Faszien und Nervensystem hängen zusammen

Dass Faszien und Nervensystem zusammen hängen ist mir noch gar nicht so lange bewusst. Aber eigentlich ist es mehr als einleuchtend, wenn man die ganzen Einzelteile des Wissens zusammen fügt.

Doch starten wir zunächst mit einem Zitat aus einem Buch von Robert Schleip, dem Faszienpapst in Deutschland, wie ich gern sage:

Robert Schleip Zitat Fasziennetz

 

In unserer Ausbildung, die wir für Gesangspädagog:innen mit und ohne Unterrichtserfahrung im Bereich Popularmusik anbieten, arbeiten wir sehr gern mit den myofaszialen Leitbahnen, die Thomas W. Myers in seinem Buch „Anatomy trains“ vorgestellt hat.

Da es bei uns immer auch viel um die Anatomie und Physiologie geht – denn wie wir wissen, arbeiten Körper, Atmung und Stimme eng zusammen – braucht es eine Idee, wie man dies Wissen, was für Sänger:innen eher fachfremd ist, gut verstehbar und einleuchtend vermitteln kann.

Es gibt zwei Fachgebiete, die wir besonders spannend in Bezug auf den Gesang finden:

  • die Faszien und
  • das autonome Nervensystem.

Man kann beides getrennt voneinander betrachten, aber in ihrer Tiefe hängen sie mehr zusammen, als man auf den ersten Blick meinen könnte. Und gleichzeitig ist es gut, sie unabhängig voneinander anzuschauen. Denn beide Gebiete sind so komplex und vor allem vielfältig, dass es gut ist, sich immer nur einen Aspekt herauszupicken. Ohne das wäre man vielleicht schnell frustriert durch die Masse an Information, die da auf einen einströmt.

Kleine Begriffsklärung vorneweg:


Unter einem Ligament verstehen wir im üblichen Sprachgebrauch ein Band. Wir haben eine etwas festere Phaserstruktur, die es dem Gewebe erlaubt, relativ viel Zug aushalten zu können. Ligamente stabilisieren eine Struktur, damit z.B. ein Gelenk nicht durch einen zu großen Muskelzug auseinander gerissen wird. Wir finden besonders viele Ligamente immer dort, wo Stabilität verlangt wird, z.B. um das Schultergelenk herum. Aber auch – für uns Sänger:innen sehr wichtig – um das Kiefergelenk herum. Denn auch das muss stabil bleiben können, auch wenn wir den Mund manchmal sehr weit öffnen möchten und müssen.

Die Propriozeption ist ein Vorgang im Nervensystem. Wir bezeichnen damit die Fähigkeit, den Sinn, uns selbst in Bezug zum Raum wahrzunehmen. Wenn die Propriozeption in Ordnung ist, können wir bei geschlossenen Augen oder auch einfach ohne hinzusehen spüren, wo sich beispielsweise unsere Arme und Beine befinden. Das ist sehr wichtig, denn ohne diese Empfindung könnten wir nicht automatisch auf Veränderungen unseres Körpers durch Gleichgewichtsverlagerungen und Berührungen reagieren.

Wir könnten eine Übung wie die Kniehebung oder auch die seitliche Armhebung, die wir in unserer Methode so gern und hilfreich anwenden gar nicht ausführen ohne sofort umzufallen, wenn unsere Propriozeption gestört wäre.

Rezeptoren sind spezialisierte Zellen, die bestimmte Reize aus der Umwelt oder auch aus dem Körper aufnehmen. Diese werden dann als Informationen weiter ans Gehirn geleitet. Sie messen u.a. Dehnbarkeit, Muskelanspannungen, Druckwechsel und Temperatur. Und was für uns sehr wichtig ist: sie nehmen Vibrationen wahr und leiten auch diese Information weiter.

Myofaszie ist ein zusammen gesetzter Begriff, der das Myologie, also die Lehre von den Muskeln mit dem der Faszie in sich vereint. Faszie in der eigentlichen Übersetzung meint ein Band oder auch eine Verbindung. Das Wort Myofaszie beschreibt also eine untrennbare Einheit von Muskeln, Ligamenten, Knochenhaut und anderem faszialen Gewebe.


