht es vielmehr um Herz und Becken.

Becken in seiner Beweglichkeit als Zentrierung, als Kraftquelle für Lebendigkeit und Kreativität. Und das Herz, um zu fühlen, zu erfühlen, wohin der Tanz mich jetzt gerade entführen möchte.

Die Kizomba Lehrerin und Tänzerin Sandra Kittelmann brachte es mit folgenden Worten auf den Punkt: „Wenn ich Kizomba tanze dann tauche ich in eine sinnliche Welt ab und vergesse alles um mich herum.“

Dieser Aussage kann ich mich ohne alle Abstriche anschließen.

 

Eine Frau beim Singen

Und nun zum Singen

Als erstes wurde ich beim Singen komplett auf mich selbst zurück geworfen.

Aber ich fange mal etwas weiter vorne an. Am Startpunkt, als ich das funktionale Stimmtraining nach Eugen Rabine kennenlernte. Ich nahm mich damals das erste Mal im Singen wirklich von innen wahr. Wie geschlossen oder manchmal auf geöffnet meine Resonanzräume, der so genannte Vokaltrakt war, wie ich vibrierte und resonierte. Und das war am Anfang emotional schwer auszuhalten, denn es waren nicht nur angenehme Gefühle, die auf einmal beim Singen entstanden.

Aber es waren Gefühle. Gefühle, die etwas mit mir zu tun hatten, die aus meiner Tiefe kamen. Und endlich nicht mehr äußere Technik: mach hier, zieh dort, heb das und dies, denke an … sondern ich kam auf einmal in einen intensiven Kontakt mit mir und meinem Inneren. Dieses tief berührt sein, indem ich mich selbst so sehr fühlte und wahrnahm, mein Inneres nach außen kehrte, das war es, was ich erleben durfte. Für mich übrigens eine wichtige Voraussetzung, dass wir nicht nur uns, sondern auch unser Publikum berühren können.

Und etwas Ähnliches passierte dann Jahre, Jahrzehnte später auf einmal völlig überraschend im Kizomba. Am Anfang wollte ich keine Figur lernen, wollte nicht wissen, wie ich es „richtig“ machen soll, denn ich hatte Sorge, diesen intuitiven und erspürenden Zugang zu verlieren. Es ging auf einmal darum, nicht die äußere Technik zu lernen, wilde Drehungen, komplexe Folgen, sondern es ging darum, sich in den Tanz hinein zu geben, spüren, wohin er uns führt, um den Ausdruck, um Kommunikation im Tanz, zu berühren und sich berühren zu lassen. Körperlich, aber auch emotional. Die Musik in all ihren Facetten aufnehmen und gemeinsam zum Ausdruck bringen. Uns selbst zum Ausdruck bringen in diesem Tanz. Sich selbst dabei vollkommen lebendig zu fühlen. Die eigene Persönlichkeit zeigen.

Und tue ich nicht das Gleiche im Singen?

 

Singen und Kizomba als Ressource

Beides kann eine Ressource, eine Kraftquelle in dieser Zeit sein, wo durch Corona auf einmal so viele Möglichkeiten des Kontakts entfallen.

Was machen wir ohne Körperkontakt?

Was machen wir ohne die Rückmeldungen unseres Publikums?

Was machen wir ohne Konzerte, ohne Musik live erleben zu dürfen?

Was machen wir ohne Partys, wo wir einander im Tanz begegnen können?

Ich habe nach Möglichkeiten gesucht, wie mein Körper weiterhin ein sensibles Spürelement bleiben kann, wie das Gefühl sich weiter verströmen darf und wie meine Stimme nicht anfängt zu verstummen.  Denn ich möchte mich und das, was uns als Menschen ausmacht, den Kontakt zu mir und den anderen nicht verlieren.

 

Die Sehnsucht verbindet alles

Die Sehnsucht ist es, die mich am Leben hält, die mich lebendig macht. Aber um welche Sehnsucht handelt es sich denn? Warum habe ich mit 19 angefangen Gesangsunterricht zu nehmen und mit 20 beschlossen, Gesang zu studieren und Sängerin zu werden? Warum bin ich immer wieder auf die Frage meines momentanen Tanzpartners eingegangen, ob wir Kizomba tanzen wollen, obwohl ich es überhaupt nicht konnte und nie einen Tanzkurs für diesen Tanz besucht hatte?

Ich glaube, weil etwas in mir angestoßen wurde, in Resonanz gebracht wurde, was tief in mir schlummert und nur darauf wartet, geweckt zu werden, immer wieder geweckt zu werden, jeden Tag neu aufzuerstehen, mit jedem Lied, das ich singe und höre, mit jeder Stimme einer Schülerin, die wunderschöne Klänge in meinen Raum singt, mit jedem Tanz, in dem ich mich dem Tanzpartner, dem Augenblick und dem Gefühl in mir hingebe.

Und so wunderschön wie es ist, so heilend wie es ist, so vergänglich ist es auch. Jedes Lied, jede Stimme, jeder Tanz ist immer wieder neu, kann nicht festgehalten werden, wie kein Gefühl jemals festgehalten werden kann. Und wir können süchtig werden. Das Wort Sehnsucht enthält die Sucht, es enthält das Sehnen, etwas lang Ersehntes und es enthält auch die Suche.

 

Wohin führt uns diese Suche?

Suche nach wem oder was denn bitte? Früher habe ich gedacht, es ist die Suche nach der Bühne, es ist die Suche nach dem perfekten Partner, es ist die Suche nach der besten Technik. Das gilt sowohl für das Singen als auch für das Tanzen.

Aber es ist nicht Technik, es ist nicht die Perfektion – es ist die Hingabe an den Moment und zu nehmen, was er mir anbietet. Mich fühlen in der Vibration meiner Stimme, meiner winzigen kleinen Stimmlippen, die meinen ganzen Körper in Resonanz bringen können, wenn ich es nur erlaube, dass sich ihre Vibration mit meiner emotionalen Schwingung verbindet. Wenn ich es wage, mich dem voll und ganz hinzugeben, vertraue, dass all mein Üben und Mich weiter entwickeln sich in einem Ton, in einem Lied verströmen möchte.

