Unterrichtstipp 1: mehr Volumen für die Stimme

Was kannst du machen, damit deine Schüler:innen mehr Volumen in die Stimme bekommen?

 

jubelnde Sängerin vor einem Mikrophon

Du möchtest mit deinen Schüler:innen auf eine gesunde Art und Weise mehr Volumen in ihren Stimmen trainieren, weil du die hier beschriebene Unterrichtssituation schon öfter erlebt hast:

Deine Schülerin kommt zu dir in den Unterricht mit einer schönen, aber noch sehr kleinen Stimme. Und du denkst dir: „Die Stimme muss mehr in den Körper.“ Klar, oder?

Der Ansatz an sich, dass die Stimme in den Körper muss, ist sehr gut und richtig, aber das bedeutet das eigentlich? 🤔

Wir haben hier einen Unterrichtstipp für dich:

Wir benutzen die Storchengangübung. Schau dir dazu auch unsere Videos an:

Stimmtipps 1 Intro kurz

Wenn wir möchten, dass sich mehr Lautstärke in einer Stimme ganz organisch aufbauen kann, braucht der Muskel unserer Stimme mehr Masse, mehr Muskelmasse.

Die Übung geht so:

  1. Du hebst beim Gehen während der Einatmung ein Bein so hoch, dass der Oberschenkel waagerecht zum Boden ist und der Unterschenkel hängt.
  2. In dieser Art gehst du durch den Raum, einatmend und singend.

Schau dir dazu folgendes Video an:

Storchengang

Das ist ein bisschen Arbeit, du trainierst dabei nicht nur deinen Stimmmuskel, sondern auch noch deine Oberschenkel, aber das ist ja auch nicht das Schlechteste 😜. Bei uns ist das Fitnesstraining beim Stimmtraining im Preis inbegriffen 😅

Kurze Erklärung:

Diese Übung aktiviert den Stimmmuskel, indem dein Zwerchfell viel aktiver wird, sich die Atmung vertieft und damit mehr Raum für die Verstärkung deiner Stimme entsteht. Und so kann sie lauter werden, ohne dass du sie mehr anstrengen musst.

Wir laden dich ein, die Übung auszuprobieren und schreibe uns gern in den Kommentaren, wie es für dich war und ob du noch Fragen dazu hast.

Hier gibt es nun noch 2 Videos mit Stimme und den direkten Hörvergleich ohne oder mit der Storchengang-Übung. Welche Unterschiede entdeckst du?

AOA ohne/mit Storchengang

UUU ohne/mit Storchengang

Und wenn du noch mehr erfahren möchtest, vielleicht noch mehr interessante Übungen ausprobieren möchtest, dann kannst du dich gern in unseren Newsletter eintragen und unser E-Book über die 6 Basics für die Stimme hier bekommen.

Kizomba und Singen – ganz im Hier und Jetzt

Warum ich Kizomba liebe und was das mit Singen zu tun hat

 

 

„Tanze, weil du fühlst und denkst und weinst und liebst“.

Dies Zitat von Lori Eickman passt sehr gut zu beidem: Singen und Kizomba tanzen, aber es bezieht sich eigentlich auf das Schreiben.

Und das Schreiben dieses Blog Artikels wurde durch die Sympatexterin Judith Peters hervorgekitzelt, bei der ich eine großartige Woche zum  Thema Bloggen hinter mir habe. Ich war sofort fasziniert von ihrer Art, denn sie verbindet das Schreiben mit Leidenschaft. Etwas, was sich auch in mir immer wieder Bahn bricht, wenn ich singe, tanze oder eben auch schreibe.

Die Aufgabe war, innerhalb einer Woche unter dem Oberthema: „Warum ich … liebe“ einen Blog-Artikel zu schreiben.

Und anstatt dass mir gleich das Singen, das Autonome Nervensystem, die Atmung, die Stütze oder was auch immer einfiel, wollte ein Tanz getanzt werden. Auf dem Papier – naja, oder jedenfalls so ähnlich wie auf Papier.

Und auch nicht irgendein Tanz oder das Tanzen allgemein, nein Kizomba musste es sein.

 

Rosen, roter Tanzrock, schwarze Tanzschuhe mit Strass, Schuhsohlen Bürste
Etwas, was ich schon immer haben wollte: einen roten Rock und strassbesetzte Tanzschuhe

Wie das mit mir und dem Kizomba begann

„Kannst du Kizomba tanzen? Nein. Möchtest du es lernen? Ja.“ (Tanzparty Dialog)

Ich habe keine Ahnung, warum ich Ja sagte. Denn ich kannte kaum den Namen des Tanzes, geschweige denn auch nur einen einzigen Schritt. Die Frage zielte auch nicht darauf ab, gemeinsam einen Tanzkurs für Kizomba zu machen, sondern die Frage katapultierte mich in den Keller meiner Tanzschule, wo ich mitten auf der Tanzfläche stand und einen Tanz tanzte, den ich überhaupt nicht kannte.

Ich vertraute der Versicherung des Tänzers, es sei ganz einfach. Und so stand ich dort und ließ mich führen. Was blieb mir denn auch anderes übrig? Ich schloss die Augen, vertraute mich dem an, was ich fühlte. Führen und Fühlen unterscheiden sich nur durch einen Buchstaben und so verschmolz beides in diesem ersten Tanz.

Und damit begann eine Liebesgeschichte zwischen mir und … nein, nicht was ihr vielleicht denkt – zwischen mir und dem Kizomba. Ich sage noch heute gern manchmal zu meinem Tanzpartner: „ich danke dir von Herzen, dass du mich damals in diesen Keller entführt hast, um mit mir Kizomba zu tanzen, obwohl du wusstest, dass ich keinen einzigen Schritt konnte.“

 

Denn ich liebe genau diesen besonderen Tanz,
  • weil er mir erlaubt, ja mich förmlich drängt, ganz im Hier und Jetzt zu sein,
  • weil ich raus aus meinem Kopf und voll und ganz rein ins Spüren komme,
  • weil er mir mitten in der Corona-Zeit einen Körperkontakt erlaubt, der zutiefst nährend und heilend ist,
  • weil er einen intensiven Kontakt zwischen mir und meinem Inneren herstellt,
  • weil ich mich in diesem Tanz als Frau erleben und ausdrücken kann,
  • weil die Musik mitreißend und berührend ist.

Wie geht Kizomba tanzen?

Ja, WIE ist die wichtigste Frage für mich. Es ist ein sehr sinnlicher Paartanz. Die Oberkörper der Partner sind oft sehr eng miteinander verbunden und er hat ein bisschen Ähnlichkeiten mit dem Tango Argentino, den ich in Buenos Aires kennen gelernt hatte. Aber die Emotion und vor allem die Musik sind sehr unterschiedlich.

Kizomba besteht aus verschiedenen Grundschritten. Figuren gibt es im Vergleich zu anderen Tänzen keine oder kaum. Und er spielt sich eher innerhalb des Paares ab und geht nicht so sehr nach außen wie beispielsweise Salsa. Es geht eher um den Energie- und Emotionsfluss zwischen den beiden Partnern, wenn beide es erlauben und sich dem Fluss anvertrauen. Aber auch spektakuläre und rhythmische Figuren sind möglich.

Durch das Fehlen von typischen wiederholbaren Schrittfiguren ist er für beide Partner nicht ganz leicht zu tanzen. Der Mann führt auf Einzelschrittebene und hat dazu in der Regel einen Arm und seinen Oberkörper zur Verfügung. Zudem können die Schritte in ihrem Tempo  variiert werden. Das entsteht, wenn es gut läuft, aus der Inspiration durch die Musik. Ein sicheres Gefühl für Rhythmus und Musikalität sind die Voraussetzungen, denn am Ende sollten 8 Zählzeiten herauskommen, egal mit welchen Schritten und in welcher Geschwindigkeit sie gefüllt werden. Für manche Tänzer fühlt sich das am Anfang eher wie Mathematik an, habe ich mir sagen lassen. Aber glücklicherweise hört man irgendwann auf zu zählen und verlässt sich mehr und mehr auf das eigene Gespür und vor allem auf die Musik und den Körper.

Schön und frei wird es, wenn wir neben unserem Können, einen wirklich musikalischen Tanzpartner haben, sonst wird das sich Führen lassen fast zur Unmöglichkeit. Und das besonders, wenn man wie ich von Beruf Musikerin ist. Genialerweise hatte ich das unverschämte Glück, gleich am ersten Abend, in meinem ersten Tanz jemandem zu begegnen, der all das in den Tanz hinein geben konnte. Auch wenn ich es zu dem Zeitpunkt noch gar nicht merkte, weil ich viel zu sehr beschäftigt war, zu erfühlen, was ich machen sollte.

 

Lektion 1 im Kizomba: nicht denken

Ein Kizomba Lehrer sagte einmal: die erste Lektion für die Frau: bitte Kopf ausstellen. Auf mich selbst bezogen kann ich nur sagen: immer wenn ich denke, ich wüsste, was als nächstes kommt, welcher Schritt, welche Geschwindigkeit, ist eine Täuschung nicht ausgeschlossen. 😉 Und wer mich kennt weiß: das ist eine riesengroße Herausforderung für einen Menschen wie mich. Eine Frau, die alles durchdenken, alles diskutieren, alles verstehen und absichern, die den Kopf immer oben behalten möchte.

Aber hier geht es nicht um den Kopf, sondern, wenn wir mal beim Körper bleiben möchten, hier geht es vielmehr um Herz und Becken.

Becken in seiner Beweglichkeit als Zentrierung, als Kraftquelle für Lebendigkeit und Kreativität. Und das Herz, um zu fühlen, zu erfühlen, wohin der Tanz mich jetzt gerade entführen möchte.

Die Kizomba Lehrerin und Tänzerin Sandra Kittelmann brachte es mit folgenden Worten auf den Punkt: „Wenn ich Kizomba tanze dann tauche ich in eine sinnliche Welt ab und vergesse alles um mich herum.“

Dieser Aussage kann ich mich ohne alle Abstriche anschließen.

 

Eine Frau beim Singen

Und nun zum Singen

Als erstes wurde ich beim Singen komplett auf mich selbst zurück geworfen.

Aber ich fange mal etwas weiter vorne an. Am Startpunkt, als ich das funktionale Stimmtraining nach Eugen Rabine kennenlernte. Ich nahm mich damals das erste Mal im Singen wirklich von innen wahr. Wie geschlossen oder manchmal auf geöffnet meine Resonanzräume, der so genannte Vokaltrakt war, wie ich vibrierte und resonierte. Und das war am Anfang emotional schwer auszuhalten, denn es waren nicht nur angenehme Gefühle, die auf einmal beim Singen entstanden.

Aber es waren Gefühle. Gefühle, die etwas mit mir zu tun hatten, die aus meiner Tiefe kamen. Und endlich nicht mehr äußere Technik: mach hier, zieh dort, heb das und dies, denke an … sondern ich kam auf einmal in einen intensiven Kontakt mit mir und meinem Inneren. Dieses tief berührt sein, indem ich mich selbst so sehr fühlte und wahrnahm, mein Inneres nach außen kehrte, das war es, was ich erleben durfte. Für mich übrigens eine wichtige Voraussetzung, dass wir nicht nur uns, sondern auch unser Publikum berühren können.

Und etwas Ähnliches passierte dann Jahre, Jahrzehnte später auf einmal völlig überraschend im Kizomba. Am Anfang wollte ich keine Figur lernen, wollte nicht wissen, wie ich es „richtig“ machen soll, denn ich hatte Sorge, diesen intuitiven und erspürenden Zugang zu verlieren. Es ging auf einmal darum, nicht die äußere Technik zu lernen, wilde Drehungen, komplexe Folgen, sondern es ging darum, sich in den Tanz hinein zu geben, spüren, wohin er uns führt, um den Ausdruck, um Kommunikation im Tanz, zu berühren und sich berühren zu lassen. Körperlich, aber auch emotional. Die Musik in all ihren Facetten aufnehmen und gemeinsam zum Ausdruck bringen. Uns selbst zum Ausdruck bringen in diesem Tanz. Sich selbst dabei vollkommen lebendig zu fühlen. Die eigene Persönlichkeit zeigen.

Und tue ich nicht das Gleiche im Singen?

 

Singen und Kizomba als Ressource

Beides kann eine Ressource, eine Kraftquelle in dieser Zeit sein, wo durch Corona auf einmal so viele Möglichkeiten des Kontakts entfallen.

Was machen wir ohne Körperkontakt?

Was machen wir ohne die Rückmeldungen unseres Publikums?

Was machen wir ohne Konzerte, ohne Musik live erleben zu dürfen?

Was machen wir ohne Partys, wo wir einander im Tanz begegnen können?

Ich habe nach Möglichkeiten gesucht, wie mein Körper weiterhin ein sensibles Spürelement bleiben kann, wie das Gefühl sich weiter verströmen darf und wie meine Stimme nicht anfängt zu verstummen.  Denn ich möchte mich und das, was uns als Menschen ausmacht, den Kontakt zu mir und den anderen nicht verlieren.

 

Die Sehnsucht verbindet alles

Die Sehnsucht ist es, die mich am Leben hält, die mich lebendig macht. Aber um welche Sehnsucht handelt es sich denn? Warum habe ich mit 19 angefangen Gesangsunterricht zu nehmen und mit 20 beschlossen, Gesang zu studieren und Sängerin zu werden? Warum bin ich immer wieder auf die Frage meines momentanen Tanzpartners eingegangen, ob wir Kizomba tanzen wollen, obwohl ich es überhaupt nicht konnte und nie einen Tanzkurs für diesen Tanz besucht hatte?

Ich glaube, weil etwas in mir angestoßen wurde, in Resonanz gebracht wurde, was tief in mir schlummert und nur darauf wartet, geweckt zu werden, immer wieder geweckt zu werden, jeden Tag neu aufzuerstehen, mit jedem Lied, das ich singe und höre, mit jeder Stimme einer Schülerin, die wunderschöne Klänge in meinen Raum singt, mit jedem Tanz, in dem ich mich dem Tanzpartner, dem Augenblick und dem Gefühl in mir hingebe.

Und so wunderschön wie es ist, so heilend wie es ist, so vergänglich ist es auch. Jedes Lied, jede Stimme, jeder Tanz ist immer wieder neu, kann nicht festgehalten werden, wie kein Gefühl jemals festgehalten werden kann. Und wir können süchtig werden. Das Wort Sehnsucht enthält die Sucht, es enthält das Sehnen, etwas lang Ersehntes und es enthält auch die Suche.

 

Wohin führt uns diese Suche?

Suche nach wem oder was denn bitte? Früher habe ich gedacht, es ist die Suche nach der Bühne, es ist die Suche nach dem perfekten Partner, es ist die Suche nach der besten Technik. Das gilt sowohl für das Singen als auch für das Tanzen.

Aber es ist nicht Technik, es ist nicht die Perfektion – es ist die Hingabe an den Moment und zu nehmen, was er mir anbietet. Mich fühlen in der Vibration meiner Stimme, meiner winzigen kleinen Stimmlippen, die meinen ganzen Körper in Resonanz bringen können, wenn ich es nur erlaube, dass sich ihre Vibration mit meiner emotionalen Schwingung verbindet. Wenn ich es wage, mich dem voll und ganz hinzugeben, vertraue, dass all mein Üben und Mich weiter entwickeln sich in einem Ton, in einem Lied verströmen möchte.

  • Kann ich mich dem anvertrauen, diesem Strom, der auf einmal aus mir heraus kommt?
  • Darf ich mich der Führung meines Partners anvertrauen?
  • Wie bleibe ich mit meiner inneren Führung verbunden, wenn ich nur Spüren bin?
  • Wohin möchte ES als nächstes gehen und was ist mein Teil, den ich in unser gemeinsames Spiel hinein gebe?
  • Wie erleben wir die Musik, was kreieren wir aus jeder Note, aus jedem Takt, aus jedem Rhythmus?
  • Wie dürfen sich unsere Gefühle ergänzen, miteinander schwingen, wie dürfen unsere Körper darauf reagieren?
  • Dürfen wir agieren und reagieren, tanzen und getanzt werden, singen und gesungen werden?

Sich antreiben oder sich treiben lassen?

Und alles verbunden durch die Sehnsucht, die mich manchmal antreibt, manchmal in die Tränen treibt und mich manchmal einfach vor mich hintreiben lässt. Kann ich mich treiben lassen?

Treiben – was für ein wunderbarer Begriff mit so vielen Möglichkeiten.

Treibe ich mich selber an, mit einer Sklavenpeitsche, mehr zu leisten, besser zu sein, es endlich richtig zu machen, der Perfektion so nah zu kommen, wie es überhaupt nur geht? Oder lasse ich mich treiben? Wie ein Stück Strandgut? Wie ein Vogel auf dem Wasser? Wie ein Blatt im Wind? Mit dem Vertrauen, dass die Richtung stimmt, dass es nur darum geht, die Wellen, das Wasser, die Luft zu spüren. Im Endeffekt mir und meiner Intuition, meinem Gefühl zu trauen und mich von ihm treiben zu lassen, entspannt lauschend, fühlend, wach jeden Impuls zu nehmen, der sich mir in dieser Offenheit anbietet.

Ich bin es, die sich mir selbst anvertraut und ich vertraue mich einem Partner an. Es kann ein großes Glück sein, wenn wir mit jemandem gemeinsam diese Reise antreten.

 

Pianisten und Tanzpartner, die passen sind ein Geschenk

Und auch da finden sich wieder Parallelen im Singen und im Tanzen. Es ist ein großes Glück und ein Geschenk, wenn wir den „richtigen“ Pianisten finden. Denn er sollte nicht nur hervorragend Klavier spielen können. Das können viele. Es braucht auch die Bereitschaft, zuzuhören, mit mir zu atmen, Wünsche und Kritik an der richtigen Stelle, mit dem richtigen Tonfall anzusprechen. Denn Singen ist eine sehr persönliche Äußerung, ich kehre mein Inneres nach Außen, wenn ich wirklich in einem Flow bin. Und mit diesem Geschenk achtsam umzugehen, wünschen wir uns als Sängerinnen von jedem Pianisten oder auch von unseren Bandkolleg:innen. Dann können wir in den Fluss kommen, miteinander Musik im Augenblick erschaffen und uns höher und höher tragen lassen von der Resonanz, den Klängen, den Texten, den Gefühlen – der Musik eben.

 

eine Frau umfängt den Nacken ihres Tanzpartners mit der Hand beim Kizomba
Sandra & Gabriel (DiaoDance) – Kizomba

Und auch der Tanz ist ein Spiegel unseres Inneren. Erlauben wir uns, unsere Körper sprechen zu lassen, den Rhythmus der Musik auszudrücken, der Leidenschaft ihren freien Fluss zu lassen und sie durch uns ausbrechen zu lassen, die ruhigen Momente auszukosten und ganz zart, innerlich fast unbeweglich auf der Stelle zu bewegen, die Schwingungen zu spüren, die innerhalb des Tanzes entstehen können?

 

 

 

Ich bin mir selbst unendlich dankbar, dass ich die Herausforderung oder eher den Ruf immer wieder annehme. Den Ruf, meiner Sehnsucht zu folgen, der Sehnsucht, Musik auszudrücken. In all ihren Facetten, die sie mir zur Verfügung stellt. Ihre Wildheit, ihre überbordenden Gefühle, ihren magnetischen Rhythmus, ihre Stille, ihre Liebe, ihre Innerlichkeit, ihre Kraft, ihre Schwingungsfähigkeit, ihre Sanftheit. All das in meinem Körper spüren zu dürfen, zu erlauben, mich dadurch verwandeln zu lassen im Singen, im Tanzen, im Lieben und Leben.

 

 

 

singen und bewegen

Warum ich es liebe, beim Singen auf einem Bein zu stehen

Ich liebe es, das Singen mit total unterschiedlichen Bewegungen zu verbinden, wie z.b. auf einem Bein zu stehen. Warum das so ist und heute absolut keine Selbstverständlichkeit, erfahrt ihr hier. (Zum eigenen Experimentieren, gibt es am Ende noch ein paar coole Anregungen)

Beim Singen auf einem Bein stehen zu können, war ein innigster Wunsch

Ich war 21, Musikstudentin und es war ein Schock, als ich damals das Abschlussgespräch in der Rheumaklinik hatte.

Der Arzt meinte etwas lapidar:“ wenn sie künstliche Kniegelenke möchten, können sie gerne wiederkommen. Ansonsten machen sie sich auf einen Rollstuhl gefasst!“

Ich war eigentlich voller Zuversicht und Hoffnung in die Klinik gekommen. Machte alle Anwendungen mit, schluckte alle Medikamente , ernährte mich gesund und hoffte darauf, dass die Schmerzen, die mich seit 10 Jahren ständig begleiteten endlich aufhörten.

Ja ihr lest richtig: 10 Jahre!

Ein halbes Jahr nach der Rötelschutzimpfung ging’s los. Damals war ich 12 und ein echtes Bewegungskind. Ich erinnere mich so gut an alle Klettergerüste, Rutschen, Fliegenpilze und Reckstangen auf unseren Spielplätzen.

Ich liebte es, auf der Schaukel hoch zu schwingen und laut zu singen.

Singen beim Schaukeln
Beim Singen einfach abheben

Ich weiß sogar noch das Lied, dass ich aus vollem Halse, bei vollem Schwung hinaus schmetterte:

„Ich kenne einen Cowboy, der Cowboy, der heißt Bill und wenn der Cowboy reitet, dann steht mein Herz so still….!

Für alle, die das Lied auch kennen, nehmt euch doch gerne mal einen Moment Zeit und singt es einmal von vorne bis hinten durch! Und ich sage euch, es hat viele Strophen :-)) Genießt jede einzelne davon und vielleicht erinnert auch ihr euch an eine Zeit, wo ihr es völlig unbeschwert von der Umgebung einfach rausgehauen habt? Ja? Wunderbar!

Gleich nochmal!

Hier findet ihr den Text: https://de.wikibooks.org/wiki/Liederbuch/_Ich_kenne_einen_Cowboy

Aber ich gab nicht auf!

Als mit 12 meine Gelenke nach und nach anschwollen und ich starke Schmerzen hatte, wusste niemand so recht, was es eigentlich sein könnte. Damals war es in der Forschung, dass auch Kinder Rheuma entwickelten, noch fast kein Thema.

Ich hatte dann das große Glück, dass mein Sportarzt auf die Idee kam, dass es was Rheumatisches sein könnte und mich zunächst zum HNO schickt, um mal meine Mandeln überprüfen zu lassen. Und was soll ich sagen: „Das war’s!“ Meine Mandeln sahen außen völlig normal aus, waren innerlich aber total zerklüftet und hatten, statt Giftstoffe zu filtern, sie leider ins Blut geleitet.

Wenn ihr jetzt denkt, dass damit alles gut wurde, so muss ich euch leider sagen, dass ganz im Gegenteil nun die wahre Odyssee begann.

Ich konnte mich gut bewegen, aber nie ohne Schmerzen

Das Verrückte bei der ganzen Geschichte, was alle verwirrte und ich mir auch erst heute Stück für Stück erklären kann war, dass ich mich weiterhin extrem gut bewegen konnte. Allerdings immer unter heftigen Schmerzen. Morgens allerdings fiel ich aus dem Bett, war komplett steif und musste mich erstmal auf dem Boden bewegen, um aufstehen zu können.

Ich bin überzeugt, dass mir meine Beweglichkeit zugute kam, die ich mir vorher durch viel Rennen, Balancieren und Klettern auf dem Spielplatz und zuhause aufgebaut hatte. Kein Schuppendach oder Baum waren vor mir sicher. Nur das Runterkommen gestaltete sich oft schwierig und war dann mega peinlich!

Noch vor meiner Erkrankung durfte ich endlich ins Ballett. Oh, wie liebte ich die Ballettposter z.B. mit Motiven von David Hamilton und ich frage ganz ehrlich: „Wer kennt die nicht?“

Dort lernte ich meinen Körper in Aufrichtung und Balance zu bringen. Ich liebte die eleganten Armbewegungen und die Verbindung mit meinem Atem. Denn wenn ich die Luft anhielt, konnte ich diese Bewegungen nicht besonders elegant ausführen und blieb fast dabei stecken.

Zur gleichen Zeit hatte ich auch Vorsingen für den Kinderchor des Stadttheaters. Für Oper und Operette wurden noch Kinder gesucht.

Ich sog sie ein, die Luft des Theaters!

Ich rieche sie heute noch genau, so wie sie mir im Bühneneingang des 3 Spartenhauses entgegenwehte. Der Geruch wurde immer intensiver, je näher ich der Bühne kam. Quer durch die Kulisse, an der Schneiderei vorbei und dann auf die Bretter der großen Drehbühne.

Ich war selig! Ich wollte unbedingt dort singen!
Singen und Schauspielen im Theater
in der Operette Schwarzwaldmädel 1978

Bis zum Zeitpunkt als diese Krankheit in mir ausbrach. Ich machte weiter so gut es ging. Weiter im Ballett, weiter im Kinderchor, weiter im normalen Leben. Im Grunde half nichts gegen die Schmerzen, weder die Medikamente, noch andere Behandlungsmethoden. Die Ärzte waren ratlos, was sich da eigentlich entwickelt hatte.

Singen lernen im echten Gesangsunterricht an der Uni

Ich machte weiter, machte Abi und endlich Musikstudium mit Hauptfach Gesang. Mein Traum!

Singen und Probe
Gesangsprobe in der Uni für ein Rock-Oper Projekt 1984

Ich hatte ja keine Ahnung von Unterricht. Hatte immer intuitiv gesungen nach dem Motto: „Laut geht immer!“ Ich freute mich so dermaßen darauf, nun endlich in diese Kunst eingeweiht zu werden und kam zu meiner ersten Gesanglehrerin. Sie trug sogar ein „von“ im Namen und ich war mir sicher, sie musste eine Meisterin ihres Fachs sein!

Es ging los! Ich bekam die ersten Gesangsübungen und versuchte das Wort ANANAS in allen möglichen Varianten und Arppegien zu singen. Dazu sollte ich lächelnde Bäckchen machen. Ich wusste aber gar nicht warum. Mir fiel es sogar sehr schwer, denn aufgrund meiner Erkrankung war ich oft schmerzgeplagt und depressiv. Das Lächeln passte so gar nicht in meine Situation.

Ich versuchte mein Bestes, was aber kläglich misslang. Sie erzählte mir über sprudelnde Quellen, die ich mir vorstellen sollte und Kuppeln, in denen der Klang schwebte.

Ich verstand nur: „Bahnhof“ und meine Auswahl beschränkte sich auf Schalke oder Gelsenkirchen! Von Kuppeln und Springbrunnen keine Spur!

Wenn ich mich anstrengte und dadurch körperlich verspannte, wurde sie schon mal laut und rief mich mit donnernder Stimme an: „Nun seien Sie doch mal locker“! Dann funktionierte überhaupt nichts mehr! Mein Nervensystem streikte!

Wir kamen mit meiner klassischen Stimmentwicklung nicht so richtig weiter. Ich mutierte daraufhin abwärts zum Mezzo, denn Bruststimme hatte ich von meinen Rock-Pop Bands in denen ich sang, genug. Hoch ging aber nur mit Druck und Lautstärke und das nervte mich furchtbar!

Das funktionale Singen, ein neuer Weg

Aus dem Raum nebenan, drangen andere Klänge. Ein paar andere Mitstudent:innen hatten dort Unterricht bei Roger Winell, einem amerikanischen Musicalsänger, der ganz anders arbeitete. Ich durfte mitgehen und war total überrascht. Er lies seine Student:innen beim Singen die Arme heben, oder noch skurriler, ein Knie! Das wollte ich unbedingt ausprobieren!

Jetzt müsste ich eigentlich eingeschwärzt weiterschreiben, denn jetzt kommt der heimliche Teil! Also lest bitte leise weiter!

Ich nahm meine erste (heimliche) Gesangsstunde bei ihm. Er lies mich die Arme nicht beim Singen heben, sondern beim Einatmen. Dieses Detail hatte ich vorher gar nicht mitbekommen. Ich merkte, dass meine Stimme sofort anders klang und besonders, dass sie sich total anders anfühlte. Es war einfach LEICHT.

Und es machte Spaß! Ich liebte es, meinen Körper mit einzubeziehen, auch wenn er schmerzte. Aber ich hatte plötzlich eine neue Verbindung zu ihm und er unterstützte mich mit seinen Bewegungen beim Einatmen und Singen.

Roger beließ es nicht bei den Körperübungen, sondern fragte mich interessante Dinge. Z.B.: „Wie ist deine Empfindung der Kieferöffnung, wenn du während der Einatmung ein Bein hebst?“ Oder er fragte: “ Wie bewegt sich dein weicher Gaumen, wenn du mit dem Vokal O einatmest?“

Da war sie, die KUPPEL!

Ich konnte sie fühlen! Überhaupt konnte ich plötzlich soviel fühlen, was mir vorher überhaupt nicht bewusst war. Durch seine Anleitung und seine gezielten Fragen, konnte ich Stückchen für Stückchen mein Instrument, meine Stimme kennen lernen. Ich konnte fühlen, wann sich mein Vokaltrakt öffnet, oder verengt. Ob er sich rundet, oder breit wird. Ich konnte sogar meine Stimmlippen fühlen lernen und wahrnehmen, wie sie miteinander schwingen.

Meine Höhe entwickelte sich rasch – ich hätte es nie für möglich gehalten! (Ach könntet ihr jetzt mein Kopfschütteln sehen)

Zurück im offiziellen Gesangsunterricht bemerkte meine Lehrerin, dass etwas in mir passierte. Sie bemerkte auch: das kam nicht durch von ihr. Sie sagte: „Jetzt verstehen sie es Frau Keller. Was machen sie denn?“ Ich hatte natürlich leicht schlotternde Knie und sagte: „Wissen sie, meine Freundin hat bei Herrn Winell Unterricht und da lernt sie so Körperbewegungen beim Singen und das probiert sie mit mir aus.“ Daraufhin sagte meine Lehrerin: „Ach, das ist ja interessant! Wenn ich noch ein bisschen jünger wäre, würde ich mir das auch mal anschauen.“

Ich muss sagen, ich war total BAFF über ihre Reaktion und heute ich der Retrospektive erkenne ich soviel Wahres in dem, was sie suchte. Heute habe ich mein funktionales Vokabular, mit dem ich all diese Ideen in fassbare Begriffe und Übungen umsetzen kann. Ich bin zutiefst dankbar dafür, dass Roger sein Wissen, das er von Eugen Rabine erlernt hatte, mit mir teilte. Ich bin zutiefst dankbar dafür, dass ich diese Methode lernen und seit über 30 Jahren auch lehren darf.

 

 

SINGING IS MOVEMENT

Ich war nie ein Imaginations-Typ, aber ich war und bin ein Bewegungs-Typ. Das ist auch der Grund für meinen Slogan „Singing is Movement„.

Singen ist rhythmische Bewegung in Zeit und Raum, hat Eugen Rabine einst gesagt. Ich möchte noch hinzufügen, dass die Stimme Bewegung liebt.

Du kannst es gleich ausprobieren. Singe eine kleine Phrase eines Liedes, das dir gerade in den Sinn kommt. Am besten etwas Langsames, dann kannst du es gleich besser spüren. Singe es nochmal und dann beginne einmal deine Handgelenke zu kreisen (rotieren) während du singst. Verändert sich etwas in deiner Stimme? Du kannst es ja im Vergleich machen. Singe es einmal ohne und dann wieder mit den Handgelenkskreisen. Am besten hebst du deine Arme noch ein wenig vom Körper ab. Dann geht es noch besser und wird deutlicher.

Was kannst du wahrnehmen? Was verändert sich in deiner Stimme?

Ich gebe dir den Tipp, mal auf die Schwingung in deiner Stimme zu lauschen. Alles Kreisbewegungen, die wir mit unseren Gelenken machen, wirken u.a. auf die Schwingung unserer Stimme. Wenn du dir also auch mal eine schwingungsvolle Stimme wünscht, ein sogenanntes Vibrato in der Stimme, dann probier das doch mal aus.

Es hilft übrigens auch super, wenn deine Stimme sehr fest ist und zuviel Druck dich einschränkt. Dazu kannst du auch ein Knie rechtwinklig heben und mit dem Fußgelenk kreisen.

Warum ich es liebe, beim Singen auf einem Bein zu stehen

Das erzähle ich euch jetzt und auch welche Steigerung es dabei noch gibt! Diese Übung ist eine große Herausforderung für mich. Ich beschreibe sie mal kurz:

Während einer Einatmung hebst du ein Knie, bis dein Oberschenkel eine Waagrechte zum Boden zeigt. Dein Standbein bleibt dabei gestreckt. Während des Singens bleibt dein Bein gehoben.

Das verlangt mir alles ab! An manchen Tagen schaffe ich es kaum und unterstütze mich dann, in dem ich mich ein klein wenig an der Stuhllehne oder Kommode festhalte. Oft reicht witziger Weise nur ein Finger, den ich daran lege. Aber er gibt mir dann wohl den Halt, den ich brauche.

Was ich daran liebe? Meine Einatmung vergrößert sich enorm in der Tiefe. Mein Zwerchfell senkt sich super ab und die Einatmung fühlt sich dabei total unkompliziert an. Mein Vokaltrakt (Resonanzraum/Ansatzrohr) öffnet sich freiwillig und gibt mir die Möglichkeit von Raum und Volumen in meiner Stimme. Mein Standbein richtet mich auf, oder besser gesagt, ich richte mich komplett über mein Standbein auf, denn die Aufrichtung geschieht von unten nach oben.

Ich kann diese Übung noch mit verschiedensten Armhebungen kombinieren, die dann wiederum eine enorme Auswirkung auf meine Stimme haben. Mein ganzer Körpertonus verändert sich zum EUTONUS zum guten Tonus. Ich merke deutlich, wie glücklich mein Körper darüber ist, das zu spüren. Meine Stimme reagiert darauf mit einer gesünderen Schließkraft und Brillanz, egal ob ich KLASSIK oder POP singe.

Ist das nicht wunderbar Übungen zu haben, die Genreübergreifend wirken? Denn so bin ich und singe ich! Ich liebe die Musik, egal in welchem Genre die Kompostion dann zuhause ist.

Für alle von euch, die jetzt noch interessiert daran sind, wie es gesundheitlich mit mir weiter gegangen ist sei gesagt, dass es mir mittlerweile recht gut geht. Durch verschiedene alternative Formen der Medizin, habe ich zu einem guten Lebensalltag gefunden. Ich habe mehrere Autoimmunerkrankungen gepaart mit Hypermobilität, daher hört es nicht einfach auf. Aber ich kann mich wieder bewegen und liebe meinen Körper und mein gesamtes System so wie es ist. Es hat auch viel Gutes, sich damit auseinander setzen zu müssen und ich kann mit meinen Wissen darum und meiner Erfahrungen vielen Menschen helfen. Das ist wunderbar und erfüllt mich mit Glück.

bewegen und gehen
Mont-Saint-Michel in der Normandie 2019

Bloggen à la Sympatexter

Ich möchte euch ab heute mitnehmen in die Kunst des Bloggens, die Hilkea und ich nun in einer Woche lernen möchten. Ha,ha, wahrscheinlich etwas vermessen, dieses in nur 7 Tagen zu durchdringen, aber wir sind nicht alleine, sondern befinden uns in einer schönen unterstützenden Community und unter cooler Anleitung.

Boom Boom Blog heißt der Kurs von Sympatexterin Judith Peters, die uns mit viel Erfahrung, transilvanischem und Stuttgarter Temperament in die Mystik der Buchstaben leitet. Sie beschreibt ihr Business als Familienunternehmen, was sie sehr menschlich, nahbar und fühlbar sein lässt. Wer wäre besser für uns als Unternehmerinnen mit Familie und all dem, was es mit sich bringt geeignet?

Gestern ging es schon gleich zur Sache und das habe ich zuerst in einem Blogbeitrag auf meiner Homepage „Bin ich privat oder persönlich“ verarbeitet. Da ging es um die Unterscheidung von persönlichem und privatem. Ein so wichtiges Thema in diesem Zusammenhang.

Gerade zur Zeit sind viele unserer Voice Lehrer:innen mit diesem Thema beschäftigt. Wir haben Nachwuchs bekommen, na ja genau gesagt, haben unsere Voicies Nachwuchs bekommen, oder sind kurz davor, ihre Babys in die Welt zu bringen. Andere haben bereits Kinder, die in die Kita, die Grundschule oder auf weiterführende Schulen gehen. Und wir alle stehen vor dem gleichen Problem:

Wie schaffe ich es als Künstler:in und Lehrer:in das alles gleichwertig zu managen?

Viele von uns sind zudem freiberuflich und haben stark mit den Auswirkungen der Pandemie zu kämpfen! Sei es überhaupt etwas zu verdienen, sei es dass Schüler:innen wegbleiben aus Angst vor Ansteckung, aus Angst vor Online Unterricht, aus eigener finanzieller Not oder sei es, dass unsere Kinder nicht betreut werden können!

Da ich von Anfang an freiberuflich zuhause gearbeitet habe und mein Mann ebenso, haben wir unseren Tagesablauf direkt so strukturiert. So konnte ich auch während der Stillzeit unterrichten oder komponieren. Die Zeit des Stillens war auch gleichzeitig Pause für mich und Pause von der Arbeit. Das fand ich sehr schön und beglückend und für uns war es eine gute Lösung, nacheinander auf diese Art 3 Kinder zu versorgen.

Freiberuflichkeit war und ist für mich immer sehr wichtig gewesen. Ich bin im Grunde meines Herzen wohl ein Freigeist und tue mich schwer, mich in hierarchische Strukturen einzugliedern, besonders wenn ich sie als sinnfrei betrachte. Das war schon in der Schule so, oder auch während meines Praktikums im Kindergarten, bevor ich an die Uni ging.

Ich habe es nie bereut, dass ich seit über 30 Jahren freiberuflich unterwegs bin“, schrieb ich gestern in den Kommentaren bei Judiths BoomBoom Blog Kurs.

Und gleichzeitig stellt es uns immer wieder vor große Herausforderungen, uns selbst und die Familie zu managen.

Wenn euch dieses Thema betrifft und ihr Austausch sucht, seid ihr sicher sehr gut bei unserer Voicee Viola Tamm aufgehoben. Sie schreibt einen eigenen Blog IamViola zum Thema Künstlerin und Mutter sein, sowie ihren Kampf mit Depressionen. Viola ist mittlerweile Schirmherrin des Bündnis gegen Depression Würzburg und aktiv mit diesem wichtigen Thema bei Social Media. Wir fühlen uns ihr sehr verbunden und freuen uns total, dass sie schon so lange mit uns zusammen arbeitet.

Zum Abschluss für heute, hier ein kleines Feedback von ihr:

Ulla und Hilkea konnten bei mir den Druck rausnehmen, gesanglich wie auch in meiner Lehrerinnen Rolle….Darüber bin ich sehr glücklich“! (Viola Tamm)

Was ist los mit Richtig und Falsch?

Richtig und Falsch in unserem Leben

Ich bin noch ganz beseelt und inspiriert durch das Wochenende, was hinter mir liegt und möchte ein wenig davon in diesem Blog Artikel teilen.

Der Workshop ging um innere Eigenarbeit. Und die Frage, die immer wieder auftauchte, lautete: Wie gehen wir mit uns und anderen um?“

Und öfter schrieb ich in meine Notizen: unbedingt im Blog darüber schreiben. 

Denn obwohl es mit Gesangsunterricht auf der äußeren Ebene gar nichts zu tun hatte, war in mir die ganze Zeit das Gefühl, dass es eigentlich um alles in unserem Leben geht, also auch um die Art und Weise, wie wir unterrichten.

Dort ging es um die Art und Weise, wie wir es immer wieder schaffen, uns selbst oder andere falsch zu machen. Vielleicht sind es am Anfang unseres Lebens oft die anderen gewesen, die Eltern gewesen, die uns falsch gemacht haben, aber heute sind wir es selber.

 

Nein, bitte nicht schon wieder dieser Teufelskreis

Und dann geht er los, der Teufelskreis. Erst machen wir uns selber falsch, das fühlt sich so schrecklich an, also machen wir die anderen falsch. Das scheint ein bisschen besser, denn dann haben wir jemanden, auf den wir alles schieben können. 

Und dann dreht es sich rund herum wie ein Karussell: Mal hängen wir in unseren eigenen Selbstzweifeln und wir denken so etwas wie, 

  • wir seien unbegabt,
  • wir seien faul, 
  • wir seien zu dumm, 
  • wir hätten es nicht besser verdient … 

Was sind deine favorisierten Sätze, die du dir mehr oder weniger laut, mehr oder weniger aufdringlich um die Ohren haust?

Und schwupps, Kehrtwendung, dann sind es die anderen. Auch da kennst du sie auch sicher, die Beschuldigungen:

  • was die anderen dir angetan haben,
  • was sie immer wieder tun, 
  • wie sie dich behandeln, 
  • das hast du sicherlich nicht verdient, 
  • sie sind alle herzlos, 
  • sie haben keine Ohren, 
  • sie haben keinen Geschmack, 
  • sie haben keine Ahnung, 
  • haben sie denn noch nie davon gehört, dass man es so macht und nicht anders … 

Setze auch hier gern all die Sätze, Vorurteile und Beschwerden ein, die du von dir kennst.

Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich könnte mehrere Seiten füllen mit beiden Arten von Sätzen. Was habe ich mich in meinem Leben schon mit Selbstzweifeln und Selbsthass gequält. 

Und wie oft habe ich andere für meinen Kummer verantwortlich gemacht und sie teils böse beschimpft, laut und leise.

 

Und nun kommt Richtig und Falsch im Gesangsunterricht

Habe ich das Bild abschreckend genug gezeichnet? Ist dir schon leicht schlecht oder mulmig? Mir ja, ich würde damit jetzt lieber aufhören und schauen, ob es Alternativen gibt, und wie diese denn aussehen könnten.

Aber vorher möchte ich doch noch einmal eine Situation zeichnen, die noch nicht wirklich schön ist. 

Denn es ging mir ja um die Frage nach Richtig und Falsch. Wenn ich also das Richtige finden möchte, muss ich doch wissen, was Falsch ist, oder? Denn wenn wir die Gegensatz-Paare nicht finden, funktioniert das Ganze doch nicht.

Also woher kennen wir das im Gesangsunterricht? 

Stellen wir uns eine Situation vor: der neue Schüler steht vor uns, wir geben eine Übung am Klavier vor und er singt falsch und unmusikalisch. Ein hartes Urteil, aber so empfinden wir es vielleicht.

Aber sagt dieses Urteil wirklich etwas aus? Und wenn ja, über wen und über was?

Können wir daraus eine Lösung ableiten? Worauf eigentlich bezieht sich denn falsch? 

Dass die Frequenz, die das Klavier erzeugt nicht die gleiche ist, die wir bei unserem Schüler zu hören meinen? Und wenn wir diese Frage mit JA beantworten, was hat es uns genutzt? 

Wissen wir jetzt, was wir tun können?

 

Tonhöhe

Wir könnten jetzt auf die gefühlt objektive, sachliche Seite gehen und sagen: er trifft die Töne nicht. Ja, das könnte stimmen – oder nicht? Welche Töne trifft er denn nicht? Na, die, die auf dem Notenblatt stehen, die, die ich ihm vorgespielt habe.

Okay – und weiter geht es mit unserer Analyse: wieso macht er das eigentlich?

Nun können wir alles Mögliche ausprobieren und vermuten. Vielleicht hat er keine Orientierung, denn wir brauchen schließlich eine Orientierung, wenn wir hoch und tief unterscheiden wollen. 

Wie bekommen wir die beim Singen? Da liegt keine Tastatur vor uns, auf die wir schauen können. Was ist mit seinem Körperempfinden? Kann er Klänge in seinem Körper zuordnen? Kann er eine Beziehung zwischen sich und den Vibrationen herstellen, den Vibrationsbewegungen, die im Körper beim Singen entstehen, egal in welcher Tonhöhe er singt?

 

Rhythmus

Aber vielleicht war es auch eher der Rhythmus, der uns gestört hat, irgendetwas an dem, wie er gesungen hat scheint unrhythmisch zu sein. Die Jazzer unter uns würden sofort sagen: das groovt nicht. 

Aber was ist denn Rhythmus, was ist denn Groove? Woher bekommen wir unsere Rhythmen, wie fühlen wir sie? Fühlen oder zählen wir sie? Jetzt mal ganz ehrlich: kennt ihr jemanden, der anfangen konnte zu grooven, weil ihr ihm die geswingten Achtel vorgezählt habt? Habt ihr bei dem Versuch nicht euren Körper mitbewegt? Wie habt ihr euch dabei körperlich gefühlt?

Rhythmus entsteht auch aus unserem Körper. Unsere Körperrhythmen sind der Blutdruck und vor allem der Herzschlag. Deshalb ist es auch bei Aufregung viel schwerer, das „richtige“ Tempo zu finden, denn das Tempo, woran wir uns orientieren, reagiert natürlich auf Emotionen, die in einem Konzert, einer Prüfungssituation völlig anders sind als zu Hause beim üben.

Auch das ist ein Riesenthema, wie wir damit umgehen.

 

Hören

Und nun kommt das Ohr.

„Ja, hört er denn nicht, dass er falsch singt? Das muss man doch merken!“

Nein, muss man nicht.

Denn die Antwort auf die Frage ist auch da vielschichtig. Wie ist denn sein Gehör in Bezug auf Tonhöhen? Welche Erfahrungen bringt er mit? Kann er überhaupt die unterschiedliche Frequenzmischung, die ein Klavier hat auf seine Stimme übertragen? Das ist nämlich eine Leistung, die wir als jahrelange Gesangspädagog:innen gar nicht mehr nachvollziehen können.

Und wie ist seine Erfahrung in Bezug auf die verschiedenen Frequenzen? Hat er das jemals in seinem Leben schon so zugeordnet? Wie viel hat er denn in seiner Kindheit gesungen? Wie viel und welchen Gesang hat er in seinem Leben sonst gehört? Wie reagiert er auf Stimmen? Welche emotionalen Verbindungen hat genau dieser unser neuer Schüler zu verschiedenen Frequenzen in den Sprechstimmen anderer Menschen? Wen hat er in seiner Kindheit sprechen und singen gehört?

 

Und jetzt kommen wir …

Und spätestens hier bemerkt man, dass Richtig und Falsch viel zu grobe Kategorien sind, die nichts über das aussagen, wer unser Schüler wirklich ist und woher all dies, was wir hören und bewerten wirklich kommt. Wir stecken ihn womöglich in einen Kasten unserer eigenen Gedanken und Bewertungen. Und wie viel Mühe geben wir uns, die Ursache heraus zu finden?

Und vielleicht konfrontiert uns genau dieser Schüler mit unserem eigenen Nicht-Wissen, unserer Hilflosigkeit, wenn wir nicht weiter wissen? Und ist das nicht genau wie im richtigen Leben?

Wie oft wissen wir nicht weiter? Und vielleicht gehören wir zu denen, die sich nicht mehr so hilflos fühlen, wenn die anderen schuld sein können. Dieser Schüler eben, der einfach falsch singt und unmusikalisch ist. Das tut uns leid für ihn, aber es gibt ja noch andere schöne Hobbys, vielleicht muss ja auch nicht jeder singen können.

 

 

Und immer noch seid ihr dran, die Lesenden … wer sollte es auch sonst sein?

Der Schüler geht vielleicht und kommt nie wieder, aber euch kann ich leider noch nicht vom Haken lassen und möchte mit euch gemeinsam fragen: 

Warum tun wir das mit unseren Schülern? Warum benutzen wir die Begriffe „richtig“ und „falsch“ immer noch? Entweder indem wir sie aussprechen oder indem wir sie ganz heimlich und manchmal unbemerkt denken?

Und es ist gut, uns selbst zu fragen: Wie haben denn wir gelernt mit unserer Hilflosigkeit umzugehen? Was haben wir über Hilflosigkeit gelernt? Als wir ganz klein waren, als wir dann in die Schule kamen, als wir unsere Ausbildungen gemacht haben? Durften wir um Hilfe fragen? Haben wir Hilfe bekommen? Und nicht zuletzt: haben wir überhaupt gelernt, nach Hilfe zu fragen?

Oder wurden wir als dumm hingestellt, wurden wir mit unserem Nicht-Wissen falsch gemacht? Wurden wir ignoriert, wurden wir beschämt, wurden wir lächerlich gemacht?

Vielleicht hat uns unser Lehrer im Gesangsunterricht immer nachgeäfft, wenn wir die Töne wieder nicht so gesungen haben, wie er es gern von uns wollte. Ich habe diese Situation mehr als einmal in meiner Laufbahn erlebt und ich musste oft die Tränen zurück halten, weil ich mich so bloßgestellt und dumm fühlte bis ich endlich artikulieren und sagen konnte: „Ich möchte so nicht behandelt werden. Bitte unterlassen Sie es, mich nachzuahmen. Das hilft mir nicht.“

 

Welche Art von Suchender bin denn ich?

Und wie gehen wir dann später damit um, wenn wir selber zu Lehrerinnen und Lehrern geworden sind?

Suche ich schon fast mein Leben lang nach der richtigen Technik, damit ich meine Hilflosigkeit endlich los werde? Mache ich eine Fort- und Ausbildung nach der anderen? Bin ich dann als Lehrerin richtig, wenn meine Schüler endlich richtig singen lernen?

Mit der Hilflosigkeit ist das eine spannende Sache. Sie fühlt sich nicht gut an, ich glaube, das werden wir alle bestätigen. 

Und wir wären nicht diese unglaublich schlauen und anspassungsfähigen Wesen, die wir nun einmal sind, wenn wir nicht Mittel und Wege gefunden hätten, uns gegen dies so unangenehme Gefühl mehr oder weniger erfolgreich zu wehren.

So etwas nennen wir dann unter Umständen 

Kompensation. 

Und da gibt es bei Hilflosigkeit zwei Möglichkeiten: Wir gehen in die Rebellion, dann neigen wir dazu, andere falsch zu machen oder wir kollabieren innerlich, was bedeutet, dass wir uns selbst falsch machen.

Mit diesem Thema sind wir mit uns selbst als Lehrer:innen konfrontiert, aber natürlich auch bei unseren Schüler:innen. 

Wie reagieren sie denn auf unseren input? Rebellieren sie und erklären uns, was wir richtig und falsch in ihren Augen machen? Oder fühlen sie sich schnell ganz schlecht und erzählen uns, was für Versager sie bisher waren?

 

Vorsicht Falle

Und dann kommen wieder wir mit unseren Reaktionen: tappen wir als Lehrer:innen in die Falle, indem wir anfangen uns vor den rebellierenden Schüler:innen zu rechtfertigen und argumentieren ohne Ende? 

Oder klopfen wir uns auf die Schulter und finden, dass dieser arme sich als Versager fühlende Schüler endlich bei uns die Rettung gefunden hat, wir die bessseren Lehrer:innen sind und den Schüler am Ende retten können?

Leider geraten wir über kurz oder lang mit beiden Verhaltensweise in eine Sackgasse, das jedenfalls ist meine Erfahrung. Irgendwann kommt der Schüler, der uns zeigt, dass wir „falsch“ liegen. 

Denn wir können niemanden retten und wir können niemanden überzeugen. Dazu  braucht es unsere Offenheit zu bemerken, wo unsere Schüler:innen wirklich sind und es braucht die Offenheit des Schülers, sich mit sich auseinander zu setzen. Erst dann können wir unseren Kontakt und den Unterricht wirklich gestalten.

 

Wie gehen wir in der Rabine-Methode damit um?

Das ist etwas, was ich seit vielen Jahren in der Methodik der Rabine-Methode lerne und mittlerweile lehre und was immer wieder große Achtsamkeit braucht.

Wie schleicht sich dies Denken in Polaritäten immer und immer wieder ein?

Wir arbeiten mit Empfindungen und mit einer oft so bezeichneten Fragepädagogik. 

Wir fragen nach Empfindungen. Und die werden leider auch allzu schnell wieder in falsch oder richtig eingeteilt. Sind sie an der falschen oder der richtigen Stelle wahrgenommen worden?

Habe ich überhaupt etwas wahrgenommen? Ist es richtig, wenn ich nichts wahrgenommen haben oder ist es falsch? 

Aber jetzt mal ehrlich: kann eine Empfindung falsch sein? Kann das nicht vorhanden sein einer Empfindung falsch sein? Kann jemand das Falsche wahrnehmen?

Darauf würde ich mit einem klaren NEIN antworten. Das, was ich empfinde ist immer richtig und zwar in dem Sinn wie unser Lehrer Eugen Rabine so gern sagte: „Das Singen ist das Ergebnis eines komplexen physiologisch-neurologisch-psychologischen Vorgangs und was heraus kommt ist immer richtig.“

 

Hast du schon mitgezählt, wie oft ich das Wort „RICHTIG“ verwendet habe? 😉

Und wenn wir jetzt einfach mal das Wort „richtig“ streichen, obwohl es viel besser zu klingen scheint als das Wort „falsch“, was würden wir stattdessen sagen? Oder würden wir wieder mit einer Frage um die Ecke kommen?

Ist das endlich die lang ersehnte Lösung? Immer und immer wieder Fragen zu stellen?

 

Fragen über Fragen

Wenn wir den Schüler immer nur fragen, wie soll er denn da etwas lernen? Müssen wir ihm nicht irgendwann sagen, wie er es richtig machen soll? Oder es ihm wenigstens vorsingen, damit er weiß, wie er richtig klingen soll? Zum Thema Vorsingen können wir einen Extra Blog Artikel schreiben, denn das hat viele Facetten.

Lassen wir das also mal im Moment außen vor und kommen zurück zu den vielen Fragen.

Können wir es für möglich halten, dass wir auch durch Fragen unsere Schüler leiten können? Natürlich neben dem, dass wir auch manchmal Anweisungen geben, wenn wir sie bitten, eine bestimmte Körperübung auszuführen oder eine Stimmübung zu singen. 

Und wieder seid zuerst ihr dran; ihr, die hier lesenden Pädagog:innen, denn eure Schüler:innen lesen wahrscheinlich gerade nicht hier im Blog mit 😉

Wenn wir mit einer Frage-Pädagogik arbeiten, wie erleben wir unsere Schüler:innen dabei? Haben wir das Gefühl, dass sie antworten, als befänden sie sich in einer Prüfung? Merkt man ihnen an, dass sie versuchen, die richtige Antwort zu geben? Sind sie verunsichert? Sind unsere SchülerInnen vielleicht konditioniert, dass sie auf eine Frage die richtige Antwort geben müssen?

Oder gehen sie auch da eher in die Richtung unseres jetzt schon so bekannten Rebellen und sagen Sachen wie: was fragst du mich so viel? Sag mir doch einfach wie es geht, du bist doch schließlich die Lehrerin! 

Und wie ist es mit uns selbst? Wollen wir die richtige Antwort hören? Wissen wir genau, was wir hören wollen und sind verunsichert oder verärgert, wenn mal wieder eine kryptische Antwort kommt, mit der wir nicht gerechnet haben oder mit der wir nichts anfangen können?

Können wir in Ruhe nachfragen und uns offen die Antwort anhören? Oder beginnen wir, suggestive Fragen zu stellen, damit endlich die richtige Antwort kommt?

 

Gedanken-Fluss

Und weiter geht es mit Fragen an euch: Wenn all die Fragen in diesem Blog auftauchen und ihr bemerkt, dass ihr euch vielleicht noch nicht mit all dem beschäftigt habt, wie geht es euch dabei, das zu lesen? 

Findet ihr es spannend, werdet ihr neugierig, euch damit zu beschäftigen?

Werdet ihr rebellisch und denkt sinngemäß: was für ein Schwachsinn, das weiß ich doch längst, das mache ich doch längst, meine Art, es zu tun ist ohnehin viel effektiver, mein Güte, so viele Worte um nichts … setzt gern ein, was immer eure Gedanken und Reaktionen sind.

Oder denkt ihr: ach du Sch…, was habe ich bisher alles falsch gemacht, meine armen Schüler, kein Wunder, dass es nicht richtig vorwärts geht. Ich muss dringend die Experten fragen, denn ich weiß es einfach nicht. Ich werde es nie lernen … und setzt auch hier gern ein, was euch sonst noch so an Gedanken oder Gefühlen gekommen ist.

Oft wechseln sich die beiden Gedankenrichtungen auch ab. Erst kollabiere ich, mache mich selbst schlecht, fühle, wie mein Selbstvertrauen in den Keller geht. Aber das ist irgendwann nicht mehr auszuhalten, also gehe ich zum Angriff über: was denken die sich eigentlich, mich zu belehren?? Ich weiß selbst ganz gut wie es geht. Schließlich singen meine Schüler auf den Bühnen dieser Welt, da muss es doch gut sein, was ich mache. Ich lass mir von denen gar nichts einreden … Und so weiter uns so fort.

 

Können wir mit dem gehen, was ist?

Was wenn wir das einfach abschalten könnten, wenn wir nicht entweder uns oder die anderen richtig und falsch machen müssten? Wie könnte das aussehen? Und bitte – jetzt nicht gleich wieder nach dem richtigen Weg suchen 😉

Können wir uns selbst erlauben, nicht perfekt zu sein, auch wenn wir Geld für unsere Gesangsstunden bekommen und die Schüler:innen zu Recht etwas von uns erwarten?

Aber was erwarten sie denn? Bestimmt nicht, dass wir perfekt sind, oder? Sie möchten ernst genommen werden, sie möchten gehört werden, sie möchten Anregungen bekommen, sie möchten auf ihrem Weg, ihrem ganz eigenen, individuellen Weg kompetent begleitet werden.

Und vielleicht stimmst du mir zu, dass Kompetenz nicht bedeutet, immer sofort zu wissen, was zu tun ist und alles richtig zu machen.

Und nur für den Fall, dass du dich als Leser:in jetzt völlig falsch fühlst

  • weil du es bisher anders gemacht hast,
  • weil du es ganz anders siehst, 
  • weil du das alles Humbug findest, was ich hier schreibe, 
  • weil dir der Erfolg doch recht gibt, denn deine Schüler sind alle toll, 
  • weil du denkst, dass du es nie packst, so tolle Fragen zu stellen, wie ich in diesem Blog, 
  • weil du mich reichlich überheblich findest, obwohl du mich nicht kennst … 

möchte ich dich fragen: 

  • ist es nicht spannend, wie unterschiedlich man Dinge wahrnehmen kann,
  • wie viele Bilder auftauchen, wenn man etwas liest, 
  • wie interessant es sein kann, sich mit sich selbst auseinander zu setzen und dann wieder zu schauen, wie man danach die Welt und die anderen Menschen wahrnimmt?

Und ich stelle jetzt mal eine gewagte These auf: Trotzdem große Teile des Artikels aus Fragen bestanden, hast du etwas für dich mitnehmen können, oder? Du hast dir neue Gedanken gemacht, du hast bekannte Gedanken wieder gefunden und dich bestätigt gefühlt. Du hast dich mit dir selbst auseinander gesetzt und du hast dir selbst Fragen gestellt. Kann das sein?

 

Und ich bitte dich ganz zum Schluss, mir eins zu glauben:

Ich gehe immer davon aus, dass jede Lehrerin, jeder Lehrer, jeder Schüler, jede Schülerin immer ihr Bestes gibt. Das Beste, was in dieser Situation, im Hier und Jetzt möglich ist, nicht mehr und nicht weniger und damit können wir in Kontakt kommen.

 

Denn Kontakt ist für mich persönlich das entscheidende Element, was Verbindung unter uns Menschen möglich macht.

Seien wir Gesangslehrer:innen oder Liebende oder einfach Menschen.

Bin ich aufrecht, bin ich aufgerichtet, bin ich aufrichtig?

Die Aufrichtung und die Körperhaltung beim Singen – eine Gretchenfrage

 

aufrechtes Erdmännchen
Dieses Erdmännchen ist wirklich sehr aufrecht 😉

Immer wieder fragen mich Schüler:innen im Unterricht: Wie es denn mit der Aufrichtung beim Singen? Das ist wohl neben der „Stütze“ eine der Gretchen-Fragen, wenn wir über das Singen sprechen.

Man soll doch gerade stehen. Aber wenn man gerade steht, dann wird man irgendwann vielleicht unbeweglich. Und wenn man locker stehen möchte, wenn man versucht, möglichst entspannt zu stehen, fühlt man sich oft nicht so wohl in den wirklich anspruchsvollen Gesangsparts. Das gilt für Oper und Rock-Pop gleichermaßen.

Wir können uns dieser Frage von verschiedenen Seiten annähern.

Auf der körperlichen Ebene scheint es zwei gegensätzliche Richtungen zu geben, die sich aus unterschiedlichen Vorstellungsbildern speisen, aus denen zwei Fragen entstehen:

Ziehe ich mich nach oben an dem berühmten Marionetten-Faden?

Oder schiebe ich mich nach oben, mit Hilfe des Bodens, der mich trägt als Unterstützung, der Schwerkraft entgegen?

Und dann schwebt da auch noch der Begriff der Entspannung und der Lockerheit im Raum herum. Was machen wir damit? Wer entspannt sich wie und wie fühlt sich Lockerheit eigentlich an? Sind das Begriffe, die wir mit etwas Physiologischem in Verbindung bringen können oder sprechen wir eigentlich von einem ganz subtilen, wunderbaren, wichtigen emotionalen Empfinden?

Ich finde die Antwort auf diese Frage sehr entscheidend, denn sie bestimmt darüber, wie wir über die körperlichen Vorgänge beim aufrichten denken, welche Körperübungen wir anwenden, welche Vorstellungsbilder, welche Klangbilder wir nutzen? Sowohl in Bezug auf uns als Sänger:innen als auch als Gesangspädagog:innen.

Und wohlgemerkt, wir sprechen über das Singen, denn es ist wichtig, dass wir wissen, welches Anwendungsziel wir verfolgen. Für die Yogamatte gilt etwas Anderes als für die Aikido-Matte oder eben als das Singen. In Bezug dazu ändert sich die Art, wie wir unseren Körper und auch unsere Atmung einsetzen.

 

Einladung zu einer Übung:

Ich lade dich ein, eine Übung auszuprobieren.

Ich habe sie auch in unserem E-Book über das Konzept geschildert.

Da wir nach bestimmten Prinzipien arbeiten, bitte ich dich eine Vorher-Nachher-Situation zu schaffen, die du vergleichen kannst.

Vorher: stehe in deiner gewohnten Haltung und nimm dich dabei wahr, so wie du jetzt bist, bevor du mit dem Singen starten würdest.

Dann fange an zu singen. Wie fühlt sich das Singen für dich an?

Wie mühelos geht es?

Nimm gern weitere Dinge wahr, die dir sonst beim Singen wichtig sind und auf die du achtest.

 

Nachher: Wenn du einen Eindruck von dir im Singen und deiner Stimme bekommen hast, fange an, dich auf die Fußballen zu schieben und mache ein paar Schritte auf den Fußballen durch den Raum.

Nimm wahr, wie sich dein Körper dabei anfühlt.

Vielleicht spürst du mehr Tonus?

Vielleicht scheint mehr Energie durch den Körper zu fließen?

Dann komme wieder ins Stehen und nimm wahr, wie sich das Stehen jetzt anfühlt. Gibt es auch mehr Tonus im Stehen?

Wie fühlt sich die Haltung an?

Wie ist die Bewegungsbereitschaft?

Dann komme nochmal in dieses Gehen auf den Fußballen, komme danach wieder ins Stehen und starte mit dem Singen.

Hat sich etwas verändert?

Wie nimmst du dich wahr?

Vielleicht ist das Singen müheloser, vielleicht ist es lauter?

Vielleicht ist der Klang anders?

Und nimm auch Dinge wahr, auf die du sonst beim Singen achtest. Hat sich da etwas verändert?

Wenn du magst, experimentiere damit: wie ist es im gehen auf den Fußballen zu atmen und zu singen? Wie ist es, erst auf den Fußballen zu gehen, dann ins Stehen zu kommen und zu singen?

Was ändert sich mit dieser Übung ganz grundlegend in der Körperwahrnehmung für dich?

Was ändert sich im Atmen und Singen?

Wie fühlt sich das Singen an?

Wie reagiert deine Stimme darauf?

 

Wodurch ändern sich Körpertonus und Körperhaltung?

Unser Körpertonus und unsere Körperhaltung verändern die Atmung, die beim Singen eine entscheidende Rolle spielt. Wenn wir diese Übung machen, wird durch die Muskel- und Faszienkette des Beines, unseren großen Po-Muskel, den Gluteus maximus Energie bis zur Lendenwirbelsäule geleitet. Dort setzen die hinteren Teile des Zwerchfells an (die pars lumbales). Das Zwerchfell ist unser Hauptatemmuskel, der wiederum großen Einfluss auf die Rippen und damit auf die Lungen ausübt.

Wenn wir uns erlauben, groß einzuatmen geht das Zwerchfell nicht nur nach unten, wie wir es oft hören und vielleicht gelernt haben, sondern es schiebt auch die Rippen auseinander, so dass unsere Lunge ganz anders Platz für die Einatmung bekommt.

Und da die Rippen hinten mit kleinen Gelenken mit unserer Wirbelsäule verbunden sind, ist die Körperhaltung und Aufrichtung ein entscheidender Faktor, ob die Rippen beweglich sind, beweglich sein können. Und ohne Rippenbeweglichkeit ist die Erweiterung der Lungen erschwert.

Wir haben also eine Menge an Zusammenhängen – und das war noch nicht alles 😉

Denn wenn es gut läuft geht die Aufrichtung weiter durch die Brustwirbelsäule zur Halswirbelsäule. Und direkt vor der Halswirbelsäule liegt auch schon unser Vokaltrakt, der Ort an dem alle Töne, die wir produzieren verstärkt werden.

Dort brauchen wir Raum und Raum braucht Tonus.

Auf diese Weise können wir das Prinzip uns gegen die Schwerkraft hoch zu schieben und dabei Tonus aufzubauen nutzen, um mehr Klang zu erzeugen. Dann geht Aufrichtung mehr von der inneren Muskel- und Faszienkette aus, die für die Feinregulation zuständig ist.

 

Was passiert, wenn wir versuchen, uns innerhalb der Aufrichtung hoch zu ziehen?

Wenn wir uns hingegen versuchen selber hochzuziehen, was schon rein faktisch nicht möglich ist, gehen wir über die großen äußeren Muskeln. Sie sind auch da für unsere Aufrichtung, aber sie sind eher grobmotorisch und vor allem versuchen wir sie mit den kleinen Muskeln des Kopfes zu halten, denn den versuchen wir ja die ganze Zeit irgendwie nach oben zu bringen. Und gleichzeitig ziehen wir die Energie aus unseren Beinen mehr nach oben. Das Stehen auf dem Boden, das Wahrnehmen des Bodens als eine Stütze für uns wird nicht mehr genutzt. Das bringt eine große Unsicherheit in die Stabilität, denn wir versuchen uns an etwas zu orientieren, was keine Stabilität bieten kann. Wir kämpfen die ganze Zeit unbewusst mit der Schwerkraft bzw. gegen die Schwerkraft an.

So bringen wir eine große Spannung gerade in den Bereich, wo unsere Stimme entsteht, die auf diese Weise angewendet eher kontraproduktiv ist. Denn wir müssen dabei auch unsere Halsmuskeln leicht anspannen. Und die großen, groben Muskeln, die an der Aufrichtung mitarbeiten ermüden viel schneller, wenn sie nicht von innen unterstützt werden.

 

Der Boden als Unterstützung

Wenn wir mit unseren Schüler:innen arbeiten, dass sie den Boden als Unterstützung wahrnehmen können, gegen den sie sich aktiv nach oben schieben können, dann können wir immer wieder beobachten, wie ihre Präsenz stark zunimmt.

Die Stimmen werden dabei kraftvoller, die Leistungsfähigkeit der Stimme steigt enorm, aber auch die Ausdrucksfähigkeit und auch die Modulationsfähigkeit für den Stimmausdruck nehmen deutlich zu.

Hinzu kommen noch die psychischen Aspekte. Auf diese Art müssen wir nicht unseren Kopf oben behalten, sondern können körperlich erleben, wie der Boden uns wirklich trägt, wie er uns unterstützt. Das vermittelt uns das Gefühl der Sicherheit und Souveränitat, was gerade für die Bühne entscheidend ist.

 

Unser Körper ist aufrecht, der stimmliche Ausdruck ist aufrichtig. Was brauchen wir mehr?

 

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Vertragen sich das EINFACHE und das KOMPLEXE?

Wie sollte sie denn sein, die perfekte Methode?

Hände mit einem Schild, Puzzleteile, die von fünf Menschen zusammen gefügt werden

So einfach, dass man sie durch höchstens drei Youtube Videos verstehen kann?

So kompliziert, dass man trotz jahrelangem Studium immer noch das Gefühl hast, eigentlich nur an der Oberfläche gekratzt zu haben?

Ihr merkt schon, ich polarisiere ein wenig. Und wer uns gut kennt, hat vielleicht auch gleich schon ein Bild wen oder was wir meinen, an welche Methoden wir dabei vielleicht gedacht haben.

Und um ganz ehrlich zu sein. Ich muss gar nicht so weit schauen und andere Methoden heran ziehen, sondern ich kann innerhalb unserer eigenen Methode bleiben. Denn ich habe dabei beide Zustände erleben dürfen oder manchmal hätte ich vielleicht gesagt: erleiden müssen.

Neue Besen kehren besser – stimmt

Als ich in den späten 80ern bei meiner gefühlt 10. Gesangslehrerin landete, war das Singen für mich mittlerweile zur Schwerstarbeit geworden und es war klar: diese Lehrerin „probiere ich noch aus“ und damit gebe ich meiner Stimme noch eine letzte Chance. Und wenn das nichts wird, dann höre ich auf mit Singen und mache etwas Anderes. Es gibt ja auch andere schöne Berufe auf der Welt.

Da ich hier einen Blog schreibe, nun seit mehr als 30 Jahren Gesangslehrerin bin, könnt ihr euch denken, wie die Geschichte ausging. Ich blieb lange bei dieser Lehrerin und sie war sowohl dafür verantwortlich, dass ich wieder singen lernte als auch dafür, dass ich das funktionale Stimmtraining nach Eugen Rabine kennenlernte.

Auch sie hatte diese Methode neu entdeckt und probierte in einer Stunde mit mir zwei Körperübungen aus. Bisher hatte ich brav an meinem Klavier gestanden und mich bis auf den kleinen Ausflug in die Welt der Seidentücher (siehe Blog) auch nicht wirklich viel bewegt beim Singen. Außer natürlich, es war szenisch vorgesehen.

Und da geschah etwas sehr Einfaches und zugleich sehr Beeindruckendes: ich hob zu einer Einatmung meine beiden Arme bis auf Schulterebene zur Seite, ließ sie dort und sang einen Quintlauf auf- und abwärts auf dem Vokal /u/. Ich war so erstaunt, wie sich meine Stimme anhören und anfühlen konnte. Auf einmal war alles viel leichter und es klang in meinen Ohren auch viel schöner.

Noch in der gleichen Stunde machten wir eine Übung in der tiefen Lage, in der Bruststimme. Ich sang eine Terz auf dem Vokal /a/, ging allerdings diesmal zu einer Einatmung in die Hocke und sang in der Hocke. Und was soll ich sagen? Meine Bruststimme klang viel kräftiger, viel dunkler als sonst und auch sie war deutlich leichter als ich es von mir kannte.

Es war also ganz einfach. Nur zwei Übungen, eine für die Kopf- und eine für die Bruststimme und alles war viel leichter. So kann man es machen. Einen Bauchladen mit tollen Übungen und schon ist alles super.

Aber ich wollte mehr, wollte mehr wissen. Wieso funktionierte das? Funktioniert das immer und bei allen gleich? Überhaupt, woher hast du das? Wer hat dir das denn gezeigt?

Mein „Lehr- und Wanderjahre“…

Und so fing ich an, eine Ausbildung am Rabine-Institut zu machen, um zu lernen, wie die Zusammenhänge zwischen Körper und Stimme genau sind, und wie ich das bei mir und meinen Schüler:innen gezielt nutzen kann.

Nach vierjähriger Ausbildung landete ich dann in Zustand zwei: Ich hatte das Gefühl, innerhalb des Kehlkopfes existierten so viele Muskeln, dass ich sie mein Lebtag nicht lernen würde. Und ob ich das alles wirklich einmal ganz durchdrungen haben würde, wagte ich zu dem Zeitpunkt ernsthaft zu bezweifeln.

Aber die Methode faszinierte mich, ich blieb dran, ich nahm weiter Unterricht, irgendwann bei Eugen Rabine persönlich. Ich hospitierte in weiteren Ausbildungsgruppen.

Und irgendwann fing ich an, Fragen zu haben. Das war für ein toller Moment, denn ich wusste auf einmal: wenn ich Fragen habe, dann bin ich ein sehr großes Stück weiter.

Auch das ist etwas, was wir unseren Gesangslehrer:innen in der Ausbildung immer wieder sagen: freu dich, wenn du Fragen hast, je mehr desto besser, denn es zeigt, dass du schon sehr viel verstanden hast.

Dann kam der nächste Schritt für mich: Supervisorin zu werden. Das bedeutete zu lernen, wie ich andere Lernende in kleinen Arbeitsgruppen unterstützen könnte. Ich hospitierte viel und lernte noch viel mehr. Und immer hatte ich noch das Gefühl, eigentlich weiß ich noch viel zu wenig.

Aber ich hatte immer mehr Fragen: und Fragen haben bedeutete wohl, dass ich auch immer mehr verstanden hatte.

Aber am größten war die Frage, ob ich überhaupt gut genug sei. Ich strampelte mich ab, ich hörte jeden Morgen Aufnahmen von Vorträgen und Gruppensingen meines Lehrers ab, suchte in Anatomiebüchern nach den entsprechenden Bildern, häufte Wissen an und lernte gleichzeitig meine Liebe zu anatomischen Bildern kennen. Das war ein wunderschöner Effekt, mit dem ich gar nicht gerechnet hatte und der mir heute immer wieder zugute kommt. Ich habe eine große Auswahl an anatomischen Bildern und ich kann Menschen Begeisterung für Anatomie vermitteln.

Die Supervisions-Ausbildung war irgendwann auch abgeschlossen, nun hatte ich ein weiteres Zertifikat.

In dieser Zeit lag auch der Grundstein für das Institut Voice Experience.

Denn auch Ulla war in der Supervisoren-Gruppe und wir tauschten uns viel darüber aus, wie man diese Erkenntnisse in die Popularmusik übertragen könne. Ich war ein großer Fan von Popularmusik, die ich in meiner Jugend – natürlich gleichberechtigt neben meiner Opernbegeisterung – hörte, meinen Lieblingsbands zujubelte und nächtelang nach ohrenbetäubender Musik durchtanzte.

Und immer noch beschlich mich das Gefühl, ich wüsste zu wenig. Wer bin ich denn, anderen zu sagen, wie es geht?

Bald hatte ich mein zweites Supervisoren Zertifikat. Und gleichzeitig wurde für Ulla und mich immer klarer, dass wir auch Gesangslehrer:innnen ausbilden wollten. Die Nachfrage wurde größer und größer und wir hatten Lust dazu. Gleichzeitig zog sich unser Lehrer Eugen Rabine langsam aber sicher am Rabine-Institut aus der Ausbildung zurück und wir übernahmen mit vier Kollegen die Arbeit.

Nun wurde es richtig „hart“. Als ich anfing, die grundlegenden Dinge selber zu vermitteln, kamen mir wieder ein Haufen Fragen. Hatte Eugen überhaupt recht? Wo steht das denn? Stimmt das wirklich? Macht das in der Popularmusik überhaupt Sinn?

Wir diskutierten viel, hörten viel, probierten aus und nicht zuletzt bekamen wir Feedback in unseren Ausbildungsgruppen. Und das war wunderbar. Denn hier konnten wir merken, wie viel sich im Unterrichten unserer Schüler:innen positiv veränderte.

Und sie alle saßen am Anfang da und sagten teilweise die gleichen Sätze wie ich: das verstehe ich nicht. Das ist viel zu kompliziert. Ich glaube, das raff ich nie. Ich bin wahrscheinlich viel zu blöd …

Und gleichzeitig waren sie so begeistert, wenn sie in den Gruppensingen durch die Übungen auf einmal Dinge in ihrer Stimme entdeckten, die sie nicht kannten, die sie sich schon immer gewünscht hatten. Es schien ganz einfach: nimm die Arme oder die Beine oder die Finger, mache eine bestimmte Körperübung und schon flutscht es.

Der Spagat – eine lebenslange Übung

Ich habe über die Jahre gelernt, mit diesem Spagat zu leben. Ja, es ist komplex. Die Stimme verstehen zu wollen ist ein großes Unterfangen, es gibt so viele Informationen, es gibt viele Erkenntnisse, neue wie alte. Und manchmal raucht mir auch heute noch der Kopf. Aber es ist gleichzeitig so faszinierend. Und je älter ich werde desto mehr weiß ich, dass das Leben kein Rezeptbuch mit wenigen Seiten ist.

Und je mehr ich weiß und je mehr Erfahrungen ich mit meinen Schüler:innen machen darf, im Einzelunterricht und in der Ausbildung desto klarer wird, dass es beides braucht: Die Komplexität des Wissens, das wir brauchen, um mit jedem individuell arbeiten zu können, denn ich meine Schüler:innen nicht mit dem Ausprobieren von Übungen einfach abspeisen und gleichzeitig braucht es die Klarheit und Einfachheit, wenn man einen Blick und ein Ohr entwickelt hat, so dass wir wissen, was jetzt dran ist.

So würde ich heute nach über 30 Jahren Erfahrung mit der Rabine-Methode sagen: ja sie ist komplex, sie ist stellenweise kompliziert. Aber je mehr man sie durchdrungen hat, desto einfacher wird das Unterrichten und singen.

Für mich ist es ein wenig so wie mit dem Singen: als immer mehr Leute nach Konzerten zu mir sagten, ich hätte eine so natürliche Stimme, es würde klingen, als ob das alles ganz leicht wäre, da wusste ich: ich hab was richtig gemacht – endlich – denn wenn die Stimme, die Technik stimmt, sich stimmig anfühlt, dann ist es für uns leicht und komplex gleichzeitig. Und was draußen ankommt hat immer die Empfindung von Mühelosigkeit, Selbstverständlichkeit, Wissen ohne zu viel Wissenschaftlichkeit und vor allem:

es macht großen Spaß und man lernt mit Freude weiter und weiter. Nicht weil man ständig an sich zweifelt, ob man überhaupt gut genug ist, sondern weil es zu einem tiefen Bedürfnis geworden ist, weil die Neugier so groß ist, all die neuen tollen Dinge, die es noch in der Welt der Stimme gibt, zu erforschen und zu erleben.

Dann sind sie endlich wieder vereint, die beiden scheinbaren Gegensätze EINFACH und KOMPLEX

Wie fing das eigentlich an mit dem Autonomen Nervensystem?

Der Beginn einer großen Liebesgeschichte

Immer wieder innerhalb der Ausbildungen, die ich leite und mitgestalte, ist das Thema Nervensystem besonders spannend und liegt mir sehr am Herzen.

Die Stimme und das Autonome Nervensystem (ANS) haben mehr gemeinsam als man auf den ersten Blick meint.

Und ich stelle fest, dass es ein Thema ist, dass sowohl für mich als auch für die Teilnehmer:innen sehr bewegend ist. Es ist etwas, was uns selbst zutiefst ausmacht, was mit uns als Menschen so viel zu tun hat und was unmittelbar auf uns in unserer Gefühlswelt wirkt. Ohne jeden Filter, den wir so oft gewöhnt sind, vor unser Erleben zu schieben.

Meine Kolleg:innen und ich durften über die Jahre viel Erfahrung sammeln, wie sich das ANS im Unterrichten zeigt und was wir mit den Erkenntnissen, für uns und unsere Schüler:innen an Gutem bewirken können.

Immer wieder bekommen Ulla und ich Rückmeldungen darüber, wie gut man uns zuhören könne und wie schön unsere Stimmen klängen.

Ja, wir lassen uns oft relativ viel Zeit beim Sprechen und unser Stimmklang wird überwiegend als sehr angenehm empfunden.

Und damit sind wir eigentlich schon mitten im Thema:

Ich möchte euch hier und heute meine Geschichte dazu erzählen. Man könnte sie nennen: Hilkea und wie sie die Welt sah.

Vor vielen Jahren, als ich anfing am Rabine-Institut als Lehrerin zu arbeiten, holte mein Kollege Christoph Wendel eine Therapeutin ans Institut, die eine Einführung in die Methode Somatic Experience® gab. Ihn faszinierte die Möglichkeit, die diese Arbeit mit dem ANS auf die Stimme hatte und er befand sich mitten in der Ausbildung.

Ein Wochenend-Seminar mit großen Folgen

Auch ich nahm an diesem Seminar teil. Wir machten Übungen, die ich in meiner jahrelangen Erfahrung mit Körperpsychotherapie teilweise schon oft gemacht hatte. Aber es gab einen entscheidenden Unterschied: alles ging hier unglaublich langsam, wir wurden immer wieder dazu angehalten, uns sehr viel Zeit zu lassen, nachzuspüren, die Übungen nicht zu oft zu machen.

So ging das Wochenende dahin, ich machte interessante Erfahrungen, aber so wirklich greifen und begreifen konnte ich diese Methode nicht. Im Zuschauen erschloss sie sich mir einfach nicht. Aber dann stellte ich eine Frage zu einer unserer gängigen Körperübungen, der seitlichen Armhebung. Daraufhin arbeitete die Seminarleiterin etwa 20 Minuten mit mir. Sie legte ihre Hände an meinen Deltoideus Muskel auf beiden Außenseiten der Oberarme, ließ mich hinein spüren, fragte nach, ob sich die Stelle, der Druck gut so anfühlen würden, änderte nach meinen Wünschen und etwas in mir wurde leichter und leichter. Irgendwann sagte sie: ich glaube, wir brauchen nur noch einen Arm …

und dann nahm sie irgendwann auch die Hand von meinem zweiten Arm …

Danach hob ich meine Arme und hatte das Gefühl, als würden meine Faszien und Muskeln auf einmal lachen und singen. Ein etwas merkwürdiges Gefühl, denn ich bin für gewöhnlich ein recht bodenständiger Mensch. Aber es fühlte sich so gut an und ich hatte einfach keine anderen Worte für diesen körperlich-emotionalen Zustand. Etwas in mir änderte sich von recht skeptisch zu einfacher, purer Freude.

Am Ende des Seminars lud uns die Leiterin ein, miteinander im Kreis stehend zu tönen. Wir seien doch Sänger:innen und sie würde es sehr schön finden, uns singen zu hören und dabei sein zu dürfen. Ohne jegliches Einsingen erklangen unglaubliche Töne in diesem Raum. Ich glaube, so innig habe ich uns als Gruppe noch nie singen, tönen, klingen hören. Viele von uns waren überrascht und gleichzeitig tief bewegt. Es trug uns ein Gefühl der Verbundenheit, was vielen von uns auf diese Art und Weise komplett neu war.

Drei Wochen später …

Der große Durchbruch für mich ganz persönlich kam drei Wochen später, als ich zu meinem Lehrer Eugen Rabine fuhr, um eine Gesangsstunde zu nehmen. Ich fing an zu singen und was ich als erstes bemerkte war, dass ich keine Angst mehr hatte. Ich fühlte mich frei zu singen, ich hatte Lust zu singen, die Angst Fehler zu machen, nicht gut genug zu sein, vielleicht nicht gut genug geübt zu haben, war wie weg geblasen. Das war aus einem bestimmten Grund für mich unglaublich interessant, denn ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt nicht gewusst, dass ich am Anfang meines Unterrichts IMMER in diesem leicht angstvollen Zustand gewesen war.

Und wer ihn kennt weiß: Eugen Rabine ist alles andere als ein furchteinflößender Gesangslehrer gewesen.

Die Stunde nahm ihren Lauf, der Vokaltrakt öffnete sich leicht, sehr schnell, die Klänge waren wunderschön, ich fing mehr und mehr an, meinen Gesang zu genießen, auch ein sehr neuer Zustand für mich. Denn nach meinen leicht traumatischen Erlebnissen, die ich aus dem Studium des Operngesangs mitgebracht hatte, war die Erfahrung, meine Stimme nicht nur gut und leistungsstark zu finden, sondern sie regelrecht zu genießen, eher ungewohnt. Ich konnte meine Leistung honorieren, aber mich beim Singen genießen? Eher nicht.

Genuss an meiner Stimme? – Eher nicht

Ich war gewohnt zu hören: „Schrei nicht so, ich sitze doch direkt neben dir.“

Na, du hast ja ein Organ!“ Und das war nicht sonderlich positiv gemeint.

Immer wenn ich mich auf einer Aufnahme sprechen hörte, zuckte ich selber zusammen und dachte mir, dass die Menschen schon recht hätten. Ja, meine Stimme war kräftig – keine schlechte Eigenschaft für eine angehende Opernsängerin, aber wirklich schön – hm, das war was Anderes.

So vergingen die Jahre, ich hörte immer wieder, ob dieser leicht harte Klang aus meiner Stimme verschwinden würde. Ich lernte unglaublich viel, die Stimme entwickelte sich, ich bekam Komplimente, wie viel sich verändert hätte.

Aber tief in mir drin merkte ich, dass mir etwas fehlte an meiner Stimme, etwas, das ich so gern hören wollte, etwas, das ich in mir fühlte, was aber partout in meiner Stimme nicht erscheinen wollte oder konnte.

Nun kam Bewegung in die Angelegenheit – in mehr als einem Sinn des Wortes

Denn als ich mich in dieser Gesangsstunde erlebte und hörte, war ich auf einmal bewegt von mir selber. Und nicht nur das. Sondern auch mein Lehrer saß am Ende hinter dem Klavier, hatte Tränen in den Augen und sagte: „ich habe lange darauf gewartet, dass das möglich ist.“

Voll mit diesen Eindrücken und Gefühlen fuhr ich nach Hause, ging ans Internet und schaute, wann die nächste Ausbildung in Somatic Experience® beginnen würde.

Ich hatte ein sehr deutliches Gefühl, dass ich das lernen wollte. Für mich als Sängerin genauso wie für mich als Lehrerin. Irgendwie wusste ich, dass es etwas sein würde, was mich meiner Idee von mir und meiner Stimme, die ich eigentlich hatte so viel näher bringen würde, so wie ich es mir immer gewünscht hatte.

Und ich vermutete, dass es mein pädagogisches Konzept auf schöne Art und Weise erweitern würde. Denn ich hatte das klare Empfinden, dass es ein sehr wichtiger Baustein sein könnte, der uns in unserer Methode noch fehlen würde oder einfach nicht so klar war.

Nach all den tollen anatomische und physiologischen Kenntnissen, den pädagogischen und methodischen Möglichkeiten, die das Unterrichten mit der Funktionalen Methode nach Eugen Rabine bietet, schien das ein Thema zu sein, was uns sehr vielversprechend erschien, die Methode noch menschlicher und gleichzeitig effektiver gestalten zu können.

Drei Monate später fing ich an. Und damit begann

eine große Liebe zwischen mir und dem autonomen Nervensystem,

die bis heute andauert.

Das Social Engagement System im Gesangsunterricht

Ich möchte diesen Beitrag dem Social engagement system (SES), dem System für soziales Engagement widmen und am Beispiel Gesangsunterricht veranschaulichen.

Es ist ein Terminus, den Stephen W. Porges geprägt hat. Dabei geht es um einen wichtigen Baustein der so genannten Polyvagaltheorie, über die ich sicher an dieser Stelle auch irgendwann schreiben werde.

Das SES ist eine Möglichkeit des Autonomen Nervensystems (ANS), mit deren Hilfe wir uns mit anderen Menschen verbinden wollen und können. Wir möchten sie verstehen, wir möchten mit ihnen kommunizieren, auf vielen verschiedenen Ebenen. Das kann verbal sein, aber auch non-verbal z.B. über unsere Körper und unseren mimischen Ausdruck.

All das kann nur geschehen, wenn in unserem ANS ein Zustand der Sicherheit entstehen darf, wenn wir uns sicher fühlen. Sicher in und mit uns und dann sicher auch mit einer anderen Person oder auch innerhalb einer Gruppe. Denn nur wenn ich mich in diesem Zustand befinde, bin ich offen genug, Neues zu lernen, anderen wirklich zuzuhören, mein Mitgefühl kann zum tragen kommen. All das sind wesentliche Dinge innerhalb einer befriedigenden emotionalen Kommunikation.

Wie nun kommen wir in diesen Zustand oder zuerst einmal, was ist nötig, damit sich dieser Zustand einstellen kann?

Ein Ausflug in die angewandte Neurologie

Unser Nervensystem ist enorm komplex, und ich möchte einen Blick auf eine kleine, aber feine Struktur werfen: unsere Hirnnerven.

Fünf von ihnen haben sich in einer Gruppe zusammen gefunden, dem von Porges benannten Vagus-Komplex. Es sind ausgerechnet die, die unglaublich viel mit unserer Stimme, unserer Mimik und unserem Hören zu tun haben. Aber sie haben daneben auch mit einer Art Orientierungsreaktion zu tun, die quasi immer automatisch eingeschaltet ist und die uns hilft, blitzschnell herauszufinden, ob ein Ort, ein Mensch, eine Situation für uns sicher sind. Wir beginnen uns sofort zu orientieren: im Raum, wo wir uns befinden, aber genauso auch mit der anderen Person, ob sie uns gefährlich erscheint und wie die Chancen stehen, dass wir uns bei Gefahr in Sicherheit bringen können.

Ich stelle euch diese Hirnnerven, die wir für wichtig und interessant im Singen halten, einmal einzeln mit ausgewählten Funktionen vor.

Schauen wir uns zuerst den Nervus Trigeminus, den Drillingsnerv an.

Unter etlichen anderen Funktionen versorgt einer seiner Äste die Muskeln, die den Kiefer schließen. Gleichzeitig ist er aber auch für die sensible Innervierung der Gesichtshaut zuständig. Das bedeutet, dass er dem Gehirn meldet, wenn Berührungen in unserem Gesicht stattfinden.

Auf diese Art können wir wunderbar Einfluss ausüben. Wenn also der Kiefer etwas zu fest bei uns oder unseren Schüler:innen geschlossen sein sollte, hilft ein sanftes streicheln unseres Gesichts und der Kiefer bekommt in den allermeisten Fällen eine Information, dass es eine größere Erlaubnis gibt, sich zu öffnen.

Der nächste wäre der Nervus Facialis. Er versorgt viele Muskeln, die mit unserer Mimik zu tun haben, so dass dort vieles gesteuert wird, was eine Wirkung auf die Gestaltung unseres Vokaltrakts ausübt. Es gibt viele interessante Punkte in unserem Gesicht, die durch Berührung an der richtigen Stelle, die Muskulatur entweder etwas mehr tonisieren oder auch entspannen können. Das hat große Wirkungen auf die Stimme.

Dazu gibt es eine lange Übungsreihe, die wir im Ganzen oder in einzelnen Teilen immer mal wieder im Unterricht mit großem Erfolg anwenden.

Dann folgt der Nervus Glossopharyngeus, der wie sein Name uns schon sagt (→ Glossa – die Zunge und Pharynx – der Rachen), an der Innervierung des Rachenraums, also unseres Vokaltraktes und der Zunge beteiligt ist. Zwei Bereiche, die für uns Sänger:innen enorm wichtig sind.

Der Nervus Vagus, der Vagabund, der Umherschweifende Nerv ist mittlerweile auch in aller Munde und er ist DER parasympathische Nerv überhaupt. Viele der Muskeln des Kehlkopfes werden von ihm versorgt, aber ebenfalls auch die Rachenrückwand.

Und er hat mit der Atmung bzw. den Bronchien, dem Herzen und den Eingeweiden zu tun. Das alles sind auch für das Singen sehr relevante Bereiche.

Und zum Schluss gehört noch der Nervus Accessorius, der beigefügte Nerv dazu. Er versorgt den M. Trapezius und den M. Sternocleidomastoideus, unseren Kopfwender. Beides sind Muskeln, die in der Orientierungsreaktion eine große Rolle spielen.

Wenn all diese Nerven die Steuerung des SES übernehmen und sie so viel mit unserer Stimme und der Atem-und Überlebensfunktion zu tun haben, leuchtet es ein, dass das Gefühl von Sicherheit, sich wohl fühlen und angenommen sein, eine positive Reaktion in diesen ganzen neurologischen Verbindungen unterstützt. Das bedeutet, dass auf dieser Ebene der Kontakt, den wir im Gesangsunterricht haben, einen großen Einfluss auf unsere Möglichkeit der Atmung und der Stimmanwendung ausübt.

Das können wir unmittelbar körperlich spüren und werden uns dementsprechend verhalten. Dieser Vorgang, der Neurozeption genannt wird, läuft permanent in Bezug auf unsere Umwelt und die Menschen, mit denen wir zu tun haben und denen wir begegnen ab.

Schauen wir nun in unseren Gesangsunterricht

Wie zeigt sich das SES dort?

Wir haben es im Normalfall mit zwei Menschen zu tun. Fangen wir mit der Lehrer:in an. Um eine Schülerin wirklich wahrzunehmen, braucht sie selbst erst einmal ein Gefühl der Sicherheit. Sicherheit, dass sie sich auf sich verlassen kann. Das ist das Erste und Wichtigste. Auch das können wir körperlich spüren.

Versetzen wir uns zuerst einmal in die Lehrerin hinein:

Wie sitze ich auf meinem Klavierhocker?

Bin ich eher nach vorne gelehnt, um die Schülerin sehen zu können, ganz bei ihr zu sein?

Oder kann ich meine Sitzbeinhöcker auf dem Stuhl spüren, ruhe mehr in mir und vertraue, dass sowohl der Klang als auch die Bilder in mich hinein fließen und dort ihr Echo finden werden?

Spüre ich meine Atmung?

Wie geht es mir eigentlich?

Bin ich aufgeregt, weil die Schülerin neu ist, mir anspruchsvoll erscheint, bin ich voller Vertrauen oder eher etwas zweifelnd?

Bin ich mit meiner Aufmerksamkeit in der Gegenwart oder beschäftigt mich noch etwas ganz Anderes?

All das wirkt sich enorm auf uns als Lehrer:innen aus. Darauf ob ich überhaupt offen für diesen anderen Menschen dort vor mir bin, der bei mir lernen möchte.

Und nun versetzen wir uns mal in die Schülerin: ich bin im Raum meiner Lehrerin.

Ist er mir vertraut?

Stehe ich immer an der gleichen einen Stelle?

Fühle ich mich dort wohl, fühle ich mich dort sicher?

Kann ich mit meinen ersten Gesangsübungen starten, ohne Angst haben zu müssen, dass sofort Kritik geübt wird?

Bekomme ich Zeit, erst einmal bei mir ankommen zu dürfen?

Wie erlebe ich meine Lehrerin?

Auf dem Sprung? In der Ruhe?

Fühle ich mich gesehen, selbst wenn sie noch nicht so viel sagt?

Darf ich mit ihr gemeinsam in Ruhe sein oder in die Ruhe kommen?

All das sind Fragen, die sich am Anfang eines Unterrichts oder auch einer Stimmtherapie stellen. Immer, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht.

Deshalb heißt das ANS auch autonom, weil es ohne unser bewusstes Zutun – glücklicherweise – vieles regelt, was mit Sicherheit und Wohlbefinden zu tun hat.

Und um das alles autonom beurteilen zu können, nutzt das Gehirn u.a. die fünf Hirnnerven, die mit unserer Stimme zu tun haben.

Ist das nicht phantastisch??

Was aber, wenn es nicht gut läuft?

Im Umkehrschluss bedeutet das leider aber auch, wenn es nicht gut zwischen uns beiden läuft, habe ich einen negativen Einfluss auf die Stimmfunktion. Ich werde als Schüler:in meine Stimme mit mehr Schutz und damit mehr Druck und Schließung benutzen. Und das gleiche wird auch die Lehrer:in tun und damit wieder eine Rückwirkung auf die Schüler:in haben, die ihr oft gar nicht bewusst ist.

Und was, wenn es gut läuft?

Wenn es aber gut läuft, haben wir, ohne etwas extra dazu tun zu müssen, schon einen guten Zugang zur Stimme gefunden. Wir können uns an das gemeinsame Erforschen machen. Die Möglichkeit für mich als Lehrerin ist, dass ich nicht nach vorgegebenen Konstrukten, wie etwas zu sein hat, unterrichten muss, sondern mich in jedem Augenblick sicher fühle, dass wir gemeinsam mit meinem Wissen und der Bereitschaft der Schülerin einen guten Weg finden, neue Dinge herauszufinden und zu lernen.

Und als Schülerin bin ich in einer sicheren Umgebung mit einer einfühlsamen Lehrerin dazu in der Lage, Wagnisse einzugehen, Öffnung in der Stimmfunktion zu erlauben, ungewohnte Klänge und Empfindungen zu tolerieren und mit ihnen zu experimentieren.

Ich bin sicher, Gesangsstunden, die unter diesem Stern stehen, sind spannend, berührend und erlauben, viel Neues und Spannendes zu lernen – für beide Seiten.

Meine Anregung an euch als Lehrer:innen und Schüler:innen: nehmt euch in eurer nächsten Stunde Zeit, die Fragen aus dem Text am Beginn der Stunde für euch zu beantworten, bevor ihr euch aktiv in die Interaktion stürzt.

Seid erst einmal mit euch und bei euch. Wie verläuft dann die Stunde?

Und auch als Sänger:in beim üben: gibst du dir selbst diese Zeit, dies Ankommen, bevor du versuchst, dich zu verbessern?

Mit welcher Stimme sprichst du zu dir selbst?

Ich bin ganz neugierig auf eure Erfahrungen. Wenn ihr es ausprobiert habt, lasst es uns gern wissen und schreibt uns.

Druck und Kompression – etwas, das wir vermeiden sollten?

In der Gesangswelt haben wir viele interessante Begriffe.

Zum Beispiel das Wort DRUCK.

Auf der einen Seite wollen wir zu viel Druck vermeiden, aber die Stimme soll auch im Popularbereich in manchen Stilistiken druckvoll klingen. Wir reden auf von Luftdruck.

Was meint das aber? Wer drückt da von wo gegen wen?

Und wie viel davon brauchen wir, wie viel davon ist ungesund?

Oft glauben wir, wenn wir mit jemandem über Gesangstechnik sprechen, dass wir einer Meinung sind, da wir gleiche Begriffe benutzen. Wenn wir das nicht vorher abklären, dann bemerken wir manchmal erst mitten in einer Diskussion, dass wir von komplett unterschiedlichen Grundannahmen ausgegangen sind. Deshalb finde ich, die Terminologie vorher zu klären kann ausgesprochen hilfreich sein, wenn es darum geht, sich wirklich zu verstehen und sich austauschen zu können.

Für diesen Blog Artikel habe ich zwei Begriff heraus genommen, die wir in der Rabine-Methode häufig benutzen:

Die mediale Kompression und den subglottischen Luftdruck.

Wenn wir von medialer Kompression sprechen, meinen wir den Druck, mit dem sich die Stimmlippen beim Singen aneinander legen. Sie kann gut geregelt sein, sie kann zu wenig sein, dann hören wir eine sehr hauchige Stimme oder wir pressen die Stimmlippen aneinander, dann haben wir zu viel mediale Kompression und einen eher harten Klang.

Im klassischen Gesang versuchen wir zu erreichen, dass die Stimmlippen eine optimale mediale Kompression haben. Das bedeutet, dass die Stimmlippen gut schließen, der Ton klar und ohne Nebengeräusche ist und flexibel genug und sich ein natürliches Vibrato einstellen kann. Bei einer solchen Einstellung kann auch der Bernoulli Effekt effektiv wirken. Er sorgt dafür, dass die Stimmlippen automatisch aneinander gesaugt werden.

Innerhalb des Populargesangs suchen wir aber immer wieder Möglichkeiten, diesen Modus zu verlassen, weil wir andere Effekt mit unserer Stimme erreichen möchten.

Wir haben Techniken wie Belting oder auch Effekte, die wir mit unserer Stimme produzieren können.

Bei einem funktionalen Belting beispielsweise erhöhen wir die mediale Kompression leicht, halten das Vibrato durch eine feine Muskelaktivität im M. Thyroepiglotticus an, wenn wir es wünschen und mit noch ein paar weiteren Änderungen können wir den Sound in Richtung einer Belting Qualität verschieben.

Auch innerhalb anderer Stilistiken können wir die mediale Kompression weiter erhöhen, so dass ein härterer sound entsteht. All das bewegt sich aus dem Optimum heraus und wir müssen lernen, wie weit wir gehen können, ohne dass die Stimmlippen auf Dauer Schaden nehmen. Die gute Nachricht ist: es ist möglich.

Ein anderes Wort bezeichnet den Luftdruck oder genauer den subglottischen Luftdruck. Damit bezeichnen wir den Druck der Luft, wie er durch die Lungen, die Bronchien und die untere Luftröhre von unten an die Stimmlippen trifft.

Dieser Druck regelt sich im Idealfall durch die Zusammenarbeit von Stimmlippen, Luftdruck und Kehlkopfstellung, wiederum in Zusammenarbeit mit vielen Muskeln des Vokaltrakts oberhalb der Stimmlippen.

Durch zu viel Bauchmuskelaktivität erhöhen wir den subglottischen Luftdruck meist so stark, dass die Stimmlippen als Schutz mit zu viel medialer Kompression reagieren müssen. Aber auf Dauer ist es nicht günstig, wenn der Druck zu hoch ist. Die Stimme wird zwar lauter, was manche dann als ein gutes Zeichen sehen, aber die Differenzierbarkeit leidet und im schlimmsten Fall bekommen wir Ödeme oder Knötchen auf den Stimmlippen. Besonders wir Frauen, da unsere Stimmlippen nicht so viel Muskelmasse zum Schutz haben, wie die männlichen Stimmlippen, die in der Mutation wachsen und an Muskelmasse zunehmen. Daher auch ihre tieferen Stimmen.

Ähnlich wie die mediale Kompression ist auch der subglottische Luftdruck bei manchen Stilmitteln innerhalb der Popularmusik höher als das Optimum wäre. Das ist nicht schädlich, wenn wir eine gute Wahrnehmung dafür haben und wissen, wie wir das steuern können und es nicht dauerhaft anwenden.

Dabei kann eine Schwierigkeit entstehen, wenn unser Stimmtraining uns nicht gelehrt hat, auf diese Dinge achten zu können und sie bei uns wahrzunehmen.

Wenn wir vor allem über das Prinzip „Vormachen – nachmachen“ gelernt haben, kann es sein, dass wir uns nicht wirklich von innen heraus wahrnehmen können, sondern uns ausschließlich über das klangliche Ergebnis kontrollieren, das wir außen hören.

Und unser Nervensystem ist so eingestellt, dass wir immer weniger von unserer Stimme wahrnehmen je höher der Druck wird, so dass wir die Menge an Druck oft nicht beurteilen können. Das ist ein Phänomen, wie unser autonomes Nervensystem reagiert.

Deshalb besteht ein wichtiger Teil der Arbeit innerhalb der Rabine-Methode darin, in Richtung Öffnung und Optimum zu gehen, um die Wahrnehmung für alle diese Dinge zu schulen und zu trainieren. Für manche Sänger:innen scheint es dann so, als ob wir vom Klang her erst einmal in eine eher klassische Richtung gehen. Wir tun das, um die Wahrnehmungsfähigkeit für diese feinen Regelungen innerhalb unserer Stimmfunktion deutlich zu erhöhen, so dass wir einen guten Einfluss auf unsere Klangqualität haben.

Erst von dort aus haben wir die Möglichkeit, differenziert mit diesen vielen, sehr unterschiedlichen klanglichen Elementen zu arbeiten, wie sie in der Popularmusik vorkommen.

Mal ganz abgesehen davon, dass es eine wunderbare Art ist, uns für ein Konzert einzusingen oder nach einem Konzert die Stimme zu regenerieren.

Aber das wäre ein neues Thema, was wir sicherlich auch irgendwann aufgreifen werden.