Wie sollte sie denn sein, die perfekte Methode?

Hand mit Schild, simple, Puzzle Teile

Tja, die perfekte Methode . Sollte sie so einfach sein, dass man sie durch höchstens drei Youtube Videos verstehen kann?
So kompliziert, dass man trotz jahrelangem Studium immer noch das Gefühl hast, eigentlich nur an der Oberfläche gekratzt zu haben?
Ihr merkt schon, ich polarisiere ein wenig. Und wer uns gut kennt, hat vielleicht auch gleich schon ein Bild wen oder was wir meinen, an welche Methoden wir dabei vielleicht gedacht haben.
Und um ganz ehrlich zu sein. Ich muss gar nicht so weit schauen und andere Methoden heran ziehen, sondern ich kann innerhalb unserer eigenen Methode bleiben. Denn ich habe dabei beide Zustände erleben dürfen oder manchmal hätte ich vielleicht gesagt: erleiden müssen.

 

Neue Besen kehren besser – stimmt

Als ich in den späten 80ern bei meiner gefühlt 10. Gesangslehrerin landete, war das Singen für mich mittlerweile zur Schwerstarbeit geworden und es war klar: diese Lehrerin „probiere ich noch aus“ und damit gebe ich meiner Stimme noch eine letzte Chance. Und wenn das nichts wird, dann höre ich auf mit Singen und mache etwas Anderes. Es gibt ja auch andere schöne Berufe auf der Welt.
Da ich hier einen Blog schreibe, nun seit mehr als 30 Jahren Gesangslehrerin bin, könnt ihr euch denken, wie die Geschichte ausging. Ich blieb lange bei dieser Lehrerin und sie war sowohl dafür verantwortlich, dass ich wieder singen lernte als auch dafür, dass ich das funktionale Stimmtraining nach Eugen Rabine kennenlernte.

 

Die faszinierende Wirkung von gezielt eingesetzen Körperübungen

Auch sie hatte diese Methode neu entdeckt und probierte in einer Stunde mit mir zwei Körperübungen aus. Bisher hatte ich brav an meinem Klavier gestanden und mich bis auf den kleinen Ausflug in die Welt der Seidentücher (siehe Blog) auch nicht wirklich viel bewegt beim Singen. Außer natürlich, es war szenisch vorgesehen.
Und da geschah etwas sehr Einfaches und zugleich sehr Beeindruckendes: ich hob zu einer Einatmung meine beiden Arme bis auf Schulterebene zur Seite, ließ sie dort und sang einen Quintlauf auf- und abwärts auf dem Vokal /u/. Ich war so erstaunt, wie sich meine Stimme anhören und anfühlen konnte. Auf einmal war alles viel leichter und es klang in meinen Ohren auch viel schöner.
Noch in der gleichen Stunde machten wir eine Übung in der tiefen Lage, in der Bruststimme. Ich sang eine Terz auf dem Vokal /a/, ging allerdings diesmal zu einer Einatmung in die Hocke und sang in der Hocke. Und was soll ich sagen? Meine Bruststimme klang viel kräftiger, viel dunkler als sonst und auch sie war deutlich leichter als ich es von mir kannte.
Es war also ganz einfach. Nur zwei Übungen, eine für die Kopf- und eine für die Bruststimme und alles war viel leichter. So kann man es machen. Einen Bauchladen mit tollen Übungen und schon ist alles super.
Aber ich wollte mehr, wollte mehr wissen. Wieso funktionierte das? Funktioniert das immer und bei allen gleich? Überhaupt, woher hast du das? Wer hat dir das denn gezeigt?

 

Meine “Lehr- und Wanderjahre”

Und so fing ich an, eine Ausbildung am Rabine-Institut zu machen, um zu lernen, wie die Zusammenhänge zwischen Körper und Stimme genau sind, und wie ich das bei mir und meinen Schüler:innen gezielt nutzen kann.
Nach vierjähriger Ausbildung landete ich dann in Zustand zwei: Ich hatte das Gefühl, innerhalb des Kehlkopfes existierten so viele Muskeln, dass ich sie mein Lebtag nicht lernen würde. Und ob ich das alles wirklich einmal ganz durchdrungen haben würde, wagte ich zu dem Zeitpunkt ernsthaft zu bezweifeln.
Aber die Methode faszinierte mich, ich blieb dran, ich nahm weiter Unterricht, irgendwann bei Eugen Rabine persönlich. Ich hospitierte in weiteren Ausbildungsgruppen.
Und irgendwann fing ich an, Fragen zu haben. Das war für ein toller Moment, denn ich wusste auf einmal: wenn ich Fragen habe, dann bin ich ein sehr großes Stück weiter.
Auch das ist etwas, was wir unseren Gesangslehrer:innen in der Ausbildung immer wieder sagen: freu dich, wenn du Fragen hast, je mehr desto besser, denn es zeigt, dass du schon sehr viel verstanden hast.

 

Der nächste Schritt: Supervisorin werden

Dann kam der nächste Schritt für mich: Supervisorin zu werden. Das bedeutete zu lernen, wie ich andere Lernende in kleinen Arbeitsgruppen unterstützen könnte. Ich hospitierte viel und lernte noch viel mehr. Und immer hatte ich noch das Gefühl, eigentlich weiß ich noch viel zu wenig.
Aber ich hatte immer mehr Fragen: und Fragen haben bedeutete wohl, dass ich auch immer mehr verstanden hatte.
Aber am größten war die Frage, ob ich überhaupt gut genug sei. Ich strampelte mich ab, ich hörte jeden Morgen Aufnahmen von Vorträgen und Gruppensingen meines Lehrers ab, suchte in Anatomiebüchern nach den entsprechenden Bildern, häufte Wissen an und lernte gleichzeitig meine Liebe zu anatomischen Bildern kennen. Das war ein wunderschöner Effekt, mit dem ich gar nicht gerechnet hatte und der mir heute immer wieder zugute kommt. Ich habe eine große Auswahl an anatomischen Bildern und ich kann Menschen Begeisterung für Anatomie vermitteln.
Die Supervisions-Ausbildung war irgendwann auch abgeschlossen, nun hatte ich ein weiteres Zertifikat.

 

Ein weiterer Schritt: Voice Experience und die Popularmusik

In dieser Zeit lag auch der Grundstein für das Institut Voice Experience.
Denn auch Ulla war in der Supervisoren-Gruppe und wir tauschten uns viel darüber aus, wie man diese Erkenntnisse in die Popularmusik übertragen könne. Ich war ein großer Fan von Popularmusik, die ich in meiner Jugend – natürlich gleichberechtigt neben meiner Opernbegeisterung – hörte, meinen Lieblingsbands zujubelte und nächtelang nach ohrenbetäubender Musik durchtanzte.
Und immer noch beschlich mich das Gefühl, ich wüsste zu wenig. Wer bin ich denn, anderen zu sagen, wie es geht?
Bald hatte ich mein zweites Supervisoren Zertifikat. Und gleichzeitig wurde für Ulla und mich immer klarer, dass wir auch Gesangslehrer:innnen ausbilden wollten. Die Nachfrage wurde größer und größer und wir hatten Lust dazu. Gleichzeitig zog sich unser Lehrer Eugen Rabine langsam aber sicher am Rabine-Institut aus der Ausbildung zurück und wir übernahmen mit vier Kollegen die Arbeit.
Nun wurde es richtig „hart“. Als ich anfing, die grundlegenden Dinge selber zu vermitteln, kamen mir wieder ein Haufen Fragen. Hatte Eugen überhaupt recht? Wo steht das denn? Stimmt das wirklich? Macht das in der Popularmusik überhaupt Sinn?
Wir diskutierten viel, hörten viel, probierten aus und nicht zuletzt bekamen wir Feedback in unseren Ausbildungsgruppen. Und das war wunderbar. Denn hier konnten wir merken, wie viel sich im Unterrichten unserer Schüler:innen positiv veränderte.
Und sie alle saßen am Anfang da und sagten teilweise die gleichen Sätze wie ich: das verstehe ich nicht. Das ist viel zu kompliziert. Ich glaube, das raff ich nie. Ich bin wahrscheinlich viel zu blöd …
Und gleichzeitig waren sie so begeistert, wenn sie in den Gruppensingen durch die Übungen auf einmal Dinge in ihrer Stimme entdeckten, die sie nicht kannten, die sie sich schon immer gewünscht hatten. Es schien ganz einfach: nimm die Arme oder die Beine oder die Finger, mache eine bestimmte Körperübung und schon flutscht es.

 

Der Spagat zwischen einfach und komplex – eine lebenslange Übung

Ich habe über die Jahre gelernt, mit diesem Spagat zu leben. Ja, es ist komplex. Die Stimme verstehen zu wollen ist ein großes Unterfangen, es gibt so viele Informationen, es gibt viele Erkenntnisse, neue wie alte. Und manchmal raucht mir auch heute noch der Kopf. Aber es ist gleichzeitig so faszinierend. Und je älter ich werde desto mehr weiß ich, dass das Leben kein Rezeptbuch mit wenigen Seiten ist.
Und je mehr ich weiß und je mehr Erfahrungen ich mit meinen Schüler:innen machen darf, im Einzelunterricht und in der Ausbildung desto klarer wird, dass es beides braucht: Die Komplexität des Wissens, das wir brauchen, um mit jedem individuell arbeiten zu können, denn ich meine Schüler:innen nicht mit dem Ausprobieren von Übungen einfach abspeisen und gleichzeitig braucht es die Klarheit und Einfachheit, wenn man einen Blick und ein Ohr entwickelt hat, so dass wir wissen, was jetzt dran ist.

 

Beides stimmt: es ist komplex und es ist einfach

So würde ich heute nach über 30 Jahren Erfahrung mit der Rabine-Methode sagen: ja sie ist komplex, sie ist stellenweise kompliziert. Aber je mehr man die Sache durchdrungen hat, desto einfacher wird das Unterrichten und singen.
Für mich ist es ein wenig so wie mit dem Singen: als immer mehr Leute nach Konzerten zu mir sagten, ich hätte eine so natürliche Stimme, es würde klingen, als ob das alles ganz leicht wäre, da wusste ich: ich hab was richtig gemacht – endlich – denn wenn die Stimme, die Technik stimmt, sich stimmig anfühlt, dann ist es für uns leicht und komplex gleichzeitig. Und was draußen ankommt hat immer die Empfindung von Mühelosigkeit, Selbstverständlichkeit, Wissen ohne zu viel Wissenschaftlichkeit und vor allem:
es macht großen Spaß und man lernt mit Freude weiter und weiter. Nicht weil man ständig an sich zweifelt, ob man überhaupt gut genug ist, sondern weil es zu einem tiefen Bedürfnis geworden ist, weil die Neugier so groß ist, all die neuen tollen Dinge, die es noch in der Welt der Stimme gibt, zu erforschen und zu erleben.

Dann sind sie endlich wieder vereint, die beiden scheinbaren Gegensätze EINFACH und KOMPLEX