  • Kann ich mich dem anvertrauen, diesem Strom, der auf einmal aus mir heraus kommt?
  • Darf ich mich der Führung meines Partners anvertrauen?
  • Wie bleibe ich mit meiner inneren Führung verbunden, wenn ich nur Spüren bin?
  • Wohin möchte ES als nächstes gehen und was ist mein Teil, den ich in unser gemeinsames Spiel hinein gebe?
  • Wie erleben wir die Musik, was kreieren wir aus jeder Note, aus jedem Takt, aus jedem Rhythmus?
  • Wie dürfen sich unsere Gefühle ergänzen, miteinander schwingen, wie dürfen unsere Körper darauf reagieren?
  • Dürfen wir agieren und reagieren, tanzen und getanzt werden, singen und gesungen werden?

Sich antreiben oder sich treiben lassen?

Und alles verbunden durch die Sehnsucht, die mich manchmal antreibt, manchmal in die Tränen treibt und mich manchmal einfach vor mich hintreiben lässt. Kann ich mich treiben lassen?

Treiben – was für ein wunderbarer Begriff mit so vielen Möglichkeiten.

Treibe ich mich selber an, mit einer Sklavenpeitsche, mehr zu leisten, besser zu sein, es endlich richtig zu machen, der Perfektion so nah zu kommen, wie es überhaupt nur geht? Oder lasse ich mich treiben? Wie ein Stück Strandgut? Wie ein Vogel auf dem Wasser? Wie ein Blatt im Wind? Mit dem Vertrauen, dass die Richtung stimmt, dass es nur darum geht, die Wellen, das Wasser, die Luft zu spüren. Im Endeffekt mir und meiner Intuition, meinem Gefühl zu trauen und mich von ihm treiben zu lassen, entspannt lauschend, fühlend, wach jeden Impuls zu nehmen, der sich mir in dieser Offenheit anbietet.

Ich bin es, die sich mir selbst anvertraut und ich vertraue mich einem Partner an. Es kann ein großes Glück sein, wenn wir mit jemandem gemeinsam diese Reise antreten.

 

Pianisten und Tanzpartner, die passen sind ein Geschenk

Und auch da finden sich wieder Parallelen im Singen und im Tanzen. Es ist ein großes Glück und ein Geschenk, wenn wir den „richtigen“ Pianisten finden. Denn er sollte nicht nur hervorragend Klavier spielen können. Das können viele. Es braucht auch die Bereitschaft, zuzuhören, mit mir zu atmen, Wünsche und Kritik an der richtigen Stelle, mit dem richtigen Tonfall anzusprechen. Denn Singen ist eine sehr persönliche Äußerung, ich kehre mein Inneres nach Außen, wenn ich wirklich in einem Flow bin. Und mit diesem Geschenk achtsam umzugehen, wünschen wir uns als Sängerinnen von jedem Pianisten oder auch von unseren Bandkolleg:innen. Dann können wir in den Fluss kommen, miteinander Musik im Augenblick erschaffen und uns höher und höher tragen lassen von der Resonanz, den Klängen, den Texten, den Gefühlen – der Musik eben.

 

eine Frau umfängt den Nacken ihres Tanzpartners mit der Hand beim Kizomba
Sandra & Gabriel (DiaoDance) – Kizomba

Und auch der Tanz ist ein Spiegel unseres Inneren. Erlauben wir uns, unsere Körper sprechen zu lassen, den Rhythmus der Musik auszudrücken, der Leidenschaft ihren freien Fluss zu lassen und sie durch uns ausbrechen zu lassen, die ruhigen Momente auszukosten und ganz zart, innerlich fast unbeweglich auf der Stelle zu bewegen, die Schwingungen zu spüren, die innerhalb des Tanzes entstehen können?

 

 

 

Ich bin mir selbst unendlich dankbar, dass ich die Herausforderung oder eher den Ruf immer wieder annehme. Den Ruf, meiner Sehnsucht zu folgen, der Sehnsucht, Musik auszudrücken. In all ihren Facetten, die sie mir zur Verfügung stellt. Ihre Wildheit, ihre überbordenden Gefühle, ihren magnetischen Rhythmus, ihre Stille, ihre Liebe, ihre Innerlichkeit, ihre Kraft, ihre Schwingungsfähigkeit, ihre Sanftheit. All das in meinem Körper spüren zu dürfen, zu erlauben, mich dadurch verwandeln zu lassen im Singen, im Tanzen, im Lieben und Leben.

 

 

 

singen und bewegen

Warum ich es liebe, beim Singen auf einem Bein zu stehen

Ich liebe es, das Singen mit total unterschiedlichen Bewegungen zu verbinden, wie z.b. auf einem Bein zu stehen. Warum das so ist und heute absolut keine Selbstverständlichkeit, erfahrt ihr hier. (Zum eigenen Experimentieren, gibt es am Ende noch ein paar coole Anregungen)

Beim Singen auf einem Bein stehen zu können, war ein innigster Wunsch

Ich war 21, Musikstudentin und es war ein Schock, als ich damals das Abschlussgespräch in der Rheumaklinik hatte.

Der Arzt meinte etwas lapidar:“ wenn sie künstliche Kniegelenke möchten, können sie gerne wiederkommen. Ansonsten machen sie sich auf einen Rollstuhl gefasst!“

Ich war eigentlich voller Zuversicht und Hoffnung in die Klinik gekommen. Machte alle Anwendungen mit, schluckte alle Medikamente , ernährte mich gesund und hoffte darauf, dass die Schmerzen, die mich seit 10 Jahren ständig begleiteten endlich aufhörten.

Ja ihr lest richtig: 10 Jahre!

Ein halbes Jahr nach der Rötelschutzimpfung ging’s los. Damals war ich 12 und ein echtes Bewegungskind. Ich erinnere mich so gut an alle Klettergerüste, Rutschen, Fliegenpilze und Reckstangen auf unseren Spielplätzen.

Ich liebte es, auf der Schaukel hoch zu schwingen und laut zu singen.

Singen beim Schaukeln
Beim Singen einfach abheben

Ich weiß sogar noch das Lied, dass ich aus vollem Halse, bei vollem Schwung hinaus schmetterte:

„Ich kenne einen Cowboy, der Cowboy, der heißt Bill und wenn der Cowboy reitet, dann steht mein Herz so still….!

Für alle, die das Lied auch kennen, nehmt euch doch gerne mal einen Moment Zeit und singt es einmal von vorne bis hinten durch! Und ich sage euch, es hat viele Strophen :-)) Genießt jede einzelne davon und vielleicht erinnert auch ihr euch an eine Zeit, wo ihr es völlig unbeschwert von der Umgebung einfach rausgehauen habt? Ja? Wunderbar!

Gleich nochmal!

Hier findet ihr den Text: https://de.wikibooks.org/wiki/Liederbuch/_Ich_kenne_einen_Cowboy

Aber ich gab nicht auf!

Als mit 12 meine Gelenke nach und nach anschwollen und ich starke Schmerzen hatte, wusste niemand so recht, was es eigentlich sein könnte. Damals war es in der Forschung, dass auch Kinder Rheuma entwickelten, noch fast kein Thema.

Ich hatte dann das große Glück, dass mein Sportarzt auf die Idee kam, dass es was Rheumatisches sein könnte und mich zunächst zum HNO schickt, um mal meine Mandeln überprüfen zu lassen. Und was soll ich sagen: „Das war’s!“ Meine Mandeln sahen außen völlig normal aus, waren innerlich aber total zerklüftet und hatten, statt Giftstoffe zu filtern, sie leider ins Blut geleitet.

Wenn ihr jetzt denkt, dass damit alles gut wurde, so muss ich euch leider sagen, dass ganz im Gegenteil nun die wahre Odyssee begann.

Ich konnte mich gut bewegen, aber nie ohne Schmerzen

Das Verrückte bei der ganzen Geschichte, was alle verwirrte und ich mir auch erst heute Stück für Stück erklären kann war, dass ich mich weiterhin extrem gut bewegen konnte. Allerdings immer unter heftigen Schmerzen. Morgens allerdings fiel ich aus dem Bett, war komplett steif und musste mich erstmal auf dem Boden bewegen, um aufstehen zu können.

Ich bin überzeugt, dass mir meine Beweglichkeit zugute kam, die ich mir vorher durch viel Rennen, Balancieren und Klettern auf dem Spielplatz und zuhause aufgebaut hatte. Kein Schuppendach oder Baum waren vor mir sicher. Nur das Runterkommen gestaltete sich oft schwierig und war dann mega peinlich!

Noch vor meiner Erkrankung durfte ich endlich ins Ballett. Oh, wie liebte ich die Ballettposter z.B. mit Motiven von David Hamilton und ich frage ganz ehrlich: „Wer kennt die nicht?“

Dort lernte ich meinen Körper in Aufrichtung und Balance zu bringen. Ich liebte die eleganten Armbewegungen und die Verbindung mit meinem Atem. Denn wenn ich die Luft anhielt, konnte ich diese Bewegungen nicht besonders elegant ausführen und blieb fast dabei stecken.

Zur gleichen Zeit hatte ich auch Vorsingen für den Kinderchor des Stadttheaters. Für Oper und Operette wurden noch Kinder gesucht.

Ich sog sie ein, die Luft des Theaters!

Ich rieche sie heute noch genau, so wie sie mir im Bühneneingang des 3 Spartenhauses entgegenwehte. Der Geruch wurde immer intensiver, je näher ich der Bühne kam. Quer durch die Kulisse, an der Schneiderei vorbei und dann auf die Bretter der großen Drehbühne.

Ich war selig! Ich wollte unbedingt dort singen!
Singen und Schauspielen im Theater
in der Operette Schwarzwaldmädel 1978

Bis zum Zeitpunkt als diese Krankheit in mir ausbrach. Ich machte weiter so gut es ging. Weiter im Ballett, weiter im Kinderchor, weiter im normalen Leben. Im Grunde half nichts gegen die Schmerzen, weder die Medikamente, noch andere Behandlungsmethoden. Die Ärzte waren ratlos, was sich da eigentlich entwickelt hatte.

Singen lernen im echten Gesangsunterricht an der Uni

Ich machte weiter, machte Abi und endlich Musikstudium mit Hauptfach Gesang. Mein Traum!

Singen und Probe
Gesangsprobe in der Uni für ein Rock-Oper Projekt 1984

Ich hatte ja keine Ahnung von Unterricht. Hatte immer intuitiv gesungen nach dem Motto: „Laut geht immer!“ Ich freute mich so dermaßen darauf, nun endlich in diese Kunst eingeweiht zu werden und kam zu meiner ersten Gesanglehrerin. Sie trug sogar ein „von“ im Namen und ich war mir sicher, sie musste eine Meisterin ihres Fachs sein!

Es ging los! Ich bekam die ersten Gesangsübungen und versuchte das Wort ANANAS in allen möglichen Varianten und Arppegien zu singen. Dazu sollte ich lächelnde Bäckchen machen. Ich wusste aber gar nicht warum. Mir fiel es sogar sehr schwer, denn aufgrund meiner Erkrankung war ich oft schmerzgeplagt und depressiv. Das Lächeln passte so gar nicht in meine Situation.

Ich versuchte mein Bestes, was aber kläglich misslang. Sie erzählte mir über sprudelnde Quellen, die ich mir vorstellen sollte und Kuppeln, in denen der Klang schwebte.

Ich verstand nur: „Bahnhof“ und meine Auswahl beschränkte sich auf Schalke oder Gelsenkirchen! Von Kuppeln und Springbrunnen keine Spur!

Wenn ich mich anstrengte und dadurch körperlich verspannte, wurde sie schon mal laut und rief mich mit donnernder Stimme an: „Nun seien Sie doch mal locker“! Dann funktionierte überhaupt nichts mehr! Mein Nervensystem streikte!

Wir kamen mit meiner klassischen Stimmentwicklung nicht so richtig weiter. Ich mutierte daraufhin abwärts zum Mezzo, denn Bruststimme hatte ich von meinen Rock-Pop Bands in denen ich sang, genug. Hoch ging aber nur mit Druck und Lautstärke und das nervte mich furchtbar!

Das funktionale Singen, ein neuer Weg

Aus dem Raum nebenan, drangen andere Klänge. Ein paar andere Mitstudent:innen hatten dort Unterricht bei Roger Winell, einem amerikanischen Musicalsänger, der ganz anders arbeitete. Ich durfte mitgehen und war total überrascht. Er lies seine Student:innen beim Singen die Arme heben, oder noch skurriler, ein Knie! Das wollte ich unbedingt ausprobieren!

Jetzt müsste ich eigentlich eingeschwärzt weiterschreiben, denn jetzt kommt der heimliche Teil! Also lest bitte leise weiter!

Ich nahm meine erste (heimliche) Gesangsstunde bei ihm. Er lies mich die Arme nicht beim Singen heben, sondern beim Einatmen. Dieses Detail hatte ich vorher gar nicht mitbekommen. Ich merkte, dass meine Stimme sofort anders klang und besonders, dass sie sich total anders anfühlte. Es war einfach LEICHT.

Und es machte Spaß! Ich liebte es, meinen Körper mit einzubeziehen, auch wenn er schmerzte. Aber ich hatte plötzlich eine neue Verbindung zu ihm und er unterstützte mich mit seinen Bewegungen beim Einatmen und Singen.

Roger beließ es nicht bei den Körperübungen, sondern fragte mich interessante Dinge. Z.B.: „Wie ist deine Empfindung der Kieferöffnung, wenn du während der Einatmung ein Bein hebst?“ Oder er fragte: “ Wie bewegt sich dein weicher Gaumen, wenn du mit dem Vokal O einatmest?“

Da war sie, die KUPPEL!

Ich konnte sie fühlen! Überhaupt konnte ich plötzlich soviel fühlen, was mir vorher überhaupt nicht bewusst war. Durch seine Anleitung und seine gezielten Fragen, konnte ich Stückchen für Stückchen mein Instrument, meine Stimme kennen lernen. Ich konnte fühlen, wann sich mein Vokaltrakt öffnet, oder verengt. Ob er sich rundet, oder breit wird. Ich konnte sogar meine Stimmlippen fühlen lernen und wahrnehmen, wie sie miteinander schwingen.

Meine Höhe entwickelte sich rasch – ich hätte es nie für möglich gehalten! (Ach könntet ihr jetzt mein Kopfschütteln sehen)

Zurück im offiziellen Gesangsunterricht bemerkte meine Lehrerin, dass etwas in mir passierte. Sie bemerkte auch: das kam nicht durch von ihr. Sie sagte: „Jetzt verstehen sie es Frau Keller. Was machen sie denn?“ Ich hatte natürlich leicht schlotternde Knie und sagte: „Wissen sie, meine Freundin hat bei Herrn Winell Unterricht und da lernt sie so Körperbewegungen beim Singen und das probiert sie mit mir aus.“ Daraufhin sagte meine Lehrerin: „Ach, das ist ja interessant! Wenn ich noch ein bisschen jünger wäre, würde ich mir das auch mal anschauen.“

Ich muss sagen, ich war total BAFF über ihre Reaktion und heute ich der Retrospektive erkenne ich soviel Wahres in dem, was sie suchte. Heute habe ich mein funktionales Vokabular, mit dem ich all diese Ideen in fassbare Begriffe und Übungen umsetzen kann. Ich bin zutiefst dankbar dafür, dass Roger sein Wissen, das er von Eugen Rabine erlernt hatte, mit mir teilte. Ich bin zutiefst dankbar dafür, dass ich diese Methode lernen und seit über 30 Jahren auch lehren darf.

 

 

SINGING IS MOVEMENT

Ich war nie ein Imaginations-Typ, aber ich war und bin ein Bewegungs-Typ. Das ist auch der Grund für meinen Slogan „Singing is Movement„.

Singen ist rhythmische Bewegung in Zeit und Raum, hat Eugen Rabine einst gesagt. Ich möchte noch hinzufügen, dass die Stimme Bewegung liebt.

Du kannst es gleich ausprobieren. Singe eine kleine Phrase eines Liedes, das dir gerade in den Sinn kommt. Am besten etwas Langsames, dann kannst du es gleich besser spüren. Singe es nochmal und dann beginne einmal deine Handgelenke zu kreisen (rotieren) während du singst. Verändert sich etwas in deiner Stimme? Du kannst es ja im Vergleich machen. Singe es einmal ohne und dann wieder mit den Handgelenkskreisen. Am besten hebst du deine Arme noch ein wenig vom Körper ab. Dann geht es noch besser und wird deutlicher.

Was kannst du wahrnehmen? Was verändert sich in deiner Stimme?

Ich gebe dir den Tipp, mal auf die Schwingung in deiner Stimme zu lauschen. Alles Kreisbewegungen, die wir mit unseren Gelenken machen, wirken u.a. auf die Schwingung unserer Stimme. Wenn du dir also auch mal eine schwingungsvolle Stimme wünscht, ein sogenanntes Vibrato in der Stimme, dann probier das doch mal aus.

Es hilft übrigens auch super, wenn deine Stimme sehr fest ist und zuviel Druck dich einschränkt. Dazu kannst du auch ein Knie rechtwinklig heben und mit dem Fußgelenk kreisen.

Warum ich es liebe, beim Singen auf einem Bein zu stehen

Das erzähle ich euch jetzt und auch welche Steigerung es dabei noch gibt! Diese Übung ist eine große Herausforderung für mich. Ich beschreibe sie mal kurz:

Während einer Einatmung hebst du ein Knie, bis dein Oberschenkel eine Waagrechte zum Boden zeigt. Dein Standbein bleibt dabei gestreckt. Während des Singens bleibt dein Bein gehoben.

Das verlangt mir alles ab! An manchen Tagen schaffe ich es kaum und unterstütze mich dann, in dem ich mich ein klein wenig an der Stuhllehne oder Kommode festhalte. Oft reicht witziger Weise nur ein Finger, den ich daran lege. Aber er gibt mir dann wohl den Halt, den ich brauche.

