Ich liebe es, das Singen mit total unterschiedlichen Bewegungen zu verbinden, wie z.b. auf einem Bein zu stehen. Warum das so ist und heute absolut keine Selbstverständlichkeit, erfahrt ihr hier. (Zum eigenen Experimentieren, gibt es am Ende noch ein paar coole Anregungen)

Beim Singen auf einem Bein stehen zu können, war ein innigster Wunsch

Ich war 21, Musikstudentin und es war ein Schock, als ich damals das Abschlussgespräch in der Rheumaklinik hatte. Der Arzt meinte etwas lapidar:” wenn sie künstliche Kniegelenke möchten, können sie gerne wiederkommen. Ansonsten machen sie sich auf einen Rollstuhl gefasst!” Ich war eigentlich voller Zuversicht und Hoffnung in die Klinik gekommen. Machte alle Anwendungen mit, schluckte alle Medikamente , ernährte mich gesund und hoffte darauf, dass die Schmerzen, die mich seit 10 Jahren ständig begleiteten endlich aufhörten.
Ja ihr lest richtig: 10 Jahre!
Ein halbes Jahr nach der Rötelschutzimpfung ging’s los. Damals war ich 12 und ein echtes Bewegungskind. Ich erinnere mich so gut an alle Klettergerüste, Rutschen, Fliegenpilze und Reckstangen auf unseren Spielplätzen.

Ich liebte es, auf der Schaukel hoch zu schwingen und laut zu singen.

Singen beim Schaukeln

Beim Singen einfach abheben

Ich weiß sogar noch das Lied, dass ich aus vollem Halse, bei vollem Schwung hinaus schmetterte: “Ich kenne einen Cowboy, der Cowboy, der heißt Bill und wenn der Cowboy reitet, dann steht mein Herz so still….! Für alle, die das Lied auch kennen, nehmt euch doch gerne mal einen Moment Zeit und singt es einmal von vorne bis hinten durch! Und ich sage euch, es hat viele Strophen :-)) Genießt jede einzelne davon und vielleicht erinnert auch ihr euch an eine Zeit, wo ihr es völlig unbeschwert von der Umgebung einfach rausgehauen habt? Ja? Wunderbar! Gleich nochmal! Hier findet ihr den Text: https://de.wikibooks.org/wiki/Liederbuch/_Ich_kenne_einen_Cowboy

Aber ich gab nicht auf!

Als mit 12 meine Gelenke nach und nach anschwollen und ich starke Schmerzen hatte, wusste niemand so recht, was es eigentlich sein könnte. Damals war es in der Forschung, dass auch Kinder Rheuma entwickelten, noch fast kein Thema. Ich hatte dann das große Glück, dass mein Sportarzt auf die Idee kam, dass es was Rheumatisches sein könnte und mich zunächst zum HNO schickt, um mal meine Mandeln überprüfen zu lassen. Und was soll ich sagen: “Das war’s!” Meine Mandeln sahen außen völlig normal aus, waren innerlich aber total zerklüftet und hatten, statt Giftstoffe zu filtern, sie leider ins Blut geleitet. Wenn ihr jetzt denkt, dass damit alles gut wurde, so muss ich euch leider sagen, dass ganz im Gegenteil nun die wahre Odyssee begann.

Ich konnte mich gut bewegen, aber nie ohne Schmerzen

Das Verrückte bei der ganzen Geschichte, was alle verwirrte und ich mir auch erst heute Stück für Stück erklären kann war, dass ich mich weiterhin extrem gut bewegen konnte. Allerdings immer unter heftigen Schmerzen. Morgens allerdings fiel ich aus dem Bett, war komplett steif und musste mich erstmal auf dem Boden bewegen, um aufstehen zu können. Ich bin überzeugt, dass mir meine Beweglichkeit zugute kam, die ich mir vorher durch viel Rennen, Balancieren und Klettern auf dem Spielplatz und zuhause aufgebaut hatte. Kein Schuppendach oder Baum waren vor mir sicher. Nur das Runterkommen gestaltete sich oft schwierig und war dann mega peinlich! Noch vor meiner Erkrankung durfte ich endlich ins Ballett. Oh, wie liebte ich die Ballettposter z.B. mit Motiven von David Hamilton und ich frage ganz ehrlich: “Wer kennt die nicht?” Dort lernte ich meinen Körper in Aufrichtung und Balance zu bringen. Ich liebte die eleganten Armbewegungen und die Verbindung mit meinem Atem. Denn wenn ich die Luft anhielt, konnte ich diese Bewegungen nicht besonders elegant ausführen und blieb fast dabei stecken. Zur gleichen Zeit hatte ich auch Vorsingen für den Kinderchor des Stadttheaters. Für Oper und Operette wurden noch Kinder gesucht.
Ich sog sie ein, die Luft des Theaters!
Ich rieche sie heute noch genau, so wie sie mir im Bühneneingang des 3 Spartenhauses entgegenwehte. Der Geruch wurde immer intensiver, je näher ich der Bühne kam. Quer durch die Kulisse, an der Schneiderei vorbei und dann auf die Bretter der großen Drehbühne.
Ich war selig! Ich wollte unbedingt dort singen!
Singen und Schauspielen im Theater

in der Operette Schwarzwaldmädel 1978

Bis zum Zeitpunkt als diese Krankheit in mir ausbrach. Ich machte weiter so gut es ging. Weiter im Ballett, weiter im Kinderchor, weiter im normalen Leben. Im Grunde half nichts gegen die Schmerzen, weder die Medikamente, noch andere Behandlungsmethoden. Die Ärzte waren ratlos, was sich da eigentlich entwickelt hatte.

Singen lernen im echten Gesangsunterricht an der Uni

Ich machte weiter, machte Abi und endlich Musikstudium mit Hauptfach Gesang. Mein Traum!
Singen und Probe

Gesangsprobe in der Uni für ein Rock-Oper Projekt 1984

Ich hatte ja keine Ahnung von Unterricht. Hatte immer intuitiv gesungen nach dem Motto: “Laut geht immer!” Ich freute mich so dermaßen darauf, nun endlich in diese Kunst eingeweiht zu werden und kam zu meiner ersten Gesanglehrerin. Sie trug sogar ein “von” im Namen und ich war mir sicher, sie musste eine Meisterin ihres Fachs sein! Es ging los! Ich bekam die ersten Gesangsübungen und versuchte das Wort ANANAS in allen möglichen Varianten und Arppegien zu singen. Dazu sollte ich lächelnde Bäckchen machen. Ich wusste aber gar nicht warum. Mir fiel es sogar sehr schwer, denn aufgrund meiner Erkrankung war ich oft schmerzgeplagt und depressiv. Das Lächeln passte so gar nicht in meine Situation. Ich versuchte mein Bestes, was aber kläglich misslang. Sie erzählte mir über sprudelnde Quellen, die ich mir vorstellen sollte und Kuppeln, in denen der Klang schwebte. Ich verstand nur: “Bahnhof” und meine Auswahl beschränkte sich auf Schalke oder Gelsenkirchen! Von Kuppeln und Springbrunnen keine Spur! Wenn ich mich anstrengte und dadurch körperlich verspannte, wurde sie schon mal laut und rief mich mit donnernder Stimme an: “Nun seien Sie doch mal locker”! Dann funktionierte überhaupt nichts mehr! Mein Nervensystem streikte! Wir kamen mit meiner klassischen Stimmentwicklung nicht so richtig weiter. Ich mutierte daraufhin abwärts zum Mezzo, denn Bruststimme hatte ich von meinen Rock-Pop Bands in denen ich sang, genug. Hoch ging aber nur mit Druck und Lautstärke und das nervte mich furchtbar!

Das funktionale Singen, ein neuer Weg

Aus dem Raum nebenan, drangen andere Klänge. Ein paar andere Mitstudent:innen hatten dort Unterricht bei Roger Winell, einem amerikanischen Musicalsänger, der ganz anders arbeitete. Ich durfte mitgehen und war total überrascht. Er lies seine Student:innen beim Singen die Arme heben, oder noch skurriler, ein Knie! Das wollte ich unbedingt ausprobieren! Jetzt müsste ich eigentlich eingeschwärzt weiterschreiben, denn jetzt kommt der heimliche Teil! Also lest bitte leise weiter! Ich nahm meine erste (heimliche) Gesangsstunde bei ihm. Er lies mich die Arme nicht beim Singen heben, sondern beim Einatmen. Dieses Detail hatte ich vorher gar nicht mitbekommen. Ich merkte, dass meine Stimme sofort anders klang und besonders, dass sie sich total anders anfühlte. Es war einfach LEICHT. Und es machte Spaß! Ich liebte es, meinen Körper mit einzubeziehen, auch wenn er schmerzte. Aber ich hatte plötzlich eine neue Verbindung zu ihm und er unterstützte mich mit seinen Bewegungen beim Einatmen und Singen. Roger beließ es nicht bei den Körperübungen, sondern fragte mich interessante Dinge. Z.B.: “Wie ist deine Empfindung der Kieferöffnung, wenn du während der Einatmung ein Bein hebst?” Oder er fragte: ” Wie bewegt sich dein weicher Gaumen, wenn du mit dem Vokal O einatmest?”
Da war sie, die KUPPEL!
Ich konnte sie fühlen! Überhaupt konnte ich plötzlich soviel fühlen, was mir vorher überhaupt nicht bewusst war. Durch seine Anleitung und seine gezielten Fragen, konnte ich Stückchen für Stückchen mein Instrument, meine Stimme kennen lernen. Ich konnte fühlen, wann sich mein Vokaltrakt öffnet, oder verengt. Ob er sich rundet, oder breit wird. Ich konnte sogar meine Stimmlippen fühlen lernen und wahrnehmen, wie sie miteinander schwingen.
Meine Höhe entwickelte sich rasch – ich hätte es nie für möglich gehalten! (Ach könntet ihr jetzt mein Kopfschütteln sehen)
Zurück im offiziellen Gesangsunterricht bemerkte meine Lehrerin, dass etwas in mir passierte. Sie bemerkte auch: das kam nicht durch von ihr. Sie sagte: “Jetzt verstehen sie es Frau Keller. Was machen sie denn?” Ich hatte natürlich leicht schlotternde Knie und sagte: “Wissen sie, meine Freundin hat bei Herrn Winell Unterricht und da lernt sie so Körperbewegungen beim Singen und das probiert sie mit mir aus.” Daraufhin sagte meine Lehrerin: “Ach, das ist ja interessant! Wenn ich noch ein bisschen jünger wäre, würde ich mir das auch mal anschauen.” Ich muss sagen, ich war total BAFF über ihre Reaktion und heute ich der Retrospektive erkenne ich soviel Wahres in dem, was sie suchte. Heute habe ich mein funktionales Vokabular, mit dem ich all diese Ideen in fassbare Begriffe und Übungen umsetzen kann. Ich bin zutiefst dankbar dafür, dass Roger sein Wissen, das er von Eugen Rabine erlernt hatte, mit mir teilte. Ich bin zutiefst dankbar dafür, dass ich diese Methode lernen und seit über 30 Jahren auch lehren darf.    

SINGING IS MOVEMENT

Ich war nie ein Imaginations-Typ, aber ich war und bin ein Bewegungs-Typ. Das ist auch der Grund für meinen Slogan “Singing is Movement“. Singen ist rhythmische Bewegung in Zeit und Raum, hat Eugen Rabine einst gesagt. Ich möchte noch hinzufügen, dass die Stimme Bewegung liebt. Du kannst es gleich ausprobieren. Singe eine kleine Phrase eines Liedes, das dir gerade in den Sinn kommt. Am besten etwas Langsames, dann kannst du es gleich besser spüren. Singe es nochmal und dann beginne einmal deine Handgelenke zu kreisen (rotieren) während du singst. Verändert sich etwas in deiner Stimme? Du kannst es ja im Vergleich machen. Singe es einmal ohne und dann wieder mit den Handgelenkskreisen. Am besten hebst du deine Arme noch ein wenig vom Körper ab. Dann geht es noch besser und wird deutlicher.
Was kannst du wahrnehmen? Was verändert sich in deiner Stimme?
Ich gebe dir den Tipp, mal auf die Schwingung in deiner Stimme zu lauschen. Alles Kreisbewegungen, die wir mit unseren Gelenken machen, wirken u.a. auf die Schwingung unserer Stimme. Wenn du dir also auch mal eine schwingungsvolle Stimme wünscht, ein sogenanntes Vibrato in der Stimme, dann probier das doch mal aus. Es hilft übrigens auch super, wenn deine Stimme sehr fest ist und zuviel Druck dich einschränkt. Dazu kannst du auch ein Knie rechtwinklig heben und mit dem Fußgelenk kreisen.

Warum ich es liebe, beim Singen auf einem Bein zu stehen

Das erzähle ich euch jetzt und auch welche Steigerung es dabei noch gibt! Diese Übung ist eine große Herausforderung für mich. Ich beschreibe sie mal kurz: Während einer Einatmung hebst du ein Knie, bis dein Oberschenkel eine Waagrechte zum Boden zeigt. Dein Standbein bleibt dabei gestreckt. Während des Singens bleibt dein Bein gehoben. Das verlangt mir alles ab! An manchen Tagen schaffe ich es kaum und unterstütze mich dann, in dem ich mich ein klein wenig an der Stuhllehne oder Kommode festhalte. Oft reicht witziger Weise nur ein Finger, den ich daran lege. Aber er gibt mir dann wohl den Halt, den ich brauche. Was ich daran liebe? Meine Einatmung vergrößert sich enorm in der Tiefe. Mein Zwerchfell senkt sich super ab und die Einatmung fühlt sich dabei total unkompliziert an. Mein Vokaltrakt (Resonanzraum/Ansatzrohr) öffnet sich freiwillig und gibt mir die Möglichkeit von Raum und Volumen in meiner Stimme. Mein Standbein richtet mich auf, oder besser gesagt, ich richte mich komplett über mein Standbein auf, denn die Aufrichtung geschieht von unten nach oben. Ich kann diese Übung noch mit verschiedensten Armhebungen kombinieren, die dann wiederum eine enorme Auswirkung auf meine Stimme haben. Mein ganzer Körpertonus verändert sich zum EUTONUS zum guten Tonus. Ich merke deutlich, wie glücklich mein Körper darüber ist, das zu spüren. Meine Stimme reagiert darauf mit einer gesünderen Schließkraft und Brillanz, egal ob ich KLASSIK oder POP singe.
Ist das nicht wunderbar Übungen zu haben, die Genreübergreifend wirken? Denn so bin ich und singe ich! Ich liebe die Musik, egal in welchem Genre die Kompostion dann zuhause ist.
Für alle von euch, die jetzt noch interessiert daran sind, wie es gesundheitlich mit mir weiter gegangen ist sei gesagt, dass es mir mittlerweile recht gut geht. Durch verschiedene alternative Formen der Medizin, habe ich zu einem guten Lebensalltag gefunden. Ich habe mehrere Autoimmunerkrankungen gepaart mit Hypermobilität, daher hört es nicht einfach auf. Aber ich kann mich wieder bewegen und liebe meinen Körper und mein gesamtes System so wie es ist. Es hat auch viel Gutes, sich damit auseinander setzen zu müssen und ich kann mit meinen Wissen darum und meiner Erfahrungen vielen Menschen helfen. Das ist wunderbar und erfüllt mich mit Glück.
bewegen und gehen

Mont-Saint-Michel in der Normandie 2019

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