Warum ich Kizomba liebe und was das mit Singen zu tun hat

     

“Tanze, weil du fühlst und denkst und weinst und liebst”.

Portrait Hilkea KniesDies Zitat von Lori Eickman passt sehr gut zu beidem: Singen und Kizomba tanzen, aber es bezieht sich eigentlich auf das Schreiben. Und das Schreiben dieses Blog Artikels wurde durch die Sympatexterin Judith Peters hervorgekitzelt, bei der ich eine großartige Woche zum  Thema Bloggen hinter mir habe. Ich war sofort fasziniert von ihrer Art, denn sie verbindet das Schreiben mit Leidenschaft. Etwas, was sich auch in mir immer wieder Bahn bricht, wenn ich singe, tanze oder eben auch schreibe. Die Aufgabe war, innerhalb einer Woche unter dem Oberthema: “Warum ich … liebe” einen Blog-Artikel zu schreiben. Und anstatt dass mir gleich das Singen, das Autonome Nervensystem, die Atmung, die Stütze oder was auch immer einfiel, wollte ein Tanz getanzt werden. Auf dem Papier – naja, oder jedenfalls so ähnlich wie auf Papier. Und auch nicht irgendein Tanz oder das Tanzen allgemein, nein Kizomba musste es sein.  
Rosen, roter Tanzrock, schwarze Tanzschuhe mit Strass, Schuhsohlen Bürste

Etwas, was ich schon immer haben wollte: einen roten Rock und strassbesetzte Tanzschuhe

Wie das mit mir und dem Kizomba begann

“Kannst du Kizomba tanzen? Nein. Möchtest du es lernen? Ja.” (Tanzparty Dialog) Ich habe keine Ahnung, warum ich Ja sagte. Denn ich kannte kaum den Namen des Tanzes, geschweige denn auch nur einen einzigen Schritt. Die Frage zielte auch nicht darauf ab, gemeinsam einen Tanzkurs für Kizomba zu machen, sondern die Frage katapultierte mich in den Keller meiner Tanzschule, wo ich mitten auf der Tanzfläche stand und einen Tanz tanzte, den ich überhaupt nicht kannte. Ich vertraute der Versicherung des Tänzers, es sei ganz einfach. Und so stand ich dort und ließ mich führen. Was blieb mir denn auch anderes übrig? Ich schloss die Augen, vertraute mich dem an, was ich fühlte. Führen und Fühlen unterscheiden sich nur durch einen Buchstaben und so verschmolz beides in diesem ersten Tanz. Und damit begann eine Liebesgeschichte zwischen mir und … nein, nicht was ihr vielleicht denkt – zwischen mir und dem Kizomba. Ich sage noch heute gern manchmal zu meinem Tanzpartner: “ich danke dir von Herzen, dass du mich damals in diesen Keller entführt hast, um mit mir Kizomba zu tanzen, obwohl du wusstest, dass ich keinen einzigen Schritt konnte.”  
Denn ich liebe genau diesen besonderen Tanz,
  • weil er mir erlaubt, ja mich förmlich drängt, ganz im Hier und Jetzt zu sein,
  • weil ich raus aus meinem Kopf und voll und ganz rein ins Spüren komme,
  • weil er mir mitten in der Corona-Zeit einen Körperkontakt erlaubt, der zutiefst nährend und heilend ist,
  • weil er einen intensiven Kontakt zwischen mir und meinem Inneren herstellt,
  • weil ich mich in diesem Tanz als Frau erleben und ausdrücken kann,
  • weil die Musik mitreißend und berührend ist.

Wie geht Kizomba tanzen?

Ja, WIE ist die wichtigste Frage für mich. Es ist ein sehr sinnlicher Paartanz. Die Oberkörper der Partner sind oft sehr eng miteinander verbunden und er hat ein bisschen Ähnlichkeiten mit dem Tango Argentino, den ich in Buenos Aires kennen gelernt hatte. Aber die Emotion und vor allem die Musik sind sehr unterschiedlich. Kizomba besteht aus verschiedenen Grundschritten. Figuren gibt es im Vergleich zu anderen Tänzen keine oder kaum. Und er spielt sich eher innerhalb des Paares ab und geht nicht so sehr nach außen wie beispielsweise Salsa. Es geht eher um den Energie- und Emotionsfluss zwischen den beiden Partnern, wenn beide es erlauben und sich dem Fluss anvertrauen. Aber auch spektakuläre und rhythmische Figuren sind möglich. Durch das Fehlen von typischen wiederholbaren Schrittfiguren ist er für beide Partner nicht ganz leicht zu tanzen. Der Mann führt auf Einzelschrittebene und hat dazu in der Regel einen Arm und seinen Oberkörper zur Verfügung. Zudem können die Schritte in ihrem Tempo  variiert werden. Das entsteht, wenn es gut läuft, aus der Inspiration durch die Musik. Ein sicheres Gefühl für Rhythmus und Musikalität sind die Voraussetzungen, denn am Ende sollten 8 Zählzeiten herauskommen, egal mit welchen Schritten und in welcher Geschwindigkeit sie gefüllt werden. Für manche Tänzer fühlt sich das am Anfang eher wie Mathematik an, habe ich mir sagen lassen. Aber glücklicherweise hört man irgendwann auf zu zählen und verlässt sich mehr und mehr auf das eigene Gespür und vor allem auf die Musik und den Körper. Schön und frei wird es, wenn wir neben unserem Können, einen wirklich musikalischen Tanzpartner haben, sonst wird das sich Führen lassen fast zur Unmöglichkeit. Und das besonders, wenn man wie ich von Beruf Musikerin ist. Genialerweise hatte ich das unverschämte Glück, gleich am ersten Abend, in meinem ersten Tanz jemandem zu begegnen, der all das in den Tanz hinein geben konnte. Auch wenn ich es zu dem Zeitpunkt noch gar nicht merkte, weil ich viel zu sehr beschäftigt war, zu erfühlen, was ich machen sollte.  

Lektion 1 im Kizomba: nicht denken

Ein Kizomba Lehrer sagte einmal: die erste Lektion für die Frau: bitte Kopf ausstellen. Auf mich selbst bezogen kann ich nur sagen: immer wenn ich denke, ich wüsste, was als nächstes kommt, welcher Schritt, welche Geschwindigkeit, ist eine Täuschung nicht ausgeschlossen. 😉 Und wer mich kennt weiß: das ist eine riesengroße Herausforderung für einen Menschen wie mich. Eine Frau, die alles durchdenken, alles diskutieren, alles verstehen und absichern, die den Kopf immer oben behalten möchte. Aber hier geht es nicht um den Kopf, sondern, wenn wir mal beim Körper bleiben möchten, hier geht es vielmehr um Herz und Becken. Becken in seiner Beweglichkeit als Zentrierung, als Kraftquelle für Lebendigkeit und Kreativität. Und das Herz, um zu fühlen, zu erfühlen, wohin der Tanz mich jetzt gerade entführen möchte.

Die Kizomba Lehrerin und Tänzerin Sandra Kittelmann brachte es mit folgenden Worten auf den Punkt: “Wenn ich Kizomba tanze dann tauche ich in eine sinnliche Welt ab und vergesse alles um mich herum.”

Dieser Aussage kann ich mich ohne alle Abstriche anschließen.   Eine Frau beim Singen

Und nun zum Singen

Als erstes wurde ich beim Singen komplett auf mich selbst zurück geworfen. Aber ich fange mal etwas weiter vorne an. Am Startpunkt, als ich das funktionale Stimmtraining nach Eugen Rabine kennenlernte. Ich nahm mich damals das erste Mal im Singen wirklich von innen wahr. Wie geschlossen oder manchmal auf geöffnet meine Resonanzräume, der so genannte Vokaltrakt war, wie ich vibrierte und resonierte. Und das war am Anfang emotional schwer auszuhalten, denn es waren nicht nur angenehme Gefühle, die auf einmal beim Singen entstanden. Aber es waren Gefühle. Gefühle, die etwas mit mir zu tun hatten, die aus meiner Tiefe kamen. Und endlich nicht mehr äußere Technik: mach hier, zieh dort, heb das und dies, denke an … sondern ich kam auf einmal in einen intensiven Kontakt mit mir und meinem Inneren. Dieses tief berührt sein, indem ich mich selbst so sehr fühlte und wahrnahm, mein Inneres nach außen kehrte, das war es, was ich erleben durfte. Für mich übrigens eine wichtige Voraussetzung, dass wir nicht nur uns, sondern auch unser Publikum berühren können. Und etwas Ähnliches passierte dann Jahre, Jahrzehnte später auf einmal völlig überraschend im Kizomba. Am Anfang wollte ich keine Figur lernen, wollte nicht wissen, wie ich es “richtig” machen soll, denn ich hatte Sorge, diesen intuitiven und erspürenden Zugang zu verlieren. Es ging auf einmal darum, nicht die äußere Technik zu lernen, wilde Drehungen, komplexe Folgen, sondern es ging darum, sich in den Tanz hinein zu geben, spüren, wohin er uns führt, um den Ausdruck, um Kommunikation im Tanz, zu berühren und sich berühren zu lassen. Körperlich, aber auch emotional. Die Musik in all ihren Facetten aufnehmen und gemeinsam zum Ausdruck bringen. Uns selbst zum Ausdruck bringen in diesem Tanz. Sich selbst dabei vollkommen lebendig zu fühlen. Die eigene Persönlichkeit zeigen. Und tue ich nicht das Gleiche im Singen?  

Singen und Kizomba als Ressource

Beides kann eine Ressource, eine Kraftquelle in dieser Zeit sein, wo durch Corona auf einmal so viele Möglichkeiten des Kontakts entfallen. Was machen wir ohne Körperkontakt? Was machen wir ohne die Rückmeldungen unseres Publikums? Was machen wir ohne Konzerte, ohne Musik live erleben zu dürfen? Was machen wir ohne Partys, wo wir einander im Tanz begegnen können? Ich habe nach Möglichkeiten gesucht, wie mein Körper weiterhin ein sensibles Spürelement bleiben kann, wie das Gefühl sich weiter verströmen darf und wie meine Stimme nicht anfängt zu verstummen.  Denn ich möchte mich und das, was uns als Menschen ausmacht, den Kontakt zu mir und den anderen nicht verlieren.  

Die Sehnsucht verbindet alles

Die Sehnsucht ist es, die mich am Leben hält, die mich lebendig macht. Aber um welche Sehnsucht handelt es sich denn? Warum habe ich mit 19 angefangen Gesangsunterricht zu nehmen und mit 20 beschlossen, Gesang zu studieren und Sängerin zu werden? Warum bin ich immer wieder auf die Frage meines momentanen Tanzpartners eingegangen, ob wir Kizomba tanzen wollen, obwohl ich es überhaupt nicht konnte und nie einen Tanzkurs für diesen Tanz besucht hatte? Ich glaube, weil etwas in mir angestoßen wurde, in Resonanz gebracht wurde, was tief in mir schlummert und nur darauf wartet, geweckt zu werden, immer wieder geweckt zu werden, jeden Tag neu aufzuerstehen, mit jedem Lied, das ich singe und höre, mit jeder Stimme einer Schülerin, die wunderschöne Klänge in meinen Raum singt, mit jedem Tanz, in dem ich mich dem Tanzpartner, dem Augenblick und dem Gefühl in mir hingebe. Und so wunderschön wie es ist, so heilend wie es ist, so vergänglich ist es auch. Jedes Lied, jede Stimme, jeder Tanz ist immer wieder neu, kann nicht festgehalten werden, wie kein Gefühl jemals festgehalten werden kann. Und wir können süchtig werden. Das Wort Sehnsucht enthält die Sucht, es enthält das Sehnen, etwas lang Ersehntes und es enthält auch die Suche.  

Wohin führt uns diese Suche?

Suche nach wem oder was denn bitte? Früher habe ich gedacht, es ist die Suche nach der Bühne, es ist die Suche nach dem perfekten Partner, es ist die Suche nach der besten Technik. Das gilt sowohl für das Singen als auch für das Tanzen. Aber es ist nicht Technik, es ist nicht die Perfektion – es ist die Hingabe an den Moment und zu nehmen, was er mir anbietet. Mich fühlen in der Vibration meiner Stimme, meiner winzigen kleinen Stimmlippen, die meinen ganzen Körper in Resonanz bringen können, wenn ich es nur erlaube, dass sich ihre Vibration mit meiner emotionalen Schwingung verbindet. Wenn ich es wage, mich dem voll und ganz hinzugeben, vertraue, dass all mein Üben und Mich weiter entwickeln sich in einem Ton, in einem Lied verströmen möchte.
  • Kann ich mich dem anvertrauen, diesem Strom, der auf einmal aus mir heraus kommt?
  • Darf ich mich der Führung meines Partners anvertrauen?
  • Wie bleibe ich mit meiner inneren Führung verbunden, wenn ich nur Spüren bin?
  • Wohin möchte ES als nächstes gehen und was ist mein Teil, den ich in unser gemeinsames Spiel hinein gebe?
  • Wie erleben wir die Musik, was kreieren wir aus jeder Note, aus jedem Takt, aus jedem Rhythmus?
  • Wie dürfen sich unsere Gefühle ergänzen, miteinander schwingen, wie dürfen unsere Körper darauf reagieren?
  • Dürfen wir agieren und reagieren, tanzen und getanzt werden, singen und gesungen werden?

Sich antreiben oder sich treiben lassen?

Und alles verbunden durch die Sehnsucht, die mich manchmal antreibt, manchmal in die Tränen treibt und mich manchmal einfach vor mich hintreiben lässt. Kann ich mich treiben lassen? Treiben – was für ein wunderbarer Begriff mit so vielen Möglichkeiten. Treibe ich mich selber an, mit einer Sklavenpeitsche, mehr zu leisten, besser zu sein, es endlich richtig zu machen, der Perfektion so nah zu kommen, wie es überhaupt nur geht? Oder lasse ich mich treiben? Wie ein Stück Strandgut? Wie ein Vogel auf dem Wasser? Wie ein Blatt im Wind? Mit dem Vertrauen, dass die Richtung stimmt, dass es nur darum geht, die Wellen, das Wasser, die Luft zu spüren. Im Endeffekt mir und meiner Intuition, meinem Gefühl zu trauen und mich von ihm treiben zu lassen, entspannt lauschend, fühlend, wach jeden Impuls zu nehmen, der sich mir in dieser Offenheit anbietet. Ich bin es, die sich mir selbst anvertraut und ich vertraue mich einem Partner an. Es kann ein großes Glück sein, wenn wir mit jemandem gemeinsam diese Reise antreten.  

Pianisten und Tanzpartner, die passen sind ein Geschenk

Und auch da finden sich wieder Parallelen im Singen und im Tanzen. Es ist ein großes Glück und ein Geschenk, wenn wir den “richtigen” Pianisten finden. Denn er sollte nicht nur hervorragend Klavier spielen können. Das können viele. Es braucht auch die Bereitschaft, zuzuhören, mit mir zu atmen, Wünsche und Kritik an der richtigen Stelle, mit dem richtigen Tonfall anzusprechen. Denn Singen ist eine sehr persönliche Äußerung, ich kehre mein Inneres nach Außen, wenn ich wirklich in einem Flow bin. Und mit diesem Geschenk achtsam umzugehen, wünschen wir uns als Sängerinnen von jedem Pianisten oder auch von unseren Bandkolleg:innen. Dann können wir in den Fluss kommen, miteinander Musik im Augenblick erschaffen und uns höher und höher tragen lassen von der Resonanz, den Klängen, den Texten, den Gefühlen – der Musik eben.   Und auch der Tanz ist ein Spiegel unseres Inneren. Erlauben wir uns, unsere Körper sprechen zu lassen, den Rhythmus der Musik auszudrücken, der Leidenschaft ihren freien Fluss zu lassen und sie durch uns ausbrechen zu lassen, die ruhigen Momente auszukosten und ganz zart, innerlich fast unbeweglich auf der Stelle zu bewegen, die Schwingungen zu spüren, die innerhalb des Tanzes entstehen können?       Ich bin mir selbst unendlich dankbar, dass ich die Herausforderung oder eher den Ruf immer wieder annehme. Den Ruf, meiner Sehnsucht zu folgen, der Sehnsucht, Musik auszudrücken. In all ihren Facetten, die sie mir zur Verfügung stellt. Ihre Wildheit, ihre überbordenden Gefühle, ihren magnetischen Rhythmus, ihre Stille, ihre Liebe, ihre Innerlichkeit, ihre Kraft, ihre Schwingungsfähigkeit, ihre Sanftheit. All das in meinem Körper spüren zu dürfen, zu erlauben, mich dadurch verwandeln zu lassen im Singen, im Tanzen, im Lieben und Leben.