Grundlegende Ideen in Bezug auf die Faszien

Das Faziennetz ist ein einziges zusammenhängendes Fasernetzwerk, selbst wenn wir einzelne Faszien benennen und lokalisieren können. Die propriozeptiven Eigenschaften der Ligamente sind schon seit den 1990er Jahren erforscht, aber mittlerweile weiß man noch viel mehr über die allgemeinen und speziellen Faszienstrukturen. Denn nicht nur Ligamente gehören zur faszialen Struktur, sondern auch weitere Gewebe, die man früher unter dem Begriff „Bindegewebe“ kannte und als unbedeutend bei Präparationen einfach entfernt hatte. Das Fasziennetz ist unser wichtigstes Wahrnehmungsorgan, denn es ist reich an allen möglichen Arten von Rezeptoren.

In unseren Ausbildungen arbeiten wir mit dem System der Myofazialen Meridiane, wie sie Thomas W. Myers in seinem Buch Anatomy trains vorstellt. Dabei beschäftigen wir uns zuerst einmal weniger mit einzelnen Regionen oder gar einzelnen Muskeln, sondern schauen uns größere Zusammenhänge an, die wir durch den gesamten Körper verfolgen können. Myers geht von der Annahme aus, dass wir es bei Körperbewegungen nicht ausschließlich mit einzelnen Muskeln und auch nicht mit muskulären Schlingen und Verbänden zu tun haben, sondern dass das gesamte fasziale Gewebe eine Rolle in all dem spielt.

Wenn ihr in einen Anatomieatlas schaut, seht ihr klar von einander abgegrenzte Muskeln, ähnlich wie ein Schnitzel beim Schlachter. Aber das ist nicht die Realität, denn in unserem Körper ist alles durchzogen von faszialem Gewebe. Es umhüllt Muskeln, Nerven und Blutbahnen und es ist auch innerhalb der kleinsten Muskelfasern zu finden.

Wenn wir uns das Material anschauen handelt es sich in unserem gesamten Körper um Collagen und Elastin, nur die prozentuale Zusammensetzung ändert sich. Sie wird an die jeweilige Funktion angepasst, je nachdem wie viel Zug- und Druckkräften der Körperbereich ausgesetzt ist.

Muskelfaser Kollagen und Elastin Anteile Stabilität Flexibilität

 

Faszien verbinden

Faszien verbinden! Das kann man doppeldeutig verstehen, denn sie verbinden Körperstrukturen wie Muskeln und Knochen, aber sie verbinden eben auch Wissenschaftszweige. Viele Menschen sind seit etlichen Jahren mit Faszien beschäftigt, wie beispielsweise Sportler, Physiotherapeuten und Tänzer:innen. Und auch immer öfter Gesangslpädagog:innen. Denn auch im Kehlkopf verbinden die faszialen Strukturen den gesamten Stimmapparat mit dem Vokaltrakt, der als unser Resonator fungiert.

Die Elastizität der großen Bindegewebsstrukturen auf Kraftübertragung und effiziente Bewegung sind in der Sportmedizin schon lange gut belegt. Und warum sollte das gleiche Prinzip nicht auch für das Singen und die Mechanik und Funktionsweise des Kehlkopfes gelten, der viele dieser Strukturen in sich enthält?

Und sie verbinden eben auch die Gebiete der Motorik mit den Erkenntnissen des Nervensystems.

Sensomotorisches Lernen – Verbindung von Faszien und Nervensystem

Wir arbeiten in der Rabine-Methode sehr viel und konsequent mit dem Sensomotorischen Lernen.

Und schon allein das Wort Sensomotorik verbindet die beiden Bereiche Faszien und Nervensystem miteinander. Denn es bedeutet, dass wir über unsere Sinne (senses), die Teil des Nervensystems sind in die Motorik kommen. Und von da aus kann Lernen stattfinden.

Motorik ist deutlich mehr als nur Muskelarbeit. Man weiß schon länger, dass die Faszien auch in der Motorik, besonders in der unwillkürlichen Motorik, in unwillkürlichen Ausgleichsbewegungen beim Gehen und Stehen eine große Rolle spielen. So hat man beispielsweise herausgefunden, dass die Plantarfaszie, als die starke Sehnenplatte unter unserem Fuß an der sensomotorischen Haltungskontrolle beim Stehen beteiligt ist. Und die unwillkürliche Gang- und Stützmotorik ist Teil des autonomen Nervensystems, ist Teil der Funktionen im Hirnstamm.

