Druck und Kompression – etwas, das wir vermeiden sollten?

In der Gesangswelt haben wir viele interessante Begriffe.

Zum Beispiel das Wort DRUCK.

Auf der einen Seite wollen wir zu viel Druck vermeiden, aber die Stimme soll auch im Popularbereich in manchen Stilistiken druckvoll klingen. Wir reden auf von Luftdruck.

Was meint das aber? Wer drückt da von wo gegen wen?

Und wie viel davon brauchen wir, wie viel davon ist ungesund?

Oft glauben wir, wenn wir mit jemandem über Gesangstechnik sprechen, dass wir einer Meinung sind, da wir gleiche Begriffe benutzen. Wenn wir das nicht vorher abklären, dann bemerken wir manchmal erst mitten in einer Diskussion, dass wir von komplett unterschiedlichen Grundannahmen ausgegangen sind. Deshalb finde ich, die Terminologie vorher zu klären kann ausgesprochen hilfreich sein, wenn es darum geht, sich wirklich zu verstehen und sich austauschen zu können.

Für diesen Blog Artikel habe ich zwei Begriff heraus genommen, die wir in der Rabine-Methode häufig benutzen:

Die mediale Kompression und den subglottischen Luftdruck.

Wenn wir von medialer Kompression sprechen, meinen wir den Druck, mit dem sich die Stimmlippen beim Singen aneinander legen. Sie kann gut geregelt sein, sie kann zu wenig sein, dann hören wir eine sehr hauchige Stimme oder wir pressen die Stimmlippen aneinander, dann haben wir zu viel mediale Kompression und einen eher harten Klang.

Im klassischen Gesang versuchen wir zu erreichen, dass die Stimmlippen eine optimale mediale Kompression haben. Das bedeutet, dass die Stimmlippen gut schließen, der Ton klar und ohne Nebengeräusche ist und flexibel genug und sich ein natürliches Vibrato einstellen kann. Bei einer solchen Einstellung kann auch der Bernoulli Effekt effektiv wirken. Er sorgt dafür, dass die Stimmlippen automatisch aneinander gesaugt werden.

Innerhalb des Populargesangs suchen wir aber immer wieder Möglichkeiten, diesen Modus zu verlassen, weil wir andere Effekt mit unserer Stimme erreichen möchten.

Wir haben Techniken wie Belting oder auch Effekte, die wir mit unserer Stimme produzieren können.

Bei einem funktionalen Belting beispielsweise erhöhen wir die mediale Kompression leicht, halten das Vibrato durch eine feine Muskelaktivität im M. Thyroepiglotticus an, wenn wir es wünschen und mit noch ein paar weiteren Änderungen können wir den Sound in Richtung einer Belting Qualität verschieben.

Auch innerhalb anderer Stilistiken können wir die mediale Kompression weiter erhöhen, so dass ein härterer sound entsteht. All das bewegt sich aus dem Optimum heraus und wir müssen lernen, wie weit wir gehen können, ohne dass die Stimmlippen auf Dauer Schaden nehmen. Die gute Nachricht ist: es ist möglich.

Ein anderes Wort bezeichnet den Luftdruck oder genauer den subglottischen Luftdruck. Damit bezeichnen wir den Druck der Luft, wie er durch die Lungen, die Bronchien und die untere Luftröhre von unten an die Stimmlippen trifft.

Dieser Druck regelt sich im Idealfall durch die Zusammenarbeit von Stimmlippen, Luftdruck und Kehlkopfstellung, wiederum in Zusammenarbeit mit vielen Muskeln des Vokaltrakts oberhalb der Stimmlippen.

Durch zu viel Bauchmuskelaktivität erhöhen wir den subglottischen Luftdruck meist so stark, dass die Stimmlippen als Schutz mit zu viel medialer Kompression reagieren müssen. Aber auf Dauer ist es nicht günstig, wenn der Druck zu hoch ist. Die Stimme wird zwar lauter, was manche dann als ein gutes Zeichen sehen, aber die Differenzierbarkeit leidet und im schlimmsten Fall bekommen wir Ödeme oder Knötchen auf den Stimmlippen. Besonders wir Frauen, da unsere Stimmlippen nicht so viel Muskelmasse zum Schutz haben, wie die männlichen Stimmlippen, die in der Mutation wachsen und an Muskelmasse zunehmen. Daher auch ihre tieferen Stimmen.

Ähnlich wie die mediale Kompression ist auch der subglottische Luftdruck bei manchen Stilmitteln innerhalb der Popularmusik höher als das Optimum wäre. Das ist nicht schädlich, wenn wir eine gute Wahrnehmung dafür haben und wissen, wie wir das steuern können und es nicht dauerhaft anwenden.

Dabei kann eine Schwierigkeit entstehen, wenn unser Stimmtraining uns nicht gelehrt hat, auf diese Dinge achten zu können und sie bei uns wahrzunehmen.

Wenn wir vor allem über das Prinzip „Vormachen – nachmachen“ gelernt haben, kann es sein, dass wir uns nicht wirklich von innen heraus wahrnehmen können, sondern uns ausschließlich über das klangliche Ergebnis kontrollieren, das wir außen hören.

Und unser Nervensystem ist so eingestellt, dass wir immer weniger von unserer Stimme wahrnehmen je höher der Druck wird, so dass wir die Menge an Druck oft nicht beurteilen können. Das ist ein Phänomen, wie unser autonomes Nervensystem reagiert.

Deshalb besteht ein wichtiger Teil der Arbeit innerhalb der Rabine-Methode darin, in Richtung Öffnung und Optimum zu gehen, um die Wahrnehmung für alle diese Dinge zu schulen und zu trainieren. Für manche Sänger:innen scheint es dann so, als ob wir vom Klang her erst einmal in eine eher klassische Richtung gehen. Wir tun das, um die Wahrnehmungsfähigkeit für diese feinen Regelungen innerhalb unserer Stimmfunktion deutlich zu erhöhen, so dass wir einen guten Einfluss auf unsere Klangqualität haben.

Erst von dort aus haben wir die Möglichkeit, differenziert mit diesen vielen, sehr unterschiedlichen klanglichen Elementen zu arbeiten, wie sie in der Popularmusik vorkommen.

Mal ganz abgesehen davon, dass es eine wunderbare Art ist, uns für ein Konzert einzusingen oder nach einem Konzert die Stimme zu regenerieren.

Aber das wäre ein neues Thema, was wir sicherlich auch irgendwann aufgreifen werden.