Was ich daran liebe? Meine Einatmung vergrößert sich enorm in der Tiefe. Mein Zwerchfell senkt sich super ab und die Einatmung fühlt sich dabei total unkompliziert an. Mein Vokaltrakt (Resonanzraum/Ansatzrohr) öffnet sich freiwillig und gibt mir die Möglichkeit von Raum und Volumen in meiner Stimme. Mein Standbein richtet mich auf, oder besser gesagt, ich richte mich komplett über mein Standbein auf, denn die Aufrichtung geschieht von unten nach oben.

Ich kann diese Übung noch mit verschiedensten Armhebungen kombinieren, die dann wiederum eine enorme Auswirkung auf meine Stimme haben. Mein ganzer Körpertonus verändert sich zum EUTONUS zum guten Tonus. Ich merke deutlich, wie glücklich mein Körper darüber ist, das zu spüren. Meine Stimme reagiert darauf mit einer gesünderen Schließkraft und Brillanz, egal ob ich KLASSIK oder POP singe.

Ist das nicht wunderbar Übungen zu haben, die Genreübergreifend wirken? Denn so bin ich und singe ich! Ich liebe die Musik, egal in welchem Genre die Kompostion dann zuhause ist.

Für alle von euch, die jetzt noch interessiert daran sind, wie es gesundheitlich mit mir weiter gegangen ist sei gesagt, dass es mir mittlerweile recht gut geht. Durch verschiedene alternative Formen der Medizin, habe ich zu einem guten Lebensalltag gefunden. Ich habe mehrere Autoimmunerkrankungen gepaart mit Hypermobilität, daher hört es nicht einfach auf. Aber ich kann mich wieder bewegen und liebe meinen Körper und mein gesamtes System so wie es ist. Es hat auch viel Gutes, sich damit auseinander setzen zu müssen und ich kann mit meinen Wissen darum und meiner Erfahrungen vielen Menschen helfen. Das ist wunderbar und erfüllt mich mit Glück.

bewegen und gehen
Mont-Saint-Michel in der Normandie 2019

Bloggen à la Sympatexter

Ich möchte euch ab heute mitnehmen in die Kunst des Bloggens, die Hilkea und ich nun in einer Woche lernen möchten. Ha,ha, wahrscheinlich etwas vermessen, dieses in nur 7 Tagen zu durchdringen, aber wir sind nicht alleine, sondern befinden uns in einer schönen unterstützenden Community und unter cooler Anleitung.

Boom Boom Blog heißt der Kurs von Sympatexterin Judith Peters, die uns mit viel Erfahrung, transilvanischem und Stuttgarter Temperament in die Mystik der Buchstaben leitet. Sie beschreibt ihr Business als Familienunternehmen, was sie sehr menschlich, nahbar und fühlbar sein lässt. Wer wäre besser für uns als Unternehmerinnen mit Familie und all dem, was es mit sich bringt geeignet?

Gestern ging es schon gleich zur Sache und das habe ich zuerst in einem Blogbeitrag auf meiner Homepage „Bin ich privat oder persönlich“ verarbeitet. Da ging es um die Unterscheidung von persönlichem und privatem. Ein so wichtiges Thema in diesem Zusammenhang.

Gerade zur Zeit sind viele unserer Voice Lehrer:innen mit diesem Thema beschäftigt. Wir haben Nachwuchs bekommen, na ja genau gesagt, haben unsere Voicies Nachwuchs bekommen, oder sind kurz davor, ihre Babys in die Welt zu bringen. Andere haben bereits Kinder, die in die Kita, die Grundschule oder auf weiterführende Schulen gehen. Und wir alle stehen vor dem gleichen Problem:

Wie schaffe ich es als Künstler:in und Lehrer:in das alles gleichwertig zu managen?

Viele von uns sind zudem freiberuflich und haben stark mit den Auswirkungen der Pandemie zu kämpfen! Sei es überhaupt etwas zu verdienen, sei es dass Schüler:innen wegbleiben aus Angst vor Ansteckung, aus Angst vor Online Unterricht, aus eigener finanzieller Not oder sei es, dass unsere Kinder nicht betreut werden können!

Da ich von Anfang an freiberuflich zuhause gearbeitet habe und mein Mann ebenso, haben wir unseren Tagesablauf direkt so strukturiert. So konnte ich auch während der Stillzeit unterrichten oder komponieren. Die Zeit des Stillens war auch gleichzeitig Pause für mich und Pause von der Arbeit. Das fand ich sehr schön und beglückend und für uns war es eine gute Lösung, nacheinander auf diese Art 3 Kinder zu versorgen.

Freiberuflichkeit war und ist für mich immer sehr wichtig gewesen. Ich bin im Grunde meines Herzen wohl ein Freigeist und tue mich schwer, mich in hierarchische Strukturen einzugliedern, besonders wenn ich sie als sinnfrei betrachte. Das war schon in der Schule so, oder auch während meines Praktikums im Kindergarten, bevor ich an die Uni ging.

Ich habe es nie bereut, dass ich seit über 30 Jahren freiberuflich unterwegs bin“, schrieb ich gestern in den Kommentaren bei Judiths BoomBoom Blog Kurs.

Und gleichzeitig stellt es uns immer wieder vor große Herausforderungen, uns selbst und die Familie zu managen.

Wenn euch dieses Thema betrifft und ihr Austausch sucht, seid ihr sicher sehr gut bei unserer Voicee Viola Tamm aufgehoben. Sie schreibt einen eigenen Blog IamViola zum Thema Künstlerin und Mutter sein, sowie ihren Kampf mit Depressionen. Viola ist mittlerweile Schirmherrin des Bündnis gegen Depression Würzburg und aktiv mit diesem wichtigen Thema bei Social Media. Wir fühlen uns ihr sehr verbunden und freuen uns total, dass sie schon so lange mit uns zusammen arbeitet.

Zum Abschluss für heute, hier ein kleines Feedback von ihr:

Ulla und Hilkea konnten bei mir den Druck rausnehmen, gesanglich wie auch in meiner Lehrerinnen Rolle….Darüber bin ich sehr glücklich“! (Viola Tamm)

Vertragen sich das EINFACHE und das KOMPLEXE?

Wie sollte sie denn sein, die perfekte Methode?

Hände mit einem Schild, Puzzleteile, die von fünf Menschen zusammen gefügt werden

So einfach, dass man sie durch höchstens drei Youtube Videos verstehen kann?

So kompliziert, dass man trotz jahrelangem Studium immer noch das Gefühl hast, eigentlich nur an der Oberfläche gekratzt zu haben?

Ihr merkt schon, ich polarisiere ein wenig. Und wer uns gut kennt, hat vielleicht auch gleich schon ein Bild wen oder was wir meinen, an welche Methoden wir dabei vielleicht gedacht haben.

Und um ganz ehrlich zu sein. Ich muss gar nicht so weit schauen und andere Methoden heran ziehen, sondern ich kann innerhalb unserer eigenen Methode bleiben. Denn ich habe dabei beide Zustände erleben dürfen oder manchmal hätte ich vielleicht gesagt: erleiden müssen.

Neue Besen kehren besser – stimmt

Als ich in den späten 80ern bei meiner gefühlt 10. Gesangslehrerin landete, war das Singen für mich mittlerweile zur Schwerstarbeit geworden und es war klar: diese Lehrerin „probiere ich noch aus“ und damit gebe ich meiner Stimme noch eine letzte Chance. Und wenn das nichts wird, dann höre ich auf mit Singen und mache etwas Anderes. Es gibt ja auch andere schöne Berufe auf der Welt.

Da ich hier einen Blog schreibe, nun seit mehr als 30 Jahren Gesangslehrerin bin, könnt ihr euch denken, wie die Geschichte ausging. Ich blieb lange bei dieser Lehrerin und sie war sowohl dafür verantwortlich, dass ich wieder singen lernte als auch dafür, dass ich das funktionale Stimmtraining nach Eugen Rabine kennenlernte.

Auch sie hatte diese Methode neu entdeckt und probierte in einer Stunde mit mir zwei Körperübungen aus. Bisher hatte ich brav an meinem Klavier gestanden und mich bis auf den kleinen Ausflug in die Welt der Seidentücher (siehe Blog) auch nicht wirklich viel bewegt beim Singen. Außer natürlich, es war szenisch vorgesehen.

Und da geschah etwas sehr Einfaches und zugleich sehr Beeindruckendes: ich hob zu einer Einatmung meine beiden Arme bis auf Schulterebene zur Seite, ließ sie dort und sang einen Quintlauf auf- und abwärts auf dem Vokal /u/. Ich war so erstaunt, wie sich meine Stimme anhören und anfühlen konnte. Auf einmal war alles viel leichter und es klang in meinen Ohren auch viel schöner.

Noch in der gleichen Stunde machten wir eine Übung in der tiefen Lage, in der Bruststimme. Ich sang eine Terz auf dem Vokal /a/, ging allerdings diesmal zu einer Einatmung in die Hocke und sang in der Hocke. Und was soll ich sagen? Meine Bruststimme klang viel kräftiger, viel dunkler als sonst und auch sie war deutlich leichter als ich es von mir kannte.

Es war also ganz einfach. Nur zwei Übungen, eine für die Kopf- und eine für die Bruststimme und alles war viel leichter. So kann man es machen. Einen Bauchladen mit tollen Übungen und schon ist alles super.

Aber ich wollte mehr, wollte mehr wissen. Wieso funktionierte das? Funktioniert das immer und bei allen gleich? Überhaupt, woher hast du das? Wer hat dir das denn gezeigt?

Mein „Lehr- und Wanderjahre“…

Und so fing ich an, eine Ausbildung am Rabine-Institut zu machen, um zu lernen, wie die Zusammenhänge zwischen Körper und Stimme genau sind, und wie ich das bei mir und meinen Schüler:innen gezielt nutzen kann.

Nach vierjähriger Ausbildung landete ich dann in Zustand zwei: Ich hatte das Gefühl, innerhalb des Kehlkopfes existierten so viele Muskeln, dass ich sie mein Lebtag nicht lernen würde. Und ob ich das alles wirklich einmal ganz durchdrungen haben würde, wagte ich zu dem Zeitpunkt ernsthaft zu bezweifeln.

Aber die Methode faszinierte mich, ich blieb dran, ich nahm weiter Unterricht, irgendwann bei Eugen Rabine persönlich. Ich hospitierte in weiteren Ausbildungsgruppen.

Und irgendwann fing ich an, Fragen zu haben. Das war für ein toller Moment, denn ich wusste auf einmal: wenn ich Fragen habe, dann bin ich ein sehr großes Stück weiter.

Auch das ist etwas, was wir unseren Gesangslehrer:innen in der Ausbildung immer wieder sagen: freu dich, wenn du Fragen hast, je mehr desto besser, denn es zeigt, dass du schon sehr viel verstanden hast.

Dann kam der nächste Schritt für mich: Supervisorin zu werden. Das bedeutete zu lernen, wie ich andere Lernende in kleinen Arbeitsgruppen unterstützen könnte. Ich hospitierte viel und lernte noch viel mehr. Und immer hatte ich noch das Gefühl, eigentlich weiß ich noch viel zu wenig.

Aber ich hatte immer mehr Fragen: und Fragen haben bedeutete wohl, dass ich auch immer mehr verstanden hatte.

Aber am größten war die Frage, ob ich überhaupt gut genug sei. Ich strampelte mich ab, ich hörte jeden Morgen Aufnahmen von Vorträgen und Gruppensingen meines Lehrers ab, suchte in Anatomiebüchern nach den entsprechenden Bildern, häufte Wissen an und lernte gleichzeitig meine Liebe zu anatomischen Bildern kennen. Das war ein wunderschöner Effekt, mit dem ich gar nicht gerechnet hatte und der mir heute immer wieder zugute kommt. Ich habe eine große Auswahl an anatomischen Bildern und ich kann Menschen Begeisterung für Anatomie vermitteln.

Die Supervisions-Ausbildung war irgendwann auch abgeschlossen, nun hatte ich ein weiteres Zertifikat.

In dieser Zeit lag auch der Grundstein für das Institut Voice Experience.

Denn auch Ulla war in der Supervisoren-Gruppe und wir tauschten uns viel darüber aus, wie man diese Erkenntnisse in die Popularmusik übertragen könne. Ich war ein großer Fan von Popularmusik, die ich in meiner Jugend – natürlich gleichberechtigt neben meiner Opernbegeisterung – hörte, meinen Lieblingsbands zujubelte und nächtelang nach ohrenbetäubender Musik durchtanzte.

Und immer noch beschlich mich das Gefühl, ich wüsste zu wenig. Wer bin ich denn, anderen zu sagen, wie es geht?

Bald hatte ich mein zweites Supervisoren Zertifikat. Und gleichzeitig wurde für Ulla und mich immer klarer, dass wir auch Gesangslehrer:innnen ausbilden wollten. Die Nachfrage wurde größer und größer und wir hatten Lust dazu. Gleichzeitig zog sich unser Lehrer Eugen Rabine langsam aber sicher am Rabine-Institut aus der Ausbildung zurück und wir übernahmen mit vier Kollegen die Arbeit.

Nun wurde es richtig „hart“. Als ich anfing, die grundlegenden Dinge selber zu vermitteln, kamen mir wieder ein Haufen Fragen. Hatte Eugen überhaupt recht? Wo steht das denn? Stimmt das wirklich? Macht das in der Popularmusik überhaupt Sinn?

Wir diskutierten viel, hörten viel, probierten aus und nicht zuletzt bekamen wir Feedback in unseren Ausbildungsgruppen. Und das war wunderbar. Denn hier konnten wir merken, wie viel sich im Unterrichten unserer Schüler:innen positiv veränderte.

Und sie alle saßen am Anfang da und sagten teilweise die gleichen Sätze wie ich: das verstehe ich nicht. Das ist viel zu kompliziert. Ich glaube, das raff ich nie. Ich bin wahrscheinlich viel zu blöd …

Und gleichzeitig waren sie so begeistert, wenn sie in den Gruppensingen durch die Übungen auf einmal Dinge in ihrer Stimme entdeckten, die sie nicht kannten, die sie sich schon immer gewünscht hatten. Es schien ganz einfach: nimm die Arme oder die Beine oder die Finger, mache eine bestimmte Körperübung und schon flutscht es.

Der Spagat – eine lebenslange Übung

Ich habe über die Jahre gelernt, mit diesem Spagat zu leben. Ja, es ist komplex. Die Stimme verstehen zu wollen ist ein großes Unterfangen, es gibt so viele Informationen, es gibt viele Erkenntnisse, neue wie alte. Und manchmal raucht mir auch heute noch der Kopf. Aber es ist gleichzeitig so faszinierend. Und je älter ich werde desto mehr weiß ich, dass das Leben kein Rezeptbuch mit wenigen Seiten ist.

Und je mehr ich weiß und je mehr Erfahrungen ich mit meinen Schüler:innen machen darf, im Einzelunterricht und in der Ausbildung desto klarer wird, dass es beides braucht: Die Komplexität des Wissens, das wir brauchen, um mit jedem individuell arbeiten zu können, denn ich meine Schüler:innen nicht mit dem Ausprobieren von Übungen einfach abspeisen und gleichzeitig braucht es die Klarheit und Einfachheit, wenn man einen Blick und ein Ohr entwickelt hat, so dass wir wissen, was jetzt dran ist.

So würde ich heute nach über 30 Jahren Erfahrung mit der Rabine-Methode sagen: ja sie ist komplex, sie ist stellenweise kompliziert. Aber je mehr man sie durchdrungen hat, desto einfacher wird das Unterrichten und singen.

Für mich ist es ein wenig so wie mit dem Singen: als immer mehr Leute nach Konzerten zu mir sagten, ich hätte eine so natürliche Stimme, es würde klingen, als ob das alles ganz leicht wäre, da wusste ich: ich hab was richtig gemacht – endlich – denn wenn die Stimme, die Technik stimmt, sich stimmig anfühlt, dann ist es für uns leicht und komplex gleichzeitig. Und was draußen ankommt hat immer die Empfindung von Mühelosigkeit, Selbstverständlichkeit, Wissen ohne zu viel Wissenschaftlichkeit und vor allem:

es macht großen Spaß und man lernt mit Freude weiter und weiter. Nicht weil man ständig an sich zweifelt, ob man überhaupt gut genug ist, sondern weil es zu einem tiefen Bedürfnis geworden ist, weil die Neugier so groß ist, all die neuen tollen Dinge, die es noch in der Welt der Stimme gibt, zu erforschen und zu erleben.

Dann sind sie endlich wieder vereint, die beiden scheinbaren Gegensätze EINFACH und KOMPLEX

Wie wir zu unserem Namen „die Hasen“ kamen

Die Hasen-Geschichte:

Immer wieder tauchen in unseren Bildern zwei süße kleine Wackel-Hasen auf.

Ja, es gibt auch Wackel-Hasen, nicht nur Wackel-Dackel. Und manche fragen uns, was es damit auf sich hat.

Nun, voilà, hier kommt die Geschichte dazu.

Das Ganze entstand aus einer Laune heraus, als Ulla und ich 2014 unsere erste gemeinsame Ausbildung leiteten. Das war für uns beide aufregend und stellenweise sehr berührend. Das Institut Voice Experience war frisch gegründet und in unseren Seminaren waren immer mehr Menschen, die sich nicht nur als Sänger:innen bei uns wohl fühlten, sondern lernen wollten, auch so zu unterrichten wie wir es tun und uns immer wieder fragten, wann wir denn endlich eine Ausbildung geben würden.

Und innerhalb dieser ersten Ausbildung sagte ich zu Ulla aus lauter Begeisterung über unsere tolle Zusammenarbeit immer wieder mal wieder: Hey, Hase, wollen wir nicht mal …

Und daraus wurde recht schnell eine Gewohnheit. Wir warfen uns die Bälle zu, nahmen uns auch mal gegenseitig auf die Schippe, wer denn heute wohl Hase 1 und wer Hase 2 sei. Und irgendwie wollen wir uns da bis heute nicht wirklich festlegen ;-).

Und manchmal war es einfach nur liebevoll gemeint, denn die Zusammenarbeit machte uns beiden großen Spaß, wir ergänzten uns gut und so blieben uns die Hasen irgendwie erhalten.

Als nach einem guten Jahr die Sänger:innen und Lehrer:innen des ersten Level 1 unserer Ausbildung eine coole Abschlussparty schmissen, wurden wir von unseren ersten Voicies mit einer neuen Textvariante des Abba-Hits „Thank you for the music“ überrascht. Nicht weiter verwunderlich handelte das Lied von zwei Gesangshasen, die lauter wunderbare Dinge getan hatten. Folgerichtig hatte unser erster Blumenstrauß denn auch die Farben orange und grün und wie ihr euch spätestens jetzt schon denken könnt: es handelte sich um ein Bund frischer Möhren.

Die Bezeichnung vererbte sich von einer Ausbildungsgruppe zur nächsten, so dass wir fast von jeder Gruppe eigentlich immer zum Abschied sehr unterschiedliche Hasen Geschenke bekamen: ein Buch, das bezeichnenderweise „Hase 1 an Hase 2“ hieß; eine Tasse mit Hasen-Power steht immer für einen guten Tee zur Verfügung. Und nicht zuletzt die Wackel-Hasen, die immer mal wieder in unseren Bildern vorbei schauen. Denn Hasen sind neugierige Tiere.

Genau wie wir beiden.

Wir haben zuerst gemeinsam unsere Ausbildung am Rabine-Institut gemacht. Danach haben wir viele Jahre miteinander und unabhängig voneinander geforscht. Wir wollten immer wissen, wie Singen, aber auch wie gutes Unterrichten geht. Und gerade was die Popularmusik angeht, gibt es immer wieder so spannende Themen, die wir noch weiter durchdringen können, mit jedem Jahr an Erfahrung. Und so hatten wir irgendwann das Gefühl, wir sind wirklich alte Hasen in unserem Geschäft, mit einer großen Menge an Erfahrungen auf der Bühne und im Unterrichten, aber mittlerweile auch im Ausbilden von Gesangslehrer:innen im Bereich Popularmusik.

Es klang toll, aber wir wussten beide nicht warum

Wie Bewegung die Stimme unterstützen kann oder Seidentücher im Unterricht

Auf den Titel dieses Posts kam Ulla, als ich ihr von meiner Odyssee von einer Gesangslehrerin zur nächsten in meinen frühen Jahren der Stimmentwicklung erzählte. Und ich sage euch, es könnte ein Fortsetzungsroman mit etlichen Folgen werden.

Heute möchte ich euch meine Geschichte mit den Seidentüchern erzählen.

Zum damaligen Zeitpunkt war ich 22 Jahre alt, hatte eine sehr kräftige Stimme, aber mir fehlten die Feinheiten, das Vibrato ließ auch noch auf sich warten und ich machte auf meine Zuhörer:innen oft einen ziemlich festen Eindruck.

Da kam meine Gesangslehrerin auf die Idee, mir zwei Seidentücher in die Hand zu drücken und sie sagte, ich möge sie in Kreisen bewegen lassen, so dass sie durchgängig fliegen würden, solange ich sänge. Es war eine Übung, die mir viel Spaß machte, hatte ich doch bis dato immer brav vor meinem Spiegel gestanden und mir beim Singen zugesehen und zugehört. Nun bewegte ich mich beim Singen durch ihr Zimmer und kam mir ein wenig vor wie bei der rhythmischen Sportgymnastik. Und es fühlte sich gut an.

Meine Stimme bewegte sich, die Musik bewegte sich, die Musik bewegte mich. Und vor allem die Musik, die ich nun machte bewegte meine Zuhörer:innen viel mehr als jemals zuvor. Denn in unserem ersten gemeinsamen Schüler:innenkonzert durfte ich meine Seidentücher als Unterstützung benutzen.

Aber da ich schon immer wissen wollte, wie Dinge denn zusammen hängen, stellte sich mir neben diesem wunderbaren Gefühl die Frage: was passiert dabei eigentlich, dass ich auf einmal so singen kann? Und leider hatte meine Lehrerin keine Antwort. Sie meinte nur, dass ihre Erfahrung sei, dass es gut wirken würde, alle ihre Schüler:innen würden darauf positiv reagieren.

Hm, das war schön, aber warum? Und wie sollte ich es schaffen, dieses Ergebnis auch zu bekommen, ohne dass ich immer mit Seidentüchern auf der Bühne tanzen würde?

Viele, viele Jahre später, als ich in der Ausbildung für das funktionale Stimmtraining war, wurde mir der Zusammenhang zwischen Körper, Atmung und Stimme bewusst, und ich konnte mir und auch meinen Schüler:innen erklären, was damals passiert war und auf was man achten kann, so dass man sich auch ohne Tücher in diesen körperlichen und emotionalen Zustand begeben kann.

Mein Administrator und ich

Hilkea und ich möchten schon lange einen Blog schreiben, aber wie verknüpfen wir das problemlos mit unserer Homepage? 

Das ist die Frage, die ich unserem Homepagebauer gestellt habe. Es muss nämlich so sein, dass wir beide unabhängig daran schreiben können und sich das Dingi automatisch hochlädt. „Frag doch mal den Serverbetreiber“, war die Antwort. (So viel habe ich nun also schon drauf, dass ich weiß, was ein Server ist und wenn ich da anrufe!). Ich also nachgefragt und er:“ bitte bekomm jetzt nicht die Krise, aber am besten wir machen das mit einer WordPress Verknüpfung.“ Ich merkte, wie ich langsam Ausschlag bekam. Schließlich sagen alle, Word Press ist so kompliziert. Und nun sitze ich hier in der Telefonkonferenz und das Erste, was mein Admin sagt ist: “Du bist jetzt auch Administrator, darfst alles, kannst alles und kannst alles kaputtschießen!“