Der Vokaltrakt in einer etwas anderen Sichtweise

Im Schreibkurs, den ich seit einiger Zeit besuche, um mich im Schreiben meines Buches unterstützen zu lassen, habe ich mir eine neue Aufgabe gewählt.

Ich möchte zu jedem wissenschaftlichen Kapitel, das ich über die Stimmfunktion und das Nervensystem schreibe eine Art Goldenes Tor schreiben, was einen eher emotionalen oder auch grundlegend sinnlichen Aspekt des Themas herausgreift. Denn wir wissen heutzutage, dass Lernen nur stattfinden kann, wenn wir uns auch emotional, mit Hilfe des Limbischen Systems im Autonomen Nervensystem mit den Inhalten verbinden können. Sonst behalten wir nichts oder nur sehr wenig.

Eine der Schwierigkeiten für mich persönlich in meinem Buchprojekt ist die, dass ich gern persönlich schreiben möchte, aber das Thema ist hoch komplex und im höchsten Maße wissenschaftlich.

Ich möchte in meinem Buch die zwei Seiten von mir verbunden wissen. Wie schreibt man wissenschaftlich mit Gefühl? Etwas, was ich heutzutage eigentlich nirgends lese, ich habe keine Vorbilder. Denn Wissenschaft bedeutet für die allermeisten, objektiv zu sein, sich nicht von Gefühlen leiten zu lassen, sie am besten ganz außen vor zu lassen. Dass das nicht geht, eine schlicht verkehrte Vorstellung von Mensch-sein ist, wird klar, wenn man sich genauer mit dem Aufbau und der Funktion von Gehirn und Nervensystem befasst.

Die Idee der Goldenen Tore

Ich möchte meine Leserschaft dazu einladen, mit mir nachzufühlen, warum mich die Anatomie so begeistert. Warum ich es so spannend finde, mich in diese anatomischen, neurologischen, physiologischen und biologischen Aspekte hinein zu vertiefen.

Ich ziehe immer Parallelen zu mir und meinem Leben. Und auf einmal wird es lebendig, alles erwacht zum Leben. Nichts ist mehr trocken und kompliziert, nur noch spannend und faszinierend.

Auf geht’s, tretet mit mir durch mein erstes goldenes Tor und erhascht einen Blick auf den Vokaltrakt, unseren Rachenraum.

Das GOLDENE TOR – Vokaltrakt

Wenn wir uns den Vokaltrakt näher anschauen, haben wir unter anderem den Aspekt des Nervensystems. Wir haben in der Rachenrückwand sowohl Wirkungen der Hirnnerven Vagus und Glossopharyngeus als auch Fasern des sympatischen Nervensystems in Form des Truncus Sympatikus. Meine ersten Assoziationen gingen wieder mal dahin, dass mir das Sympatische Nervensystem einfach irgendwie sympatisch ist 😉.

Und dann fiel mir wieder ein, wie ich staunend einen Artikel las, der mir klar machte, wie durchdacht die Neurologie in unserem Rachenraum ist. Zum einen braucht es eine dauerhafte Öffnung, damit wir immer atmen können. Denn dieser Raum muss ständig offen sein, sonst würden wir sterben. In dieser endgültigen Konsequenz war mir das erst klar geworden, nachdem ich diesen hoch komplexen Artikel gelesen hatte.

Und gleichzeitig braucht unsere Seele, unsere Emotion, dass wir auch Schließung erlauben. Alle von uns brauchen immer wieder diesen inneren oder auch äußeren Rückzugsort, wo wir uns verschließen dürfen. Immer wieder falle ich auf diese New-age Anforderung herein, dass mein Herz offen sein müsse, dass ich mich der Welt öffnen müsse, ständig und immer. What a bullshit!

Es ist wunderschön, wenn ich in diesen Zuständen bin, aber auch das Gegenteil ist so wichtig. Und vor allem, dass wir uns auch das Schließen erlauben.

Und da bin ich sofort wieder beim Vokaltrakt, bei unserem Rachenraum.

Wenn wir singen sollte er offen sein, denn er ist ja der Raum, der unsere Stimme verstärkt. Und gleichzeitig ist es der Raum, der geöffnet ist, wenn wir innerlich geöffnet sind. Habt ihr schon einmal bemerkt, dass ihr selbst oder auch andere anders sprechen, dass die Stimme anders klingt, je nachdem ob man angespannt ist oder ob man sich in einer sicheren wunderschönen Atmosphäre befinden? Wie weich, wie voll kann deine Stimme auf einmal sein?

Wie offen bin ich selbst?

Mich selbst berührte die Frage mit einem Mal: darf ich mich wirklich öffnen? Ich erinnerte mich an mein Studium. So sehr hatte ich mich gefreut, endlich Operngesang studieren zu dürfen, endlich einen Platz bekommen zu haben. Und dann prasselte gefühlt den ganzen Tag, in jeder Stunde, die ich sang diese unglaubliche Kritik auf mich ein. Mein Vokaltrakt wollte sich nicht öffnen, nein, das alles wollte ich nicht in mich hinein lassen, immer und immer wieder. Und es dauerte Jahre bis ich endlich spüren konnte, wie es sich anfühlt, sich wirklich zu öffnen.

Reh Sicherheit Vokaltrakt

Mein Vokaltrakt ist wie ein sehr scheues Reh. Er kann weich und geschmeidig sein, aber er zuckt schnell zurück, ist schnell auf der Flucht. Über so viele Jahre habe ich gespürt, dass es im übrigen nicht die anderen sind, die ihn sich schließen lassen, nein, ich bin es. Wenn ich mich nicht traue aufzutauchen. Wenn ich Angst habe, sichtbar zu werden.

Und wieder kommt sie, die Frage: Darf ich mich wirklich öffnen? Und heute kann ich sagen: ja, mehr und mehr. Ich öffne mich mehr und mehr. Und mein Vokaltrakt zeigt es mir, indem meine Stimme, sowohl beim Singen als aber vor allem auch beim Sprechen ganz anders klingen und schwingen darf. Sie ist weicher geworden mit den Jahren, sie hat mehr Modulationsfähigkeit, ich bin der Welt und vor allem den Menschen gegenüber offener geworden, mein Mitgefühl mit mir und anderen ist gewachsen. Und das ist ein schönes Gefühl. Das Leben lebt sich leichter. Und der Vokaltrakt ist an der Stelle ein weiser und wichtiger Lehrer für mich gewesen.

Und so können wir uns vielleicht auch vorstellen, wie anders wir unsere Musik singen können, unser Publikum berühren können, wenn wir aus dieser Offenheit kommen. Auch das Unterrichten wird allein dadurch eine andere Ebene erreichen. Denn auch dort berühren wir mit unserer Stimme, mit der Offenheit unseres Resonanzraums unsere Schüler:innen.

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