Körperübungen in der Rabine-Methode und Faszien

Mit diesem Wissen im Hintergrund macht es großen Sinn, wenn wir uns überlegen, dass Haltung, Aufrichtung, Stehen und Gehen unten, an den Füßen und Fußgelenken beginnt und dass uns nicht der berühmte Faden am Kopf nach oben zieht.

Es gibt etliche Übungen in der Rabine-Methode, wo wir über Tonuserhöhung von unten, Beinhebungen, Beugungen, Neigungen genau diesen Ablauf von unten, der sich eben auch in den Faszien abspielt ansprechen.

Das Gesamtgewebe der Faszien hat mit seinen inneren und äußeren Muskelhüllen und Membranfächern eine deutlich größere Gesamtoberfläche als alle anderen Körpergewebe. Diese Hüllen und Membranen tragen wesentlich zur Reißfestigkeit eines Muskels bei. Aber nicht nur das. Dort sitzen 6 mal so viele Nervenendigungen als in der roten oder so genannten quergestreiften Muskulatur.

Muskelfasern mit Faszien

Aufbau einer Muskelfaser mit immer weiteren inneren faszialen Muskelhüllen

Wir können also getrost unseren Blick auf die Faszien richten, wenn wir mit Körperübungen arbeiten, denn sie sind das Bindeglied zwischen der Körperbewegung und all den Prozessen, die im Nervensystem stattfinden. Es gibt schon lange eine Idee davon, dass es neurologische Erklärungen für die Wirkungsweise der Faszien gibt. Denn sie ist definitiv unser wichtigstes Wahrnehmungsorgan, wenn es um reine Propriozeption, aber auch viszerale Interozeption geht.


Die viszerale Interozeption bedeutet kurz übersetzt die Wahrnehmungsfähigkeit und Weiterleitung der inneren Prozesse unserer Organwelt ans Gehirn.


Social engagement system, Polyvagaltheorie und die Faszien

Und genau dort könnten wir hellhörig werden, denn in der Beschreibung des Social Engagement System und auch der Polyvagaltheorie von Stephen W. Porges spielt die Interozeption eine große Rolle. Sind es doch die Eingeweide, über die wir eine körperliche Wahrnehmung von Gefühlen erhalten. Und wenn wir dann schauen, welche Hirnnerven aktiv sind, sobald wir uns mit der Stimme beschäftigen, treffen wir auf noch mehr alte Bekannte. Allen voran der Nervus Vagus, der auch populärwissenschaftlich immer mehr an Bedeutung gewinnt und der unseren gesamten Kehlkopf- und Vokaltraktbereich steuert.

Und all diese für das Singen so wichtigen Strukturen bestehen zu einem sehr großen Anteil aus faszialem Gewebe.

Leider ist die Forschungslage gerade für diesen Bereich unseres Körpers sehr dünn. Die große Rückenfaszie ist da wesentlich besser erforscht, denn unter Rückenschmerzen leiden so viele Menschen, da gibt es unglaublich viele Forschungsgelder, aber die Stimme fristet an der Stelle leider ein eher trostloses Dasein.

Also behelfen wir uns mit empirischer Forschung, probieren selbst und mit unseren Schüler:innen neue Wege, machen uns unsere eigenen Gedanken und fügen die verschiedenen Wissensgebiete zusammen.


Bücher, die für diesen Artikel eine Rolle gespielt haben und die ich ausdrücklich empfehlen möchte, wenn man sich weitergehend mit Faszien beschäftigen möchte, sind:

Thomas W. Myers: Anatomy trains – Myofasziale Leitbahnen für Manual- und Bewegungstherpeuten

R. Schleip, T.W. Findley, L. Chaitwo, P.A. Hiujing (Hrsg.): Lehrbuch Faszien – Grundlagen, Forschung, Behandlung

beide im Verlag Urban und Fischer


 

 

 

 

 

 

Share on facebook
Facebook
Share on twitter
Twitter
Share on linkedin
LinkedIn
In this article: