Salsa, Rossini und die Lebensfreude

Wieder eine dieser eher ungewöhnlichen Konstellationen: Salsa, Rossini, Lebensfreude und Koloraturen. Wie kann das zusammen gehen? Gibt es Parallelen zwischen Salsa tanzen und Koloraturen singen? Und wo liegen sie? In diesen Zeiten, wo das Leben entweder still steht oder sich Vieles nur noch virtuell abspielt, bin ich viel mit dem Tanz verbunden. Neben Kizomba tanze ich auch mit großer Begeisterung Salsa. Damit habe ich angefangen, als ich mich auf das Abenteuer Paartanz einlassen wollte und für mich ergründen wollte, was das mit dem Führen lassen auf sich hat. Ich wollte wissen, ob ich wirklich nicht dazu in der Lage bin, mich führen zu lassen, wie es mir im Laufe meines Lebens immer wieder gesagt wurde.  
Hilkea Knies Salsa Pose

Ich selber, in meinem Unterrichtsraum für Gesang.

Salsa gilt als ein sehr erotischer Tanz. Ich habe ihn allerdings zuerst vor allem als einen Tanz der Lebensfreude erlebt. Es gibt viele schnelle Bewegungen, viele Drehungen in die verschiedenen Richtungen, aus ganz verschiedenen Ausgangsfiguren. Es ist eine Frage des Zentrums, des Lots, was wir als Tänzerinnen beibehalten müssen, wenn wir uns mehrfach und sehr schnell drehen möchten. Unser Gleichgewichtsorgan ist gefordert und die Geschwindigkeit macht etwas mit uns, auch wenn sich unser Gesichtsfeld in dieser Geschwindigkeit um uns herum zu drehen scheint. Ohne Zentrum und Fokus bin ich verloren. Und wenn dabei auch die Geschwindigkeit in der Musik stimmt, dann können wir in einen unglaublichen Flow kommen, da hören die Gedanken auf, denn so schnell kann weder der Mann in der Führung, noch ich als Folgende denken. Und da gilt es, sich dem hinzugeben, der Freude, der Geschwindigkeit, der Richtung, den kleinsten Zeichen, die mich in eine Richtung führen.    In dieser Lebensfreude spüre ich meinen Körper sehr lebendig, die Endorphine tanzen durch meinen Körper und am liebsten hätte ich es, dass die Musik und der Tanz nie wieder aufhören. Aber bei aller Freude ist es auch wichtig, ruhig bleiben zu können, zu atmen, auf mich und mein Zentrum zu hören, nicht außer mir zu geraten. Weder durch zu viel Freude, noch durch Angst, weil ich denke, ich könnte die Figur vielleicht nicht richtig ausführen oder gar verpatzen.

Und nun kommt Rossini mit seinen Koloraturen ins Spiel

Der Komponist Gioacchino Rossini

Gioacchino Rossini (1792-1868)

Rossini ist ein Komponist, den ich sehr liebe und der an wichtigen Stationen in meiner sängerischen Entwicklung eine große Rolle gespielt hat. Zu Beginn meines klassichen Singens fehlte mir nämlich das so wichtige Element des Vibratos komplett in der Stimme. Das gehört aber als Qualitätsmerkmal einer klassischen Stimme dazu und ich hatte es nicht. Oh, mein Gott !! Also ging ich dazu über, schnelle Stücke zu singen, denn da fiel es nicht so auf. Wer hört schon innerhalb einer blitzschnellen Koloratur bei Händel oder eben Rossini, dass das Vibrato fehlt? Wir hören Bewegungen, wenn auch in einer etwas anderen Art. Und es ist beeindruckend, wenn sich die Stimme so unglaublich schnell bewegen kann. Von Festigkeit keine Spur an der Stelle. Ihr merkt schon, auch hier spielte Geschwindigkeit eine Rolle. Und es machte mir Spaß. Diese Geschwindigkeit, die mich irgendwohin führte, wo ich die Kontrolle abgeben musste, denn so schnell kann auch beim Singen nicht mehr gedacht werden. Aber genau wie im Tanz behalte ich auch hier das Zentrum der Stimme bei, die Schwingung im Kehlkopf, mal wieder diese faszinierenden kleinen Stimmlippen, die in unglaublicher Geschwindigkeit vibrieren. Immer vorausgesetzt, es läuft gut.

Aufnahmeprüfung Gesang mit Rossini und mir

Und in meiner Aufnahmeprüfung für die Hochschule lief es wirklich gut. Ich sang die Arie „Cruda Sorte“ der Isabella aus der „Italienerin in Algier“. Gerade habe ich mir auf YouTube noch einmal Aufnahmen mit meinen damaligen Lieblingssängerinnen Marilyn Horne und Teresa Berganza angehört und auch heute bekomme ich wieder Gänsehaut, sobald die Koloraturen starten. Was für manche künstlicher Schnickschnack ist, bedeutet für mich Lebensfreude und Erregung.
Noten auf dem Klavier, Rossini, Cruda Sorte Arie, Schluss

Das sind noch meine Original Kopien, die ich zum üben immer dabei hatte 😉

Diese Arie beginnt ganz harmlos, alles ist sehr schön und noch recht lyrisch. Und dann ca. bei Minute 2 die Koloraturen. Und nicht nur das, die Geschwindigkeit der Koloraturen scheint sich in einer von Rossinis berühmten Strettas noch zu erhöhen. Der Pianist, der mich begleitete war wirklich gut. Es war jemand vom Theater, der die Aufführungspraxis gut kannte. Und er spielte die Stretta wirklich furios, zog das Tempo an, wie ich es noch nicht gesungen hatte. Und anstatt einen halben Herzanfall vor Angst zu bekommen, trug mich der Flow davon. Meine Stimme machte mit, ließ sich vom Klavier führen und ich war auf einmal in einem anderen Bewusstseinszustand, den ich beim Singen noch nie erlebt hatte. Ich spürte eine Art Aufregung in mir, etwas trug mich durch diesen letzten Teil. Ich war auf einmal komplett im Hier und Jetzt.   Was mich allerdings erschreckte und was ich keinen sehen lassen wollte, war mein Gefühl, was ich im Körper verspürte, so intensiv, so offen fühlte es sich an. Und so lebendig. Es fühlte sich wie sinnliche, erotische Erregung an. Alles vibrierte an mir, mein Gesicht strahlte einfach nur, ich fühlte mich so offen und hatte die Empfindung, als könne mir  jeder bis ins Herz und den Magen sehen, sobald ich meinen Mund aufmachen würde, um zu singen oder auch nur zu sprechen. Und es war mir peinlich. Damals genauso wie sehr viel später beim Salsa Ladys styling. Darf ich so sichtbar sein? Mit meinem Gefühl für mich als Frau? Das war lange Zeit ein sehr unsicheres Pflaster, was ich auf alle Fälle unter Kontrolle behalten wollte.  

Was geschieht dabei im Autonomen Nervensystem?

Und während ich an diesem Blog Artikel schrieb, stellte sich mir immer wieder die Frage: Wie ging es wohl meinem Autonomen Nervensystem in dieser Aufnahmeprüfung? Denn es war anders, als Angst wegen Lampenfieber zu haben. Wieder war ein Mensch da, mit dem ich gemeinsam Musik machte, auf den ich mich einließ. In dieser Situation ging ich mit seinem Tempo mit. Und es trug und unterstützte mich. Diesmal war es nicht die Ruhe, der ich mich hingab, wie im Kizomba und im Singen, wenn ich mit mir und meinem Klang allein bin, sondern die Lebendigkeit und Erregung. Auch das ist ein Phänomen, das wir aus der Polyvagaltheorie von Stephan W. Porges heraus beleuchten können. Wieder fühlte ich mich sicher mit einem Menschen, mit dem ich dies Abenteuer gemeinsam unternahm. Sein Klavierspiel ließ meiner Stimme genug Raum, das Tempo stimmte, wir waren in einem gemeinsamen Fluss, in einer Kommunikation. Dies mal über die Musik. Und man könnte sagen, der Teil des Vagus-Nerves, der für die soziale Bindung zuständig ist, war sehr aktiv. Aber nicht nur der, denn es kam auch noch der sympathische Teil des Autonomen Nervensystems hinzu, der uns erlaubte, miteinander zu spielen. Es ist das gleiche Teil, der es uns im Fall von Gefahr ermöglicht, zu kämpfen und zu fliehen. Der unseren Blutdruck steigen lässt, die Muskeln für Höchstleistung mobilisiert, unsere Atemfrequenz steigert, uns fokussiert auf das, was jetzt wichtig ist.  

Das autonome Nervensystem auf der Bühne

All das brauchen wir ebenfalls auf der Bühne. Ganz wach, ganz bei uns und gleichzeitig mit allem in Kontakt sein, was notwendig ist. Wir sehen den Dirigenten, wir hören und spüren unsere Kolleg:innen, wir hören und sehen die Band und vor allem, wir kennen und hören die Musik. Und wenn es gut geht, so wie bei mir damals in der Aufnahmeprüfung, dann leitet uns das Gefühl der Verbundenheit und Sicherheit und die Erregung und Lebensfreude kommt hinzu. Die Dominanz aber liegt in der Sicherheit, so dass der biologische Ablauf nicht in Richtung Kampf oder Flucht kippen muss. Wir können unsere Freude und Lebendigkeit in der Musik einsetzen. Endorphine werden ausgeschüttet und wir sind fähig, Höchstleistungen zu vollbringen. Das geschieht in unserem Körper, ob wir nun beim Salsa schnelle Mehrfachdrehungen ausführen oder im Singen durch Koloraturen von der Musik getragen werden. Das Zusammenwirken von ventralem Vagus und Sympathikus erlaubt uns diese Zustände im Körper. Besonders wenn wir es gemeinsam mit anderen Menschen erleben dürfen. So bedeutet der Tanz Vieles für mich. Er ist zum einen eine Quelle der Freude, er ist aber auch eine der schönsten Arten und Weisen, meinen Körper zu trainieren. Er schult meinen Geist, denn man sollte nicht unterschätzen, wie auch unser Gedächtnis auf so unterschiedlichen Ebenen angesprochen wird. Und auch hier kann man die positiven Einflüsse 1:1 auf das Singen übertragen.

Tanz und autonomes Nervensystem beim Unterrichten

Und nicht zuletzt habe ich immer wieder den Tanz vor Augen, wenn ich unterrichte. Wenn ich mich im Einzelunterricht von einem Element zum anderen bewege, in Reaktion auf meine Ideen, mein Wissen und meine Intuition, wenn ich eine Schülerin höre und sehe. Aber genauso gut innerhalb einer Gruppe, wenn ich durch meine Anatomie- und Neurologie Einheiten tanze, spielerisch, mal berührend, mal humorvoll, aber auch zielgerichtet, fokussiert, ernsthaft. In all diesen Facetten erlebe ich mich in der Arbeit des Unterrichtens, im Singen und im Tanz. Es gibt ja nicht umsonst den Ausdruck, den Tanz des Lebens tanzen. Im Tanz ist alles enthalten, was uns auch das Leben schenkt, genauso wie im Gesang und in jedem Stück Musik.

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