Die Rabine-Methode: Funktionale Stimmpädagogik. Der ganzheitliche Weg, das Unterrichten und Singen zu lernen

Die Rabine-Methode ist eine Methode, die angehenden oder auch schon längst im Beruf stehenden Gesangslehrer:innen ein Konzept über die Stimme an die Hand gibt, das auf wissenschaftlicher Basis die Stimmfunktion erklärt und sich für den Gesangsunterricht zu Nutzen macht. Sie wurde begründet von dem amerikanischen Sänger und Dirigenten Eugen Rabine (10.11.40 – 1.11.2018). Innerhalb der Ausbildung lernen wir in theoretischen und praktischen Einheiten Grundlagen der Anatomie, Physiologie, Biologie, Neurologie und Psychologie der Stimme kennen. Praxis und Theorie wechseln sich ab, so dass von Anfang an eine Verknüpfung entstehen kann. Auf diese Weise werden Informationen mit Erfahrungen verbunden.  
Gruppe von Sänger:innen mit seitlicher Armhebung

Gruppe mit seitlicher Armhebung bei unserem Voice Experience Institutstreffen 2018, (c) Photo: Fredy Haas

Aus diesem am Anfang recht wissenschaftlichen Zugang zur Stimme sind eine Vielzahl von Körperübungen entstanden, die auf der anatomisch-physiologischen Ebene erlebbar machen, was alles die Funktion der Stimme in einer gesunden und effizienten Weise unterstützen kann.   Aber auch Stimmübungen werden durch das Wissen über kleinste Bewegungsabläufe gezielt angewendet und durch akustisches und aerodynamisches Wissen ergänzt.  

Einige Beispiele gefällig?

  • welche Vokalfolgen unterstützen die Kopfstimme? (bei uns spannungsdominantes Register)
  • und auch: welche Vokalfolgen unterstützen die Bruststimme (bei uns massedominantes Register)
  • bei welchen Vokalfolgen haben wir die kleinsten Bewegungsabstände, wenn es um Zungenbewegungen geht?
  • welche Vokalfolge unterstützt die Kieferöffnung?
  • welche Vokalfolge sorgt automatisch für crescendo und decrescendo (lauter und leiser werden)?
Das alles sind Fragen, die sich Gesangslehrer:innen natürlich stellen, bzw. die von den Schüler:innen gestellt werden. Denn sie kommen mit Wünschen und Fragen, die jede Gesangslehrende  ihnen gern kompetent beantworten möchte. Und natürlich kann man Körper, Atmung und Stimme niemals von Emotionen und ganz persönlicher Erfahrung trennen. Das macht die Methode in meinen Augen so spannend, weil sie im wahrsten Sinn des Wortes ganzheitlich ist, so dass sie ganz unterschiedliches Wissen mit einbezieht und wir als Lehrer:innen und Schüler:innen sehr verschiedene Zugänge zur Stimme haben, die wir selbst erleben und auch bei unseren Schüler:innen gleich ausprobieren können.  

Die Rabine-Methode steht auf 5 wissenschaftlich fundierten Füßen

  1. Anatomie. Das könnte eine komplizierte und trockene Angelegenheit sein. Ist es aber nicht, wenn Ulla und ich es lebendig darstellen.
  2. Physiologie ist die Wissenschaft von Funktionen und Abläufen innerhalb des Körpers. Gerade beim Singen ist das sehr spannend, denn wir transportieren das Wissen um die Anatomie und Physiologie gleich auf das eigene Erleben. Und wir sprechen über Fragen, die unsere Schüler:innen haben.
  3. Biologie. Ein sehr spannendes Feld, denn natürlich dürfen wir beim Singen und Unterrichten nicht die Lebens- und Überlebensfunktionen unseres Körpers außer Kraft setzen. Wir sollten immer wissen: Überleben kommt für unseren Körper vor dem absolut wunderschönen Klang des dreigestrichene F in der Arie der Königin der Nacht. Das sollten wir beachten und schauen, wie wir unseren Körper als Freund:in mit ins Boot holen.
  4. Neurologie. Das ist vor allem das Wissen um unser autonomes Nervensystem (ANS) und die Verbindung von ANS und Kehlkopf samt seinen Funktionen.

Manche Fragen dabei sind:

  • wie reagiert unsere Stimme auf Kritik und Lob?
  • wie reagiert die Stimme im Kontakt mit Menschen?
  • was passiert mit einer Stimme bei Lampenfieber?
  • wie zeigt sich das Autonome Nervensystem in unserer Körperbewegung?
  • wie reagieren wir auf die Umwelt und wie erleben wir uns in der Welt?
All das sind Fragen, die uns sofort mit uns als Menschen verbinden, mit unseren Emotionen, mit unseren Mustern und Reaktionsweisen, die wir teilweise sehr, sehr früh gelernt haben. 5. Psychologie. Natürlich geben wir keine Therapiestunden, denn das Ziel, mit dem unsere Schüler:innen zu uns kommen ist das Singen. Aber ganz außen vor lassen können wir die psychischen Befindlichkeiten nicht, denn Singen, die Stimme an sich ist das persönlichste Instrument, was in der Musik zu Verfügung steht. Wir sind es selbst, unsere Stimme, das sind wir, das ist unsere Identität. Wie sollen wir dabei unsere Psyche mit dem Mantel an der Garderobe abgeben? Das ist schlicht unmöglich. Auf all das reagieren wir innerhalb unserer Methode mit viel Wissen über die Art von Kommunikation, die uns das Unterrichten als Lehrer:innen erleichtert und uns als Sänger:innen anders mit uns verbinden lässt.  

So wenden wir die Rabine-Methode bei unseren Schüler:innen an

Das Funktionale Stimmtraining, was häufig mit der Rabine-Methode assoziiert wird, ist die ganz praktische Seite der Methode. Körper-und Stimmübungen werden gezielt eingesetzt. Wir nehmen damit Einfluss sowohl auf den Tonus im Körper, die Aufrichtung des Körpers als auch Art und Weise und Größe der Atmung. Und natürlich auch auf die eher feineren Körperfunktionen der gesamten Artikulation: Wie ist die Öffnung im Kiefer? Wie rund können die Vokale sein? Denn Rundung im Rachenraum, im so genannten Vokaltrakt bedeutet innerhalb der Stimmfunktion Öffnung. Wie beweglich und wie tonisiert, wie differenzierter ist unsere Zunge. Denn sie bestimmt auf der einen Seite auch die Öffnung unseres Vokaltraktes mit und sie ist, vom Nervensystem aus betrachtet, auch zuständig für Schutz und Sicherheit. Eine sowohl interessante als auch heikle Kombination. All das können wir über Stimmübungen, aber auch kleine Körperübungen positiv innerhalb des Singens beeinflussen.  
Hilkea Knies und Ulla Keller beim Unterrichten, Team teachning

Hilkea und Ulla im Team teaching innerhalb der Ausbildung von Voice Experience, (c) Photo: Fredy Haas

Und wir folgen damit einer bestimmten, der Physiologie und Neurologie entnommenen Hierarchie im Ablauf einer Stunde. Dieselbe Hierarchie können wir dann auch nutzen, um die Ausbildung unserer Sänger:innen von den Anfängen bis in den Beruf zu unterstützen.  

Zwei wichtige Grundprinzipien der Arbeit:

1. von groß nach klein
Wenn wir Körperübungen anwenden, starten wir zu Beginn mit den wirklich großen Körperübungen wie Arm- oder Beinbewegungen. Viele unserer Schüler:innen brauchen Zeit, um das Prinzip des sensomotorischen Lernens zu erleben und für sich integrieren zu können. Und dazu brauchen sie deutliche Unterschiede, die sie durch die Leitung in ihre Wahrnehmung in unserer Art des Fragens fühlen und erleben können. Wir stellen Fragen wie: War etwas anders in der Körperempfindung? War etwas anders in deinem Erleben der Atmung? Hat sich der Klang verändert? War deine Stimme leiser oder lauter? War es schwieriger oder leichter zu singen?
2. von außen nach innen
Unser Rachenraum ist ein sehr differenzierter Ort, der viele Funktionen gleichzeitig erfüllt. Wenn wir ihn als Atemweg und Vokaltrakt innerhalb des Singens nutzen ist es gut, wenn wir uns darüber klar sind, dass es sowohl unser Atemweg als auch unser Speiseweg ist. All das spielt im Singen immer eine Rolle. Auch neurologisch handelt es sich um einen Bereich, der für Schutz und Sicherheit zuständig ist, denn es ist der Zugang zu unseren Luftwegen und wenn wir die falschen Dinge in unsere Lunge bekommen, kann das lebensgefährlich werden. Von daher achtet unser Gehirn immer darauf, dass genug Schutz, sprich Schließungsmöglichkeit vorhanden ist. Wie also kommen wir zu einem geöffnet klingenden Stimmklang, wie können wir Raum im Vokaltrakt schaffen und erleben?
Hilkea Knies macht den Georgischen Griff

Hilkea Knies 1994 im Abschlussseminar. Übung für Rundung im Vokaltrakt – Georg Geyers grip 😉 (c) Hilkea Knies, privat

Wir starten außen, denn dort haben wir die weiteste Entfernung zur Lunge und die Bewegung ist am ungefährlichsten. Wir können sie auch am besten beeinflussen, denn sie liegt im Teil des Gehirns den wir bewusst steuern können. Jemandem zu sagen, er oder sie möge seinen Mund weit auf machen, seinen Kiefer öffnen ist von deutlich mehr Erfolg gekrönt als zu sagen, man möge für die Einatmung bitte bewusst die Stimmlippen, die innerhalb des Kehlkopfes liegen öffnen. 😉   Also heißt die Reihenfolge, die Hierarchie an dieser Stelle: erst Kieferbewegung, dann Rundungsbewegung der Lippen, dann Zungenbewegung und schließlich Wahrnehmung der Stimmlippen als unser primäres schwingendes Element.    

Wurzeln der Methode

Die Rabine-Methode wurde von Eugen Rabine in den 1980er Jahren am Arbeitswissenschaftlichen Institut unter der Leitung von Walter Rohmert in Zusammenarbeit mit Sänger:innen, Instrumentalist:innen, Gesangspädagog:innen und HNO-Ärzten erforscht. Die interessante Dokumentation von damals: Grundzüge des funktionale Stimmtrainings ist leider schon viele Jahre lang vergriffen und nur noch antiquarisch zu finden. Aus dieser Zeit stammen die Wurzeln der beiden großen funktionalen Ansätze, der Lichtenberger-Methode und der Rabine-Methode. Die funktionale Stimmbildung wurde ganz zu Anfang von Cornelius L. Reid entwickelt, mit dem Eugen Rabine zu Beginn seiner Reise zur Stimme viel Kontakt und fruchtbaren und auch streitbaren Austausch hatte.
Eugen Rabine beim arbeiten mit der Rabine-Methode

Eugen Rabine 2018 im Master Treffen (Photo: Hilkea Knies, privat)

Wer hat’s erfunden? 😉 Der Begründer Eugen Rabine

Denn schon am Anfang hatte Eugen Rabine, noch als Gesangs- und Dirigierstudent an der Juilliard School immer wieder Fragen. Er wollte genauer verstehen, wie die Stimme wirklich, anatomisch, physiologisch und biologisch betrachtet funktioniert. So machte er sich auf den mühsamen Weg, anatomisches Wissen aus Bücher und wissenschaftlichen Aufsätzen zu extrahieren und die Stimme sängerisch, nicht einfach nur klinisch zu verstehen. Ihn leitete sein Leben lang die Liebe zur Stimme. Keine Stimme war für ihn jemals hässlich, kein Schüler, keine Schülerin jemals untalentiert. Die Methode entstand aus all diesen Forschungen. In seiner Zeit in den USA hatte er Kontakt zu Cornelius Reid, der ihn in seiner Sichtweise inspirierte. Aber auch George Geyer, ein Mediziner und Gesangspädagoge aus den USA, war wie ein Bruder für ihn und sie entwickelten gemeinsam interessante Übungen für die Stimmfunktion (siehe unten das Bild mit dem Georg’schen Griff). Die Methode und die Ausbildung entstanden aus dem Wunsch seiner ersten Schüler:innen. Sie wollten ein ganzheitlicheres Verständnis für die Stimme bekommen, nicht weiter unterrichten mit Methoden, die auf ästhetischer Beurteilung fußten. Sie waren inspiriert durch den Ansatz des sensomotischen Trainings und wollten nicht länger das immer noch sehr populäre Prinzip von Vorsingen-Nachsingen bei sich selbst und ihren Schüler:innen als einzige Möglichkeit nutzen.  

Sensomotorisches Training als Basis

Die Basis der Methode ist das sensomotorische Training, in der die Sänger:innen sich selbst auf Grund von eigenen Empfindungen beim Singen erleben und erforschen dürfen. Eigenerleben und Erlaubnis stehen im Vordergrund. Sie versuchen nicht, etwas nachzuahmen, was ihnen vorgesungen wird, sondern erkunden ihr Instrument durch Bewegungs- und Schwingungswahrnehmungen in sich selbst. Eigenes Wohlbefinden, Leichtigkeit im Erleben stehen im Vordergrund. Der ganz persönliche Klang der Stimme ist das Ergebnis, nicht das Ziel. Ich selber habe die Rabine-Methode 1989 durch meine damalige Gesangslehrerin kennen gelernt und dann eine Ausbildung zum Certified Rabine Teacher (CRT) gemacht. Mich begeistern bis heute die Körperübungen, die über den Körper erlebbar machen, wie sich gesunde Stimmfunktion anfühlen kann. Auch die Genauigkeit der Stimmübungen finde ich immer wieder beeindruckend. Das wird mir in den Supervisionen, die ich am Rabine-Institut für die angehenden Lehrer:innen gebe, immer wieder so richtig klar. Wir können sehr gezielt damit arbeiten.  

Für wen ist die Rabine-Methode geeignet?

  1. Für Lehrerinnen und Lehrer,
  • die eine fundierte Ausbildung suchen, um als Gesangspädagog:in verantwortungsvoll mit Schüler:innen arbeiten zu können. Sie bekommen methodische und didaktische Grundlagen.
  • die schon eine Ausbildung als Pädagog:in haben, aber nach mehr Tools und effektiven Übungen suchen,
  • die sich für die Stimmfunktion und ihre wissenschaftlichen Grundlagen interessieren.
 
  • 2. Für Sängerinnen und Sänger,
  • die ihre Stimme auf eine gesunde und flexible Art und Weise ausbilden lassen möchten,
  • die neue stimmliche Möglichkeiten suchen,
  • die Genre übergreifend Stilelemente des klassischen oder populären Gesangs erlernen möchten,
  • die stimmliches Coaching für ihre Bühnenpräsenz und Performance suchen.
 

Möglichkeiten der Ausbildung in der Rabine-Methode

Um sich zum Certified Rabine Teacher (CRT) ausbilden zu lassen, gibt es momentan nur eine Möglichkeit und das ist die Fortbildung am Rabine-Institut. Auf der Webseite des Instituts gibt es auch eine Liste von Lehrer:innen, die die Ausbildung über die Jahre abgeschlossen haben.  
Ausbildungsgruppe 3/4 Abschluss am Rabine-Institut, u.a. Ulla Keller, Hilkea Knies

Abschluss 1994, Hilkea vorne in lila Leggins mit schwarzen Punkten, Ulla dahinter in rot-schwarz

  Und dort lernten auch Ulla und ich uns 1990 innerhalb der 4-jährigen Ausbildung kennen. Später trafen wir uns in der Weiterbildung zur Supervisorin des Instituts wieder. Wir beschlossen, dass wir zusammen arbeiten wollten, da wir beide fanden, dass die Rabine-Methode auch ein phantastischer Weg sei, um sie für die Popularmusik zu differenzieren. Denn dort herrschte zu dem Zeitpunkt noch eine ziemliche Leere, was gute Methoden anging.

Notwendige Differenzierungen, die wir bei Voice Experience machen

Die Ausbildung, die Ulla und ich an unserem Institut Voice Experience anbieten fußt auf den Grundlagen der Rabine-Methode, bezieht aber notwendige Differenzierungen mit ein, die speziell im Bereich der Popularmusik Anwendung finden. Wir beschäftigen uns mit typischen stimmphysiologischen und stilistischen Themen der Popularmusik wie Belting und Twang, aber auch Soul, Musical, Rock-Pop Effekten und einiges mehr.   Wenn dich dieser Artikel inspiriert hat und du dich weiter mit der Methode beschäftigen möchtest, kannst du dich gern in unseren Newsletter eintragen und hier unser E-Book “6 Basics für die Stimme” bekommen.

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