Der große Oberbegriff Emotion in der Musik

Wie eigentlich drücken wir Emotion in der Musik aus?

Diese Frage beschäftigt mich schon sehr lange. Ich habe mit vielen meiner Gesangslehrer:innen am musikalischen Ausdruck oder eben am emotionalen Ausdruck gearbeitet, habe viele unterschiedliche Ansätze kennen gelernt. Und ich habe als Lehrerin immer wieder mit den eigenen Schüler:innen an speziell diesem Thema gearbeitet und experimentiert.

Es betrifft jede Form von Gesang. Besonders aber wenn wir unseren Kurs zum Thema SOUL geben, sind wir genau damit beschäftigt. In diesem speziellen Workshop geht es immer wieder um den Klang. Wie klingt Soul?

Denn eine der Übersetzungen des Wortes „Soul“ ist Seele. Und die Seele eines Stückes oder die Seele einer Stimme ist eng verknüpft mit der Emotion.

Und ist Emotion nicht etwas, was ich fühlen muss, was ganz authentisch rüber kommen sollte? Also mein ganz persönlichen Ausdruck, den ich fühle, wenn ich diese Musik höre oder singe? Aber wie mache ich das?

Ich habe angefangen, einen Begriffs-Cluster zu machen, um erst einmal ganz ungefiltert aufzuschreiben, was mir zum Wort EMOTION in der Stimme einfiel.

 

Sammlung von Stichworten zum Thema Emotionen in der Stimme, mit Buntstift bemalt

 

 

Emotion – das, was die Musik im Innersten zusammen hält

Warum machen wir eigentlich Musik? Oder genauer: warum singen wir?

Was ist es, was uns am Singen so anzieht, ob wir zuhören oder selber singen?

Was suchen wir in der Musik?

Die meisten sagen, man würde sich gut dabei fühlen. Gut fühlen, wenn man Musik macht, wenn man Musik hört und vor allem wenn man singt.

 

Wir möchten uns mitteilen

Wir möchten etwas mitteilen. Etwas mitteilen von uns, von unseren Gefühlen, aber auch von unseren Gedanken. Wir möchten mit unserer Musik, mit unserer Stimme andere berühren. Aber vielleicht wollen wir auch uns berühren, unsere eigene Berührung oder Berührtheit spüren?

„Wir wollen mit Leib und Seele singen.“

„Wir singen von Herzen.“

An diesen Ausdrücken können wir schon erkennen, dass wir ganz als Menschen angesprochen werden, wenn wir singen und wir möchten mit unserer Musik andere ansprechen.

Als Zuhörende wollen wir mitgehen können, wollen fühlen, wollen mitfühlen, wollen mitschwingen, wollen mittendrin sein.

So viele Gefühle können über eine Stimme ausgedrückt werden: Liebe, ja, vor allem Liebe und Trauer sind immer wieder die Antriebsfedern, einen Song zu schreiben und zu singen. Aber auch Angst und Wut haben ihren Platz.

Manchmal Wonne und Verzückung – wenn ich diese beiden Emotionen schreibe denke ich sofort an Schubert Lieder, ich weiß nicht genau warum.

Aber auch Lebendigkeit bricht sich immer wieder Bahn. Es sprudelt nur so, viel Energie kommt durchs Mikrophon und auch die Opernbühne vibriert auf einmal.

ein fröhlicher Mann, eine Frau mit Mikrophon, eine Frau ist verzweifelt, Emotionen in der Musik

 

Wir drücken uns aus – mit allem, was uns zu Verfügung steht. Atmen in unsere Mikrophone, lassen die Luft hören, man kann uns so nah sein. Die Stimme darf zittern, manchmal im Tremolo schwingen, aber auch gerade sein oder in einem wunderbaren Vibrato einen Ton beenden. Jede Differenzierbarkeit ist möglich, auch Geräusche sind ein Teil, Hauptsache so variabel, dass ich mich in der Stimme komplett zeigen kann.

Und nun eine interessante Frage, mit der wir uns immer wieder als Gesangspädagog:innen beschäftigen:

Wie machen wir das? Wie entsteht das?

Voraussetzungen für eine variable Stimme

Lasst uns gemeinsam einen genaueren Blick auf das Singen und die Stimme werfen. Was transportiert denn eigentlich die Emotion in der Stimme? Diesen besonderen Klang, an dem wir zu jeder Zeit wieder zu erkennen sind? Wir können sagen, vor allem die Vokale sind es, die unsere Emotion übertragen. Sie haben die Möglichkeit, die Stimme zum schwingen, zum klingen zu bringen. Wir haben unterschiedliche Räume zur Verfügung, die unsere Frequenzen verstärken oder dämpfen können, die unserer Stimme Helligkeit und Dunkelheit verleihen. Wenn wir es wollen und brauchen, können wir damit auch mal schrill klingen oder knallhart. Oder wir lassen die Weichheit und zarte Gefühle durch uns durchschwingen.

 

Vielleicht klingt das für den einen oder die andere schon etwas zu technisch. Häufig möchten wir gern unsere ganz eigenen Gefühle ausdrücken, indem wir uns in die Situation hinein versetzen, den Schmerz fühlen, die Wut herausschreien, denn das erscheint uns authentisch und alles Andere vielleicht nur als ein künstliches „Herumgemache“. Wie sollen wir denn sichtbar und fühlbar werden, wenn nicht durch unsere ganz persönlichen, eigenen Gefühle?

Kann das denn überhaupt gehen?

 

Der Körper ist unser Instrument und Träger der Emotion

Dazu möchte ich mit euch einen kurzen Blick auf unseren Körper und unseren Vokaltrakt  werfen, wenn wir Gefühle fühlen. Ihr könnt es gern für euch selbst ausprobieren, indem ihr versucht, euch in bestimmte Gefühle hinein zu versetzen. Sucht eine Situation, in der ihr beispielsweise Wut empfunden habt. Wie hat sich euer Körper angefühlt, wie war eure Atmung, wie hat sich die Stimme angehört, als ihr jemanden angeschrien habt oder auch, als ihr eure Wut gerade noch zurück halten konntet, aber fast geplatzt wärt?

Je nachdem wie stark ihr diese Gefühle zurück holen könnt, spürt ihr vielleicht bestimmte Dinge in eurem Hals, an eurer Stimme. Wie ist die Offenheit im Vokaltrakt, in eurem Rachenraum? Wie leicht könnt ihr singen? Wie gehen die hohen und die tiefen Töne? Könnt ihr euch vorstellen, in diesem Zustand ein gesamtes Lied zu singen?

 

Nervensystem und Emotion

Aber auch das Nervensystem spielt eine Rolle. Wenn wir Angst haben oder fast depressiv, völlig zerstört am Boden liegen, weil wir fühlen, wie schlimm es für uns ist, dass uns der Liebste verlassen oder betrogen hat, nimmt unser Körper eine automatische Haltung an. Die Atmung reagiert sehr stark auf Gefühle, indem wenig Einatmungskapazität da ist, wir befinden uns eher in einem seufzenden, ausgeatmeten, leeren Zustand.

Und wie ist die Empfindung dafür, aus diesen Zuständen schnell wieder auftauchen zu können? Wie schnell darf sich der Hals wieder öffnen, wie schnell kommt der Körpertonus zurück? Und vor allem, wie ist der emotionale Haushalt, wenn ihr euch vorstellt, in jeder Vorstellung, bei jedem Auftritt, in so intensive Gefühle hinein zu gehen? Und was passiert, wenn es euch nicht gelingen sollte, wenn sich das Gefühl einfach nicht einstellen sollte? Wenn ihr euch einzig und allein darüber definiert, ob ihr auch intensiv genug fühlt und sonst keine Möglichkeit der Kontrolle über eure Stimme habt?

Ich habe es mit Absicht ein wenig überspitzt, um klarer zu machen, wie Gefühle uns beeinflussen können und was das auch mit unserer Stimme zu tun hat. Denn nicht umsonst liegen die beiden Worte Stimme und Stimmung so dicht beieinander.

Wenn wir unsere Workshops zum Thema SOUL geben, sind das wichtige Fragen, die immer wieder auftauchen. Und wir arbeiten mit Elementen der Stimme, die einen deutlichen Einfluss auf unsere Emotion haben.

Das Thema Soul

Wenn wir Menschen fragen, was sie eigentlich unter Soul verstehen, kommen sehr unterschiedliche Antworten. Aber eins ist ihnen gemeinsam:

Soul Musik berührt die Seele und wird mit ganzer Seele gesungen.

Soulmusik wurde vor allem in den 1960ern und 1970ern durch die stark emotionale Vortragsweise der Musik und durch die Hervorhebung des Gesangs gekennzeichnet.

Soul bedeutet auch „Innerstes“ und „Inbrunst“. Wir können unser Inneres über die Stimme hörbar machen und können mit Inbrunst singen.

 

Die Arbeitsweise

Schauen wir uns die Arbeitsweise an und untersuchen die Elemente genauer.

Um Emotion zu vermitteln, brauchen wir vor allem den Klang. Dazu arbeiten wir viel an den Vokalen. Und wir brauchen Offenheit im Vokaltrakt, in unserem Rachenraum und eine gute Differenzierbarkeit. Das erreichen wir nicht, wenn wir zu viel in der privaten Emotion von Trauer, Wut oder Angst stecken. Freude und Liebe sind da schon hilfreicher, aber nicht jedes Stück handelt von Liebe und Freude. Ganz im Gegenteil. Die meisten Songs spiegeln problematische Lebenssituationen wieder.

Aber die gute Nachricht ist: mit all dem kann man spielen. Wir können traurig oder wütend klingen, ohne dass wir uns komplett in dies Gefühl hinein geben müssen.

Die Fragen lauten u.a.:

  • Wie schaffe ich Raum im Vokaltrakt?
  • Welche Vokale nehme ich?
  • Möchte ich die Vokale lieber etwas dunkler oder heller haben?
  • Können wir die Klang-Schattierungen wechseln?

Elemente, mit denen wir experimentieren können

Besonders die Färbung der Vokale ist sehr interessant. Zu spüren, was die grundsätzliche Klangfarbe meiner Stimme ist und dann mit den Vokalfarben zu spielen, um beispielsweise Helligkeit und Dunkelheit ganz bewusst zu erzeugen. Auch einen Vokal innerhalb einer Silbe bewusst zu verändern, den Raum dabei zu verändern, hat sofort emotionale Effekte, die wir hören und fühlen können.

 

Pinsel, bunte Farben aus einem Tuschkasten, Vokaldreieck, Vokalfarbe Analogie

 

 

 

Wenn wir das Vokaldreieck zu Hilfe nehmen, könnte man sagen, wir sind ein bisschen wie Maler:innen, die sich aus einer Palette von Farben bedienen und ganz unterschiedliche und persönliche Klangfarben mischen, indem wir mit den Vokalfarben herum probieren.

 

Mediale Kompression, Luftdruck, Hauch

Auch das Thema mediale Kompression, also die Kraft, mit der unsere Stimmlippen schließen, spielt dabei eine Rolle. Möchte ich es etwas härter haben und benutze mehr mediale Kompression oder möchte ich mehr in die Weichheit kommen? Oder möchte ich Intimität mit Hauch in der Stimme ausdrücken und lasse die mediale Kompression immer weniger werden, mehr und mehr Luft durch meine Stimmbänder fließen, ohne dass sie sich in Klang verwandelt? All das ist möglich.

Durch diese Möglichkeiten in der Gestaltung der Vokalfarben und der Härte oder Weichheit meines Klangs, ergibt sich ein großes Spektrum, innerhalb dessen sich die gesamte Welt der Emotion in der Musik erschließen kann, ohne dass wir uns Abend für Abend auspowern müssen. Und vor allem, was noch viel wichtiger ist, dass unsere Stimme nicht über die Zeit Schaden nimmt, weil der innere Druck, den wir gern in unseren Songs vermitteln möchte, nicht die eigenen Stimme derartig unter Druck setzt, dass sie irgendwann mit Krankheit reagiert.

Mit den Farben und Klängen zu experimentieren, kann unglaublich schön sein. Und wir werden feststellen, dass Singen immer, egal welche Emotion ich ausdrücken möchte, Offenheit, Klanglichkeit bedeutet. Und auch Aufrichtung im Körper bedeutet und doch immer einen Hauch der Emotion mit zu fühlen, die wir ausdrücken möchten. Das gibt uns eine Möglichkeit, in unserer Grundgestimmtheit positiv und freudig zu sein, offen und liebevoll mit uns selbst zu sein, uns glücklich zu fühlen und doch über unsere Stimme durch Variabilität im Druck und der Farbgestaltung unserer Vokale alle Möglichkeiten zu haben, die wir brauchen, um ausdrucksstark, mit Seele, mit unserem Herzen zu singen und uns selbst und andere damit zu berühren.

 

 

 

 

 

 

 